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Winkler, Josef

Josef Winkler (geb. 3. März 1953 in Kamering/Kärnten) ist ein österreichischer Schriftsteller. Zu Bekanntheit gelangte er mit der Romantrilogie? „Das wilde Kärnten“ (1979-1982), in der er Erfahrungen aus seiner Kindheit verarbeitet. 2008 wurde Josef Winkler mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, der als bedeutendster deutscher Literaturpreis gilt.

Leben und Schreiben

Josef Winkler wurde am 3. März 1953 in Kamering/Kärnten geboren und wuchs in einer konservativen Bauernfamilie auf. Er besuchte die Dorfschule und wechselte 1968 an die Handelsschule in Villach, blieb jedoch ohne Abschluss. Später ging er nach Klagenfurt, wo er an der Universität für Bildungswissenschaften Seminare in Germanistik? und Philosophie belegte. Von 1973 bis 1982 war er an der Universität Klagenfurt als Verwaltungsangestellter beschäftigt. Seit 1982 lebt er als freier Schriftsteller.

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Josef Winkler gilt als einer der wichtigsten und innovativsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Literaturkritiker nennen ihn mittlerweile in einem Atemzug mit Thomas Bernhard, Peter Handke, Jean Genet? und Hans Henny Jahnn?. Charakteristisch an seinen Büchern ist, dass sie keine Geschichte im traditionellen Sinn erzählen. Seine fragmentarisch? komponierten Romane und Erzählungen sind nüchterne Protokolle? der zerrissenen menschlichen Existenz, in denen Tod, Gewalt, (Homo-)Sexualität, Exhibitionismus und Katholizismus von herausragender Bedeutung sind. Das nicht unkomplizierte Verhältnis von Sexualität und Katholizismus spielt dabei die entscheidende Rolle.

Vor allem Winklers Frühwerk sorgte bei seinem Erscheinen für heftige Kontroversen und wurde aufgrund der eruptiven Sprachgewalt und drastischen Symbolik? als „Amoklauf-Prosa“ (Karl Krolow?) bezeichnet. Josef Winkler wurde 1979 mit dem Verleger-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet, außerdem erhielt er unter anderem den Kranichsteiner Literaturpreis? (1990), den Alfred-Döblin-Preis? (2001) und den Georg-Büchner-Preis (2008).

„Das wilde Kärnten“ (1979-1982)

Seinen eigenen Worten zufolge kam Josef Winkler durch zwei besondere Erlebnisse zum Schreiben. Zum einen entdeckte er den französischen Schriftsteller Jean Genet? für sich und stieß bei der Lektüre auf dessen Motto „Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen“. Zum anderen führte der Doppelselbstmord zweier homosexueller Jungen aus seinem Heimatdorf dazu, dass „meine Sprache wie ein Geschwür aufbrach“. Durch diese Erlebnisse zum Schreiben animiert, erreichte Winkler das Lesepublikum? zuerst mit der umfangreichen Romantrilogie? „Das wilde Kärnten“, deren Bände „Menschenkind“ (1979), „Der Ackermann aus Kärnten“ (1980) und „Muttersprache“ (1982) vor allem in Österreich heftig diskutiert wurden.

Winkler rekonstruiert darin seine Kindheit auf dem Land und zeigt dem Leser eine düstere Welt der Repression und Gewalt. Schrecken flößt vor allem die Figur des Vaters ein, der mit der einen Hand das Vieh streichelt und mit der andern die Kinder prügelt. Beherrschende Themen sind Tod und Homosexualität. Mit dem Roman „Der Leibeigene“ (1987) und der Erzählung „Wenn es soweit ist“ (1998) knüpfte Winkler thematisch und erzählerisch an diese Trilogie? an.

„Friedhof der bitteren Orangen“ (1990)

Der Roman „Die Verschleppung. Njetotschka Iljaschenko erzählt ihre russische Kindheit“ (1984) nimmt im Werk? Josef Winklers eine Ausnahmestellung ein. „Die Verschleppung“ ist der einzige Prosatext Winklers, im dem er eine Geschichte chronologisch? vom Anfang bis zum Ende erzählt. Vom Feuilleton? wurde der Roman kaum wahrgenommen.

Anders erging es Winklers Italien-Roman „Friedhof der bitteren Orangen“, der 1990 erschien und bei Kritik und Publikum? großen Erfolg hatte. Vor dem Auge des Lesers entwirft Winkler in rauschhaften Bildern ein Italien voller Obsessionen und Exzesse – was einen Literaturkritiker dazu veranlasste, Winkler eine ausufernde Ästhetik des Schreckens und eine frivole Lust am Dekadenten zu bescheinigen. Ein anderer urteilte über das Buch: Es sei der brillanteste Roman von Josef Winkler, in dem sich die Sprache ganz von der Beobachtungskunst des Autors nähre.

