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Schreibprozess

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Als Schreibprozess bezeichnet man die Gesamtheit der kognitiven und psychomotorischen Vorgänge, die nötig sind, damit ein Text entsteht. Denn Schreiben bedeutet nicht einfach, dass etwas formuliert wird, was so schon im Kopf des Schreibenden existiert und nur noch zu Papier bzw. in den PC gebracht werden muss. Vielmehr werden beim Schreiben Inhalte auch erst neu geschaffen. Der amerikanische Linguist Wallace Chafe beschrieb das Schreiben 1977 als kreativen Prozess, in dessen Verlauf sich Gedanken durch Sprache materialisieren. Probleme beim Schreiben bedeuten deshalb nicht unbedingt, dass jemand Formulierungsprobleme hat - also nicht weiß, wie er es sagen soll. Vielmehr ist oft noch das Was unklar, um das es gehen soll.

Modell des Schreibprozesses nach Hayes & Flower

Bekannt geworden ist das Modell des Schreibprozesses von John R. Hayes und Linda S. Flower (1980). Es wurde anhand von Äußerungen entwickelt, die Probanden während des Schreiben von sich gaben ("Thinking-aloud-Protokolle"). Nach diesem Modell ist der Schreibprozess Teil eines drei Komponenten umfassenden Modells. Zu dem gehören

  • das Langzeitgedächtnis des Autors (dazu gehören dessen Wissen über das Thema und den Adressaten? sowie seine Pläne)
  • das Aufgabenumfeld, das sich wiederum unterteilt in den
    • Schreibauftrag mit Thema, Adressat und Motivation einerseits und
    • die bisher geschriebenen Textteile, die das künftig zu Schreibende beeinflussen und ihrerseits ja auch überarbeitet werden müssen
  • der Schreibprozess selbst mit seinen drei Teilen
    • Planen - Ideen generieren, strukturieren, Ziele setzen
    • Formulieren
    • Überarbeiten

Das Modell des Schreibens als Gesamtheit von Planen, Formulieren und Überarbeiten hat sich durchgesetzt, auch wenn daran kritisiert wird, dass es das Schreiben rein als kognitiven, mentalen Prozess betrachtet und die äußeren, z. B. soziokulturellen Bezüge vernachlässigt.

Foto: Marko Greitschus / www.pixelio.de

Schreibtypen

Nach dem bisher Gesagten erfolgt das Schreiben in zwei Bewegungen: Es werden ...

  • Ideen generiert und ...
  • Gedanken strukturiert

Beide Bewegungen erfolgen ineinander verschränkt. Mal steht mehr die eine im Vordergrund, mal die andere. Je nach Schwerpunkt lassen sich hieran auch die Schreibtypen herauskristallisieren: Die einen gliedern vorab und schreiben dann (Top-down-Schreiben), die anderen entwickeln die Struktur beim Schreiben (Bottom-up-Schreiben). Diese Unterscheidung ist aber sehr schematisch. Oft werden beim Schreiben nämlich auch beide Strategien angewendet. Entsprechend groß ist die Zahl der Schreibtypen. Hanspeter Ortner? hat aufgrund der Aussagen erfolgreich Schreibender bis zu zehn verschiedene Typen herausgearbeitet - vom nichtzerlegenden Schreiben (in einem Wurf) über das Versionenschreiben und das planende Schreiben bis zum extrem zerlegenden Schreiben von Textpuzzeln ohne vorherigen Plan.

Ulrike Scheuermann? hat in "Schreibdenken" (2012) die vier häufigsten Schreibtypen aufgelistet:

  • Planer - gliedern vorab
  • Drauflosschreiber - gliedern beim Schreiben
  • Versionenschreiber - schreiben beim Überarbeiten immer neue Versionen
  • Patchworkschreiber - schreiben Puzzleteile, die sie dann zusammensetzen

Die praktischen Schritte des Schreibprozesses

In Ratgebern? für Studierende und beruflich Schreibende wird der Schreibprozess generell wie folgt beschrieben:

  • Vorbereitung (z.B. Thema eingrenzen, Fragestellung festlegen, Schreiplan machen, aber auch: Schreibort finden, sich einstimmen)
  • Ideen sammeln (recherchieren)
  • Strukturieren (gliedern)
  • Rohtexten (die erste Fassung zügig herunterschreiben, )
  • Überarbeiten (zuerst inhaltlich, dann formal)
  • Feedback einholen (manchmal wird das auch schon nach dem Rohtexten empfohlen)

Wichtig ist, dass keine dieser Phasen entfallen und dass für die Überarbeitung viel Zeit eingeplant wird - bis zur Hälfte der gesamten zur Verfügung stehenden Zeit.

Literatur (Auswahl)

  • Chafe, Wallace L. (1977) Creativity in Verbalization and its Implications for the Nature of Stored Knowledge. In: Freedle, R. (Hg.) (1977) Discourse Production and Comprehension. Norwood: Ablex, 41-55
  • Kruse, Otto: Lesen und Schreiben. UTB, Stuttgart 2010
  • Hayes, John R. / Flower, Linda S.: Identifying the Organization of Writing Processes. In: Gregg, Lee W. / Steinberg, Erwin R.: Cognitive processes in writing. Hillsdale: Lawrence Erlbaum Associates, 1980, S.3-30
  • Molitor-Lübbert, Sylvie: Schreiben und Denken. Kognitive Grundlagen des Schreibens. In: Perrin, Daniel u.a. 2003, S. 33-46
  • Perrin, Daniel / Böttcher, Ingrid / Kruse, Otto / Wrobel, Arne (Hg.): Schreiben. Von intuitiven zu professionellen Schreibstrategien. OA 2002, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2. Aufl. 2003
  • Scheuermann, Ulrike: Die Schreibfitness-Mappe. Linde Verlag, Wien 2011
  • dies.: Schreibdenken. UTB, Stuttgart 2012
  • Schwind, Karin: Schreibblockaden lösen: Wegweiser zum souveränen Schreiben. Dortmund-Verlag, Dortmund 2012, ISBN: 978-3943262544

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