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Symbol

Das Symbol ist ein bildkräftiges Zeichen, das stellvertretend für eine Idee oder eine Handlung steht. Es ist nur denjenigen verständlich, die wissen, was es bedeutet, oder die aufgrund ihrer kulturellen Prägung die mögliche Bedeutung assoziieren können. Symbole sind nur selten mit einer eindeutigen Aussage verknüpft.

Definition

Symbol (gr. symbolon = Kennzeichen, von symballein = zusammenfügen) nennt man in der Literaturwissenschaft ein bildkräftiges Zeichen, das stellvertretend für z. B. eine Idee, eine Handlung, ein Ereignis oder eine geistige Atmosphäre steht. Das Symbol hat – übrigens nicht nur in der Literatur, sondern auch darüber hinaus – die Eigenschaft, immer nur jenen Menschen verständlich zu sein, die wissen, was es bedeutet, oder die aufgrund ihrer kulturellen Prägung die mögliche Bedeutung assoziieren können.

Das Erkennen von Symbolen und die Entschlüsselung des Sinngehalts gelten als wichtige Voraussetzungen für das Verständnis und für die Interpretation von literarischen Werken?. Den gesamten Komplex von Symbolen innerhalb der Literatur oder eines einzelnen literarischen Werks? nennt man Symbolik? (Lehre von den Symbolen, ihrer Bedeutung, Herkunft und Wandlung). Auch die Sprachwissenschaft – hier vor allem die Semiotik – untersucht Art und Weise der Symbolverwendung.

Die „blaue Blume“ – Symbol der Sehnsucht

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Symbole sind in der Welt der Literatur selten mit einer eindeutigen Aussage verknüpft, häufig sind verschiedene Interpretationsweisen möglich – ja vom Autor sogar erwünscht! Dabei ist für die Art und Weise der Interpretation nicht zuletzt der literarische Horizont und der Gemütszustand des einzelnen Lesers ausschlaggebend. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass viele Symbole ihre volle Bedeutung ausschließlich assoziativ entfalten und folglich beim Leser einen mehr oder minder reichen Fundus an literarischen Vergleichs- und Anknüpfungspunkten voraussetzen.

Eins der bekanntesten Symbole ist die „blaue Blume“, die stellvertretend für die romantische Sehnsucht steht. Theoretisch kann alles als Symbol verwendet werden: Orte, Farben, Tiere, Handlungen, Gegenstände, Krankheiten – unverzichtbare Voraussetzung ist allerdings, dass der Leser das Symbol erkennt und die Bedeutung versteht. Die Grenzen zwischen Symbol, Bild, Emblem?, Zeichen und Metapher sind – vor allem in der modernen Literatur – fließend. Bild und Zeichen sind in ihrer Aussage jedoch oft eindeutiger als das mehrdeutige Symbol.

Foto: Angelika Lutz/ www.pixelio.de.

Entstehung

In der Antike war ein Symbol ursprünglich ein in zwei Hälften gebrochenes Erkennungszeichen, das Eheleute oder Vertragspartner miteinander tauschten, wenn sich ihre Wege für längere Zeit trennten. Häufig handelte es sich dabei um die Hälften eines Ringes, eines Stabes oder einer Münze, die bei einer späteren Wiederbegegnung als Beglaubigung dienen und das früher gegebene Versprechen erneuern sollten.

Von diesem praktischen Zweck ausgehend, fand das Symbol auch in einem übertragenen Sinn in Literatur und Kunst Verwendung – und zwar als bildkräftiges Zeichen, das über sich selbst z. B. auf eine philosophische Idee, eine verbotene Handlung oder ein historisches Ereignis hinausweist. Bereiche, in denen Symbole bis in die Gegenwart eine wichtige Bedeutung haben, sind u. a.: Religion (Taufe), Militär (Fahnenweihe), Selbstdarstellung (Wappen), Psychoanalyse (Träume).

