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Café Anschluß. Als Österreicher unter Deutschen

von
Michael Ziegelwagner

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Als im Süden Deutschlands aufwachsender Steppke bekommt man schnell mit, dass es noch weiter im Süden ein kleines Land gibt, in dem ebenfalls Deutsch gesprochen wird; jedenfalls so was in der Art. Im Pennäleralter amüsiert man sich darüber, dass die Österreicher zur Johannisbeere Ribisel sagen, eine Vokabel, die einem bayrischen Verb fürs Wasserlassen sehr ähnelt. Dann, in der Blüte seines Teenagerdaseins, lacht man sich tot, wenn Fußballspieler von Mannschaften wie „Gießwein Kufstein“ oder „Eduscho Eisenstadt“ sogar auf dem Gesäß für ihren Sponsor werben. Als junger Erwachsener wähnt man sich schließlich großmütig, wenn man derlei Klischees durch ein freundlicheres Österreichbild ersetzt, gespeist aus der Liebenswürdigkeit der verschlafenen Wiener K&K-Nostalgie, der täglich neuen Skandalfolklore um Puffs und Politik, dem freundlich verpackten Alltagsrassismus und der philosophisch motivierten Morbidität der Künstler.

Dass auch das freilich ein ausgemachter Schmarrn ist, zeigt Michael Ziegelwagner? in seinem autobiographischen deutsch-österreichischen Integrationsbuch „Café Anschluß“. Mit Mitte zwanzig siedelt der Niederösterreicher von Wien nach Frankfurt am Main um und setzt sich bei seinen Betrachtungen eine rotweißrote Brille mit extradicken Gläsern auf. Ihm begegnen Teutonen, die ihn über sein Heimatland aufklären wollen oder glauben, seine schlechte Laune sei Ausdruck von Charme. Er wird in „schlecht erfunden“ klingendem Hessisch angesprochen, während man in Österreich die Leute in Ruhe lasse, sucht Spuren seiner Heimat, findet aber nur Café-Häuser, denen er, so schlecht wie sie von den Deutschen imitiert werden, ein eigenes Kapitel mit Verbesserungsvorschlägen widmet. Schließlich abonniert er zur Bekämpfung seines Heimwehs das österreichische Nationalblatt, die Kronen-Zeitung, bestellt sie aber nach dem Tod des Herausgebers ab, weil um die Leserbriefe darin auf einmal „ein Hauch von Vernunft“ wehe.

Ziegelwagner entlarvt den Deutschen als das, was er ist: zahlreich, konformistