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Vignetten

von
A. J. Weigoni

"Flüsse", so schrieb Vladimir Nabokov?, "sind wie Seelen – so grundverschieden, dass wir für jeden Fluss eine andere Sprache entwickeln müssten." Bedruckte Papierseiten entsprechen dem menschlichen Lesetempo, unserem Rhythmus. Diesem Rhythmus folgen A.J. Weigonis "Vignetten", indem sie die Wellenbewegungen des Rheins denen des Nils gegenüberstellen, und setzen sie um in Wellenbewegungen des Lichts und der Gedanken. Weigoni pflegt die Form der Langzeitbeobachtung, er zeigt sich mit den "Vignetten" auf der Höhe seiner Kunst.

Faszination der Literaturgattung Novelle

Satz für Satz bewährt sich diese Novelle als Sprachkunstwerk. Der Autor weiß von jenem "seltsame(n) Verhältnisspiel der Dinge", von dem Novalis? spricht. Nicht zufällig hat Weigoni das Genre der Künstlernovelle, die es erlaubt es krisenhafte Konflikte auf engem Raum zu verdichten. Ein Subtext? der Sehnsucht und der Katastrophen zieht sich durch die Novelle. Weigoni wählt eine gebrochene Perspektive, um dem Leser das Leben von Nataly und Max in ihrer Fremdheit nahe zu bringen, aber er handhabt diese perspektive so virtuos, dass man ihr Raffinement gar nicht bemerkt. Diese Poesie liefert Beispiele für Weltzusammenhänge zwischen Rhein und Nil, sie kann die Fülle der real vorhandenen Dinge aber auch übertreffen. Die offene Struktur seiner Poesie weist darauf hin, dass die Dinge dazu neigen, sich irgendwann aufzulösen. Der Tod ist ebenso Weigonis Thema wie das Leben.

In der Literaturwissenschaft bezeichnet man eine Vignetten? als impressionistische?, meist kurze Szenen, die auf einen Moment fokussieren oder einen Eindruck über eine Figur, eine Idee oder einen Ort? vermitteln. Diese Vignetten finden sich insbesondere bei Theaterstücken und Drehbüchern, aber auch in narrativen Texten wie beispielsweise bei Hemingways "In Our Time". Vignetten weisen eine straffe, überwiegend einlinige Handlungsführung auf, einen gezielten Einsatz szenischer, filmschnittartiger Partien an den Höhepunkten. Weigonis "Vignetten" grenzen an lyrische Formen, die ins Prosaische ausufern. Die Sprache seiner Literatur bietet einen Zufluchtsort, ein Reich der Imagination, eine Utopie jenseits der Wirklichkeit.

Der Falkentheorie Paul Heyses? wird in der Nekropolen–Vignette eine Referenz erwiesen. Die alten Ägypter glaubten nicht an eine ewige Dauer des Kosmos. Sie sahen eine Zeit kommen, da der Schöpfer seiner Schöpfung müde werden würde und zusammen mit ihr ins Nichts zurücksänke, danach begänne der Schöpfungszyklus von vorn. Für die Ägypter fiel das Ende der Menschheitsgeschichte mit dem Anfang zusammen. Bei Weigoni begegnet uns diese zyklische Struktur wieder: Nachdem das Bild der ersten Vignette sich in der letzten Vignette als Sehnsuchtsbild einlöst, wird die Zukunft der Figuren Nataly und Max lediglich angedeutet.

Ein schmales Buch mit grossem Echoraum

Diese "Vignetten" sind eine konzentrierte, kluge Erzählung voller Wahrheit, mit glücklichen Einschüssen von Schmerz und Leidenschaft, von Melancholie und Wut. So besteht diese Novelle aus kurzen, keineswegs ausschweifenden Dialogen, in denen das Wesentliche immer ausgespart wird. Das, was Weigoni erzählen will, erzählt er zwischen den Zeilen, durch das Schweigen der Figuren, durch das, was geschieht und was nicht geschieht. Und dennoch leben diese "Vignetten" von einer immensen Vorstellungskraft und einer sensiblen Beobachtungsgabe. Eine Seite entspricht ungefähr 20 Seiten handelsüblicher handlungsstarker Prosa; der anstrengende, bisweilen fast zermürbende Wagemut, mit dem hier ununterbrochen höchst eigenwillige Schreibweisen entwickelt werden, verlangt nach einer Hornhaut bei der Lektüre. Erst Satz für Satz gelesen, in Lockerung der eigenen Erwartungen, öffnet sich der Blick auf die kantige Schönheit dieser Novelle. Und auch ganz, wie solche Vorfälle, erzählt, dann sein müssen: über allen Zufall hinaus völlig einmalig und individuell und über alles Individuelle hinaus wunderschön musterhaft, wie Goethe das genannt hätte. Kondensieren bedeutet nicht nur komprimieren.

"Ut pictura poesis erit." In den ästhetischen Debatten der letzten Zeit kehrt verdächtig häufig eine berühmte Sentenz wieder. Sie entstammt der Regelpoetik des Horaz?. Damit meinte der antike Dichter, dass die Dichtung "wie Malerei" auf den Leser zu wirken habe. Als "stumme Poesie" oder "beredte Malerei" gehörten in der Antike Kunst und Literatur untrennbar zusammen.

Vokale und tonale Umsetzung der Novelle

"Akustische Maske" nannte Elias Canetti? das Prinzip, Figuren durch ihre Sprache plastisch werden zu lassen. A.J. Weigoni spürt der Sprache in den "Vignetten" vor allem als akustischem Phänomen nach. Dieser Sprechsteller gibt der Sprache einen Körper, verleiht ihr Gestalt und Kontur, er gehört damit zu den Poeten, die nicht nur Text, sondern Klang? produzieren; seine Stimmführung ist nahezu Musik. Unangestrengt schafft er geflüsterte, gesprochene Sprachkunstwerke. Weigoni verfügt über eine schattierungsfähige Stimme, die viele Zwischentöne kennt. Auf eine sensible Art spröde. Sanft und energisch. Warm und weich. Rau und klar.

Selbstironie? und aufrichtiger Affekt sind bei Weigoni eben kein Widerspruch, philosophischer Ernst findet sich mit abgründigem Witz verpaart, und Raffinesse und pophistorische Reflektiertheit paaren sich mit der Komplexität eines Gedichts. Roland Barthes? hat geschrieben, es gebe keine menschliche Stimme auf der Welt, die nicht Objekt des Begehrens wäre – oder eben der Abscheu. Es gibt keine Stimme, zu der wir uns neutral verhalten können.

Weigoni interessiert der Einklang der Vokale?, Konsonanten? und mehrwortigen Verbindungen, das durch vokabuläre? Zusammenfügung hergestellte künstliche Bild. Das Mondäne vereinigt sich mit dem Musikalischen, der Intellekt mit dem Sinnlichen. Seine Stimme erzeugt eine atemberaubende Intimität. Sie ist weich und schwingend wie der Körper einer Katze, und sie kann kalt leuchten wie Mondschein. Aber vor allem ist sie groß, wenn er leise spricht. Dann bricht sie manchmal und zeigt raue Stellen; sie entzieht sich in Momenten der Heiserkeit, um dann um so schöner wiederzukommen. Nicht nur als Sammler von Sprachblüten ist er eine Gelehrtennatur von idealistischem Fleiß und positivistischem Systemdrang, man muss vor seinem polemischen Talent auf der Hut sein. Die geschriebene Sprache ist immer eine Metapher für die gesprochene. Je "echter" sie klingt, desto weiter entfernt ist sie in Wahrheit von der Umgangssprache. In "Vignetten" transportieren sich die Wellenbewegungen der Flüsse Rhein und Nil in sinnlich geschwungene Bögen des Gesprochenen. Hier wird die Dialektik einer beschwörenden Sprachmagie sinnfällig.

Am Knöpfchen drehen, Klangklötzchen schieben

Aus einem musikalischen Einfall heraus entwickelt Tom Täger ein 24teiliges Stück. Der Hörspielkomponist verarbeitet das Thema dabei unterschiedlich, in Sequenzen, Transpositionen und Diminutionen kommen seine Inventionen zu den Vignetten daher. Der Klang der Fremde trifft auf den Verlust von Erinnerung. Kontraste sind für Tom Täger selbstverständlich, die schwelgerische Melancholie gedeiht direkt neben krassen Dissonanzen, und die Intensität des Schrillen verstärkt diejenige des Stillen. Seine Komposition lebt von Polymetriken und Polyphonien. Wie sich der Klang an den Rändern zum Verstummen bewegt, wird das Reisen, und sei es eines in die Wüste des versehrten Ichs, zu einem Akt der Vergeblichkeit, die Kreisbewegung führt zum Verlust von Verankerung und Identität.

