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Sprichwort

Das Sprichwort ist eine kurze, leicht verständliche und volkstümliche Aussage, die eine allgemeingültige Lebenserfahrung formuliert. Seit der Antike werden Sprichwörter gesammelt und nach wissenschaftlichen Maßstäben untersucht.

Definition

Das Sprichwort ist eine kurze, leicht verständliche und volkstümliche Aussage, die eine allgemeingültige Lebenserfahrung formuliert oder Regeln für den Lauf der Welt aufstellt. Wichtige sprachliche Merkmale eines Sprichworts sind: Bildlichkeit?, Rhythmik?, Alliteration?, Reim? oder Assonanz? („Morgenstund hat Gold im Mund“).

Den meisten Sprichwörtern wohnt eine lehrhafte Tendenz inne, die teils offen als Warnung, Vorschrift oder Gebot zu erkennen ist, teils maskiert als praktische Erfahrung auftritt. Sprichwörter sind ihrem Wesen nach ahistorisch, das heißt, dass sie am Beispiel des Einzelfalls die ewige Wiederkehr des Gleichen unterstellen („Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“).

Das Sprichwort – als sprachlicher Träger bestimmter Wertvorstellungen und kollektiver Erfahrungen, die in einem Volk lebendig sind oder waren – wird von Generation zu Generation tradiert. Sprichwörter sind nicht an bestimmte Epochen, Schichten oder Landschaften gebunden. So kommt es häufig zur Übernahme von Sprichwörtern aus der einen Sprache in eine andere.

Das Sprichwort ist ein interdisziplinärer Forschungsgegenstand. In der Literaturwissenschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Spezialforschung etabliert, die sich mit Entstehung, Wanderung und Abwandlung von Sprichwörtern befasst. Die Ergebnisse der modernen Sprichwortforschung sind jedoch nicht nur für Sprach- und Literaturwissenschaft von Interesse, auch Philosophie? und Kulturwissenschaft? profitieren davon und legen ihrerseits Studien? zur erkenntnis- und moralphilosophischen Bedeutung von Sprichwörtern vor.

Der Terminus Sprichwort ist scharf von den Begriffen Epigramm?, Aphorismus, Redensart? und Sentenz? zu unterscheiden. Als Sonderformen des Sprichworts gelten Rechtssprichwörter und Bauernregeln. Aufgrund ihres allgemeingültigen Anspruchs werden Sprichwörter häufig zum Gegenstand von Parodien.

Entstehung und Entwicklung

Als wichtigste Quellen der Sprichwörter werden das antike Schrifttum, die Bibel und die volkstümliche Spruchweisheit angesehen.

Die griechischen Sophisten? verwenden Sprichwörter mit Vorliebe als Bausteine ihrer Reden und Schriften. Seit der Antike werden Sprichwörter gesammelt und nach wissenschaftlichen Maßstäben untersucht (Paroimiographie?). Insbesondere Aristoteles?, sein Schüler Klearchos von Soloi? und der alexandrinische Gelehrte Zenobios? sind als bedeutende Paroimiographen? zu nennen, die in den Sprichwörtern die „Urweisheit der Menschen“ erblicken.

Diese zum Teil sehr umfangreichen Sammlungen? werden im frühen Mittelalter zum „Corpus Paroemiographorum“ zusammengefasst. Daneben entstehen eigenständige lateinischsprachige Kompendien?, die vorwiegend aus antiken und christlichen Schriften hervorgehen und unter anderem in Klosterschulen weite Verbreitung finden. Vereinzelt enthalten diese Sammlungen (E. v. Lüttich? „Fecunda ratis“) auch schon frühe Zeugnisse der deutschsprachigen volkstümlichen Spruchweisheit (jedoch in lateinischer Übersetzung).

Als älteste deutschsprachige Sammlung gilt N. Labeos? Lehrschrift? „De partibus logicae“ (um 1010). Im Humanismus? entstehen sowohl weitere bedeutende lateinische Sammlungen (E. v. Rotterdam? „Proverbia Germanica“ 1508) als auch neue deutsche Kompendien?. Auch M. Luther?, H. Sachs? und Th. Murner? sind als Sammler von Sprichwörtern in die Literaturgeschichte eingegangen.

Im 19. Jahrhundert kommt es unter dem Einfluss von J. G. Herder? und der Romantiker zu einer erheblichen Aufwertung aller Gattungen der Volkspoesie?. Das Resultat sind umfangreiche wissenschaftliche Sprichwortsammlungen, deren Herausgeber? wichtige Quellen zeigen und weiterführende Erläuterungen geben. Zu nennen sind hier vor allem die epochalen Arbeiten von J. M. Sailer? („Weisheit auf der Gasse“ 1810) und die mit 45.000 Sprichwörtern bisher umfangreichste Sammlung von K. F. W. Wander? („Deutsches Sprichwortlexikon“ 1867-1880 in fünf Bänden).

Im 20. Jahrhundert wurde das Sprichwort zu einem interdisziplinären Forschungsgegenstand - eine Entwicklung, die die Bedeutung dieser Prosagattung hervorhebt. Neben Literatur- und Sprachwissenschaft forschen auch Soziologie, Ethnologie und Volkskunde auf diesem Gebiet. Mit der 1984 gegründeten Zeitschrift? „Proverbium“ haben sich die Freunde des Sprichworts ein gemeinsames publizistisches Organ geschaffen.

Sekundärliteratur

  • Köster, Rudolf: Duden Redensarten. Bibliographisches Institut, Mannheim 2007, ISBN: 978-3411705023
  • Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. 5 Bände. Freiburg, Herder Verlag 2006, ISBN: 978-3451054006
  • Schlüter, Christiane: Da liegt der Hase im Pfeffer. Redewendungen und ihre Herkunft. Bindlach, Gondrom Verlag 2005, ISBN: 978-3811225114


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