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Wortspielhalle

eine Sprachpartitur von
A. J. Weigoni & Sophie Reyer

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Geistesverwandtschaft auf den ersten Klick. Die Verwandlungskünstlerin Sophie Reyer textet mit dem Sprechsteller A.J. Weigoni. Man meint zwischen ihren Zeilen hören zu können, wieviel Spaß die Schriftsteller dabei hatten, dieses Projekt per elektronischem Brief zu erarbeiten. Und dieser Spaß geht nicht etwa auf Kosten der Leser, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe. Ein charmanter Unterhaltungswert poetischer Art.

Atemlos reflektiert

In einer Welt, die von Globalisierung, Quotenabhängigkeit und Fusionen bestimmt wird, droht eine Nivellierung des Individuellen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bildet die Poesie als literarische Ausdrucksform einen Gegenpol zur mentalen Versteppung und vermittelt geistige Orientierung. Die lyrische Kompression von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zur Twitteratur bietet die Möglichkeit, sich die Kodierungen der Nachrichten– und Informationskanäle, der Bild–, Ton– und Filmarchive in intensiver Textausdeutung zu erschliessen. Diese Literatur Clips sind verschachtelt, von Tempo– und Harmoniewechseln durchzogen, daß beim Lesen keine Langeweile aufkommt. Es ist eine vitale Form der Sprache. Wo sonst kann das ABC freier sprechen?

Konfrontation anstelle der Dekonstruktion

Quasi aus einem Doppelgedächtnis rufen Sophie Reyer und A.J. Weigoni ein k.u.k. in Erinnerung, daß sie als ‚Kunst und Klang’ sinnfällig durchbuchstabieren. Ihre Wortspielhalle ist ein Platz für eine Twitteratur außerhalb normierter Sprachregularien, ein Oszillieren zwischen Eigenart und Eigensinn. Natürlich gab es die Spielregel sich bei der Gattung Twitteratur an die 140 Zeichen zu halten, ebenso oft haben sie gegen diese Regel jedoch verstoßen. Die Komponistin und der Hörspieler präsentieren in ihrer Wortspielhalle eine Literatur als Gegenprogramm zu Alltag und Banalität. Hier findet keine experimentelle Textzertrümmerung statt, diese Poesie spiegelt eine fragmentarische Gesellschaft, diese Autoren öffnen den Blick auf die Gegenwart. Nicht nur die Literatur bedarf der Befreiung durch den Sprachwitz, mehr noch der Leser. Und manchmal steckt eine solche Subversion in einem Diminutiv, gelegentlich in einem dialektalen Wispern. Die Wienerin Sophie Reyer hält nicht ostentativ an ihrer Sprachfärbung fest, ihr Schmäh hat keine Sanftheit behalten, sondern eine polemische Schärfe gewonnen, die man dieser zierlichen Frau nicht zutraut. Diese sprachmächtige Autorin wird umso bissiger, je lyrischer sie textet.

Der drängende Wille zum Tun, die schöne Lust am Spiel

Weit davon entfernt sich von ihrem Charme abwatschen zu lassen, setzt der ungarisch rheinische Ver Dichter? A.J. Weigoni auf Snobismus, analytische Tiefe und der Verfolgerung der etymologischen Spuren. Wie seiner Mitverschwörerin geht es ihm darum die Monumentalität der Musik in Poesie einzuschmelzen, ohne Ehrfurcht. Bei Reyer und Weigoni kann man den Unterschied zwischen österreichischer und deutscher Literatur lesen. Er liest sich ähnlich, wie die Differenz zwischen irischer und englischer Literatur. In einer großen Sprachfamilie haben die Mitglieder der Familie, die a bissl am Rand sind und die sich schon vermischen mit fremden Sprachen, eine andere Ekliptik zur Wirklichkeit, auch eine andere Ekliptik zur Sinnlichkeit. Das Österreichische ist leichtfüssiger und auch a bissl schlampiger, in der Schlampigkeit aber manchmal im Ungefähren auch präziser. Deswegen gibt die Wiener Schule, die eine sehr geglückte Dialektdichtung hat, da das Wienerische sich sehr dazu eignet und eine große Präzision hat – übrigens das Rheinländische auch – aber dann sind wir auch schon durch mit den deutschen Dialekten. Die Sprache ist weicher und sie ist anschmiegsamer und hat natürlich auch ihre Unverbindlichkeiten manchmal, also sie hat auch Nachteile. Die Aufmerksamkeitsspanne, die Weigoni seinem Gegenüber und dem Leser abfordert, ist von enormer Gewitztheit. Sein Eindampfen stellt in jedem Fall eine Verdichtung war. Seine Twitteratur läßt einen philosophischen Bildungsroman auf wenige Zeilen zusammenschnurren, während er als Erzähler auf der Suche nach dem Sinn des globalisierten Lebens ist – wie wir alle.

Unzuverlässige Wirklichkeit

Was Reyer und Weigoni gemeinsam haben, ist der Hang zum Spiel, zum Luftigen, zum Unernst. Sie sind intellektuelle Spieler, zuweilen wilde Poeten und treten auch als politische Polemiker in Erscheinung. In ihrer Onomatopoesie lassen sie den Leser die ganze Emphase ihrer Virtuosität und alle Lust ihrer barock farbigen Fabulierfreude zuteil werden. Sie haben mit ihrem furiosen Kombinieren eine Poesie gezirpt und gezwitschert, die in ihrer Exzentrik die bittere Heiterkeit mittelalterlicher Narren mit der Melancholie verlorener, verstossener Existenzen verbinden und daraus eine aufsässige Selbstbehauptung schöpfen, ein intertextuelles Mythenkunstwerk. Man hat den Eindruck, als würden sie Puzzleteile zusammensetzen, die nie ganz ineinander passen und dann überraschenderweise doch genau zusammengehören. Wenn man am Ende das fertige Puzzle betrachtet, kann man zwar ein Bild erkennen, meint aber durch feine Risse hindurchsehen zu können.

Sensibilität für die Diversität von Gesellschaft und Poesie

Auf einer Meta–Ebene ist diese Wortspielhalle auch eine Erinnerung an ein Lesen, welches das Leben von Sophie Reyer und A.J. Weigoni verwandelte, man erkunde vielleicht sogar vorab, dazu das aufschlußreiche Kollegengespräch zwischen der Verwandlungskünstlerin und dem Sprechsteller auf dem Online-Magazin Kulturnotizen lesen. Wie in dem früher schon publizierten Gespräche zum Thema Performance erkunden die Autoren präzise das Geheimnis künstlerisch reflektierter Spontaneität. Es ist aufschlussreich für dieses artistische, hoch reflektierte Stück Literatur. Jede zweite Lektüre ist eine Widerbegegnung mit dem Text und mit dem, der man gewesen ist, der man wohl nie aufgehört hat zu sein. Kein Bildhauer kann wie Michelangelo meißeln, kein Maler wie Vermeer malen, keine Dramatikerin wie Ilse Aichinger dichten. Reyer und Weigoni erschaffen lediglich eine Wirklichkeit durch die Deutung der Realität, die uns Leser umfängt. Literarisches Werk und Biografie werden aufeinander bezogen, das Eine aus dem Anderen erklärt.

Inventionen von Peter Meilchen

Die Inventionen in diesem Buch / Katalog stammen von Peter Meilchen. Weil die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen der Welt sind, betrifft die meisten Menschen nur die Welt der Mitteilbarkeit und ihr gemeinsames Symbolsystem, Peter Meilchens Welt hat andere Grenzen, in ihr können Bilder vorkommen, die sich selbst bedeuten. Die bildende Kunst nimmt wieder ihren Ort im Dreieck Kunst – Idee – Bild ein. Und eine Idee zu einem ganzheitlichen Bild, das unterschiedlichste Dinge vereint, zu formen, darin besteht die große Aufgabe künstlerischen Schaffens. Keineswegs ist die Welt also nur alles, was der Fall ist, der Künstler kann es so zeigen, daß sie uns auf fremde Weise vertraut vorkommt. Meilchen hinterfragte in Zusammenarbeit mit Weigoni die Widersprüche zwischen Wort und Bild, überschritt aber früh die Grenzen der Malerei, indem er Installationen, Künstlerbücher, Fotografien oder den Film Schland schuf. Er verspricht dem Betrachter eine Wirklichkeit, die jene Bildwirklichkeiten nicht mehr benötigt, in welche der Betrachter seit der Renaissance gleichsam einem Fenster hineinsieht. Ein Bild interessiert ihn nur, wenn es anders wird als das, was ich man sich vorgestellt hat. Mit Bildern ist es wie mit Wünschen: Die unerfüllten bleiben intakt, die erfüllten werden flach. Einer der Vorteile von Kunst gegenüber der Wirklichkeit ist die Hemmungslosigkeit, mit der man sie ansehen darf.

Ein literarischer Generationenvertrag

Die Aneinanderreihung von Literatur Clips wirkt wie ein Kommentar zur Rezeption der Poesie im Zeitalter der digitalen Fotografie und lädt dagegen zum Verweilen ein. Gerade das Spannungsverhältnis zwischen objektiven Fakten und subjektiver Interpretation ist es, was diese Twitteratur zu einem spannenden Vermittler von Information und Geschichte macht – besonders wenn sie, statt die Ambivalenzen hinter der Strenge eines Sonnets zuverstecken, diese in den Vordergrund rückt. In diesem Bewußtseinsstrom werden in ungeordneter Folge Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergeben. Hinter den zahllosen Verflechtungen der verarbeiteten Stoffe und Stile, hinter den weitgespannten Verweisen zwischen den Zeilen, stößt der kundige Leser auf die Vieldeutigkeit menschlicher Existenz, auf Unberechenbarkeit sowie auf die Unmöglichkeit, klare ethische Richtlinien festzulegen, aber eben auch auf die Mahnung, sich gleichwohl eine ethisch/moralischee Ordnung zu geben. Reyer und Weigoni sind letztendlich auch Menschen, die lesen, sie sind – wie wir alle – Leser ihrer selbst.

Literaturangaben

Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

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