Die Vertonung Tägers fügt – mit allen Kontrasten von Tempoverläufen, Klangdichten, dynamischen Abstufungen – über die Wortbedeutungen hinweg zu einer einleuchtenden Zyklik. Die Klänge und Strukturen sind eigenartig: ähnlich und doch immer wieder neu, streng und doch offen. Das Zuhören führte an ein Zeitempfinden heran, wie es in dieser Weise selten zu erleben ist. Oft gibt es das Missverständnis, Energie gleich Lautstärke. Intensität steckt auch in extrem ruhiger und gleichförmig fließender Energie, quasi im Nichts. In der Hörspielmusik dieses Soundtüftlers gibt es extrem leise Stellen. Und trotzdem ist da unentwegt ein Energiefluss spürbar, es brodelt etwas.

Die Literaturgattung Novelle wird neu definiert

Die Geschichte der Literatur ist eine Geschichte der Verweigerung, die Verweigerung der Dichtung, sich Erwartungen und Vorgaben unterzuordnen, und die Weigerung, Widerspenstige wie A.J. Weigoni in die Hallen des literarischen Kanons einzulassen, durch die einsam Thomas Mann west. Als Schriftsteller empfindet Weigoni den enormen Abstand zwischen künstlerischer Wahrheit und der Notwendigkeit, diese Wahrheit fürs Publikum? ansprechend zu verpacken, um überhaupt gehört zu werden. Über viele wesentliche Dinge im Leben entscheidet der Zufall.

In der Literaturgeschichte kann man sich keinesfalls auf Zwangsläufigkeiten verlassen. Kein Dichter, keine Autorin wird zwangsläufig entdeckt oder übersetzt. Stets gehören persönliche Initiative, verlegerischer Mut und Spürsinn und ein gerüttelt Maß an glücklichen Umständen dazu, damit ein Werk von großer, aber nicht unbedingt mainstreamglatter Schönheit dem Vergessen entrissen und in einen anderen Sprach– und Kulturraum transportiert werden kann. Wer Weigonis Arbeiten aus den letzten Jahren kennt, ist mit seiner sinnlichen, den Gegenstand umkreisenden, dann bestimmt zupackenden Sprache vertraut.

Man erinnert sich an seinen wie beiläufig klingenden Umgang mit biblischen und mythologischen Anspielungen, kennt diesen ganz besonderen, mit fingierter Naivität anhebenden, dann in Traumbildern von großer Plastizität ausschweifenden, stark rhythmisierten Erzählton, der seine volle Kraft im Augenblick des Schocks entfaltet, wenn plötzlich – in einer Geste, einem Bild oder in einer kurzen, abrupten Formel – der Abgrund erkennbar wird, aus dem er seine Protagonisten für Momente ans Licht zieht.

Wie in anderen Geschichten führt dieser Abgrund auch in den "Vignetten" in die triebhaften Tiefen einer von Sprachlosigkeit, existenzieller Not und dumpfen, übermächtigen Zwängen beherrschten Welt. In dieser Prosafolge lebt A. J. Weigoni seinen narrativen Reichtum lässig aus. Sein Erzählton macht kein Aufhebens, er betreibt – und das macht den besonderen Charme der Geschichten aus – eine Art buchhalterisches Understatement. Das Schweigen hat einen weiten Echoraum in Weigonis' Schaffen, die eigentümliche Spannung von Weigonis Novelle ergibt sich kaum aus ihrer Fabel, sondern wesentlich aus der Ökonomie des Erzählens, einer kammermusikalischen Genauigkeit und Diskretion.

Jede Vignette ist eine Maske mit bestimmten Ausschnitten

In gleichmäßig zügigem Tempo, ohne Verweilen, ohne Luftholen gehen die Ereignisse voran. Jeder Satz ist eine kleine Überraschung. Hier entsteht das Geflecht der Leitmotive und Dingsymbole wie von selbst aus der Aufmerksamkeit für die realistischen Details. Die Hauptfiguren Nataly und Max sind tief ergriffen von der realen Gegenwart, dem Gefühl, daß alle Zeiten nur eine sind, daß sie in allen leben und alle in ihnen. Wie der Rhein in Caput I „Mäander“ unmerklich zum Bedeutungsraum wird, so im 2. Kapitel „uräus“ der Nil.

Dieses Mäandern ist eine Form zwischen Polen suchender Schreibart, die dialogisch von Assoziation zu Assoziation Erkenntnisse produziert. Worin die "unerhörte Begebenheit" liegt, welche diese Novelle nach Goethes Definition zu einer solchen macht, erfährt man erst auf den letzten Seiten. Mit dem Wünschelruten–Blick des Schatzsuchers laufen Nataly und Max über den Wüstensand und nehmen die Erschütterungen und Blessuren auf, die die Verheerungen der Geschichte diesen alten Landstrichen zugefügt haben. Im Rhythmus der Schritte erschließt sich ihnen der Geist dieser Landschaft, gleichsam das Versmaß? der sie umgebenden Dinge. Es sind die im Wortsinne elementaren Gewalten, die das Leben bestimmen – aber erzählerisch zurückgenommen ins Kleinformat des Alltäglichen. Dass jedes Ding in dieser erzählten Welt über sich hinausweisen kann, verdankt sich gerade der Sorgfalt, mit der sie alle dem Realitätseffekt dienen.

"This is not a love-song" (PIL)

Weigoni hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die nicht durch einen Kuss besiegelt werden muss. Unauffällig und früh sind die Signale gesetzt, diese novellistische Flussfahrt umsegelt die Scylla des Pathetischen ebenso sicher wie die Charybdis der Sentimentalität; diese verdankt sich der Sparsamkeit der erzählerischen Mittel und dem weiten Horizont, in den hinein dieses Erzählen sich öffnet. Meisterhaft ist sie in einem ganz handwerklichen Sinne. Und eben deshalb erreicht sie so sicher jenen Punkt, an dem die stupende Präzision der pièce bien faite umschlagen kann in die Magie des Geschichtenerzählens. Mit Ossip Mandelstam? gesagt: Poesie ist Ausbruch von Energie und ein Luxus, aber ein notwendiger. A.J. Weigoni ist in diesem Sinne ein luxurierender Schriftsteller.

Bei A. J. Weigoni entsteht das Schreiben aus sprachlicher Verdichtung, seine Novelle ist eine bewegende Hommage an das Leben in und aus der Möglichkeitsform: das Lesen. Seine gleichsam magische Begabung liegt darin, sich alles, wofür er Worte findet, spontan anverwandeln zu können. In seiner semantischen Mehrschichtigkeit zeigt er zugleich exemplarisch, was ihn als ProsaAutor so heraushebt: eine poetische Genauigkeit und doch Offenheit der Sprache, die bewirkt, dass sich jedem einzelnen Wort hinterher lauschen lässt, als enthalte es eine ganze Welt.

Folgen viele solcher Worte aufeinander, entsteht etwas, das am ehesten als eine Art assoziativer Klangraum bezeichnet werden könnte, ein schwer zu fassendes Phänomen, das eng mit der offensten aller Künste, der Musik, verwandt ist. Lese–Musik im Kopf. Seltener als man glauben möchte, gibt es unter Schriftstellern jene Solitäre, die vor allem ihrer inneren Stimme folgen und auf deren Werk der Markt und seine Moden oder die Eigenbewegung der Kunst nur wenig Einfluß haben. Manche werden berühmt, andere kommen und gehen weitgehend unbemerkt.

Der Schwebezustand der Poesie

Das Projekt "Vignetten" ist eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen, es schafft ein Gefühl für individuelle Tragödien, die nicht durchs Visuelle geprägt sind, sondern durch Verhältnisse, Spannungen, Energieverschiebungen und Differenzen, durch die Domänen der Sprache und der Kunst. Hier kann man begreifen, dass das Gedicht von der Rose nicht gilt: Der Rhein ist nicht der Nil ist kein Rinnsal. Die Dingwelt lebt – und zwar gerade in ihrer höchst vergänglichen Einmaligkeit.

Literaturangaben

  • Weigoni, A. J.: Vignetten. Novelle. Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover
  • Die akustische Umsetzung ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info (at) tonstudio-an-der-ruhr.de

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