Entwicklung

Seit der Klassik beschäftigten Dichter und Schriftsteller sich verstärkt mit dem Symbol und seiner Verwendung – und nicht selten sind sie darüber in Streit miteinander geraten! Johann Wolfgang von Goethe denkt in seinem Werk? (z. B. „Maximen und Reflexionen“, 1833) mehrfach über Wesen und Funktion des Symbols sowie dessen außergewöhnlichen Wert für die Literatur nach. Goethe ist der Meinung, dass im Grunde alle Dichtung symbolisch verstanden werden kann, das heißt: als Darstellung geistiger Regungen im Wort. Zudem handelt es sich für Goethe nur dann um wahre Poesie, wenn ihre Symbole das Allgemeine repräsentieren, das heißt: Dichtung als symbolische Umwandlung der sinnlich wahrnehmbaren Welt.

Neben Goethes Reflexionen gab und gibt es bis heute noch ungezählte andere Theorien - nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern auch in der Theologie, Psychoanalyse und Soziologie. Das führte zu höchst unterschiedliche, teilweise auch widersprüchlichen Erklärungen. Allen Überlegungen ist jedoch ein gemeinsamer Grundgedanke eigen: Das Symbol weist immer über sich selbst hinaus und steht stellvertretend für etwas, das auf andere Weise entweder überhaupt nicht oder nur unvollkommen ausgedrückt werden kann. Im religiösen Kontext gilt überdies, dass dieses andere, auf das das Symbol verweist, im Symbol auch wirkmächtig ist.

Kunstvoll geschaffene Symbolsysteme

In der Romantik, noch zu Goethes Lebzeiten, machte der Symbolbegriff eine tiefgehende Wandlung durch: weg von der erfahrbaren Welt, hin zu den unerklärlichen Geheimnissen des menschlichen Lebens und der Natur. Doch schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts war das kunstvoll aufgebaute, mystische Symbolsystem der Romantiker überlebt. Dichter und Schriftsteller verzichteten nun größtenteils darauf, über die sichtbare Wirklichkeit hinausgreifende Symbolkomplexe zu errichten. In den folgenden Jahrzehnten ging die Entwicklung ähnlich rasant weiter: Der am Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Stilpluralismus (Realismus, Naturalismus, Symbolismus, Impressionismus?, Avantgardismus) brachte ein nahezu unüberschaubares Nebeneinander von gegensätzlichen, im Grunde unvereinbaren Symbolsystemen hervor.

Die deutsche Literatur und Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts ist reich an namhaften Werken?, die um ein so genanntes Ding-Symbol gruppiert sind, das zum Mittelpunkt des Geschehens wird. Die Ding-Symbole klingen meist schon im Titel an. Zu nennen sind u. a.: Annette von Droste-Hülshoffs Erzählung „Die Judenbuche“ (1842) oder Richard Wagners? musikdramatische Tetralogie? „Der Ring des Nibelungen“ (Uraufführung 1876). Es gibt in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zudem viele bedeutende Romanwerke, deren Handlung sich in einem kunstvoll geschaffenen Symbolkosmos entfaltet, z. B. Thomas Manns „Der Zauberberg“ (1924), Franz Kafkas „Der Prozess“ (1925) und Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929). Auch literarische Figuren können zu Symbolen werden, die beim Leser eine Reihe von (meist vorgeprägten) Assoziationen auslösen, z. B. Odysseus, Ahasver, Faust, Mephisto.

Überaus spannend ist, dass viele dieser zu Symbolen gewordenen Figuren zugleich auch mit einer langen und wechselvollen Stoffgeschichte verknüpft sind. Anhand der genannten Figuren kann jeder Interessierte die Herkunft, die Bedeutung und den Wandel von Symbolen studieren. Oft ergeben sich dabei erhellende Querverbindungen (Faust – Mephisto), die den Leser immer tiefer in die Welt der literarischen Symbole hineinführen.

Literatur

  • Droste-Hülshoff, Annette von: Die Judenbuche. Reclam Verlag, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150018583
  • Kafka, Franz: Der Prozess. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN: 978-3518456699
  • Mann, Thomas: Der Zauberberg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN: 978-3596294336

Sekundärliteratur

  • Butzer, Günter; Jacob, Joachim (Hrsg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Metzler, Stuttgart 2008, ISBN: 978-3476021311
  • Coope, J.C.: Das große Lexikon traditioneller Symbole. Goldmann, München 2004, ISBN: 978-3442216673
  • Kretschmer, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst. Reclam, Ditzingen 2008, ISBN: 978-3150106525


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