„Domra. Am Ufer des Ganges“ (1996)

Mit dem Roman „Domra. Am Ufer des Ganges“ (1996) schlug Winkler ein neues Kapitel in seinem literarischen Schaffen auf. Anders als in den vorangegangenen Romanen und Erzählungen, erzählt Winkler in „Domra“ nicht von den quälenden Erfahrungen seiner Kindheit, sondern von den Erlebnissen während eines Aufenthalts in Benares (Indien). In Benares – die heiligste Stadt des Hinduismus – beobachtete Winkler die Domra bei ihrer täglichen Arbeit des Einäscherns. Die Kritik war von dem Roman eher enttäuscht und bemängelte die gestelzte Sprache sowie die exzessive Inblicknahme des Totenkults.

„Roppongi“ (2007)

Im Jahr 2001 erhielt Winkler für seine Novelle „Natura morta“ (2001) den Alfred-Döblin-Preis?. Es folgte die Prosasammlung „Leichnam, seine Familie belauernd“ (2003), die 80 Prosaminiaturen über Liebe und Tod, Kindheit und Jugend sowie über die Furcht vorm Verstummen enthält. Ein Rezensent meinte lapidar: Die hier vorgelegten Geschichten ließen ihn hoffen, dass der nächste Roman des Autors wirklich interessant werde. Die Hoffnung des Rezensenten ging offensichtlich in Erfüllung. Mit „Roppongi. Requiem für einen Vater“ legte Winkler 2007 einen Roman vor, der von Kritik und Publikum? sehr gut angenommen wurde. Titelgebend für das Buch war ein Stadtteil in Tokio gleichen Namens. Hier hatte Winkler vom Tod seines Vaters erfahren.

Inhaltlich geht es um das schwierige Verhältnis von Josef Winkler zu seinem Vater, der im Alter von 99 Jahren gestorben war. Gattungstechnisch ist „Roppongi“ schwer einzuordnen, das Buch enthält sowohl essayistische als auch erzählerische Abschnitte. Eine Rezensentin fand das Buch: einfach faszinierend.

Winkler mit Georg-Büchner-Preis geehrt

Im November 2008 wurde Josef Winkler mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, der als bedeutendster deutscher Literaturpreis gilt. Mit Winkler erhalte die Auszeichnung ein Autor, der auf die Katastrophen seiner Dorfkindheit mit Büchern reagiere, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig sei, begründete die Jury ihr Urteil. Vom "Winkler-Sound" als Sprache gewordenem "Furor" sprach Winklers Landsmann, der Kulturkritiker Ulrich Weinzierl, in seiner Laudatio. Winkler selbst betonte, die Literatur habe ihm immer wieder Halt im Leben gegeben. Das Feuilleton? reagierte zwiespältig auf die Wahl des Preisträgers. Ein Rezensent monierte, dass Winklers literarisches Schaffen stets in der Enge seiner Ursprünge gefangen bleibe. Ein anderer hingegen würdigte Winkler als einen "der eindringlichsten Dichter des deutschen Sprachraums".

2008 erschien außerdem das schmale Erzählbändchen „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“. Die Sammlung enthält kurze Prosatexte, die um Winklers Reise- und Kindheitserlebnisse kreisen. Das Buch war im Wettbewerb um den kuriosesten Buchtitel 2008 nominiert.

Josef Winkler lebt in Klagenfurt und Italien.

Übrigens ...

gab Josef Winkler in Zusammenarbeit mit Alois Brandstetter? die Literaturzeitschrift?Schreibarbeiten?“ heraus.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Josef Winkler bei Jokers
  • Das wilde Kärnten. Menschenkind / Der Ackermann aus Kärnten / Muttersprache. EA 1979-1982. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2008, ISBN: 978-3518389775
  • Der Leibeigene. EA 1987. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 1998, ISBN: 978-3518026694
  • Friedhof der bitteren Orangen. EA 1990. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2001, ISBN: 978-3518396919
  • Wenn es soweit ist. EA 1998. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2008, ISBN: 978-3518399170
  • Natura morta. Eine römische Novelle. EA 2001. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2008, ISBN: 978-3518455753
  • Leichnam, seine Familie belauernd. EA 2003. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2003, ISBN: 978-3518124420
  • Roppongi. Requiem für einen Vater. EA 2007. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2007, ISBN: 978-3518419212
  • Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot. EA 2008. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2008, ISBN: 978-3518125564

Hörbücher

Sekundärliteratur

  • Abspracher, Christiane: Eros und Thanatos. Sexualität und Tod in Josef Winklers „Der Ackermann aus Kärnten“. München, Grin Verlag 2007, ISBN: 978-3638664868
  • Höfler, Günther A. / Melzer, Gerhard: Dossier 13. Josef Winkler. Graz, Literaturverlag Droschl 2002, ISBN: 978-3854205142
  • Wieninger, Manfred: Beobachtungen zu Josef Winklers „Friedhof der bitteren Orangen“. München, Grin Verlag 2007, ISBN: 978-3638688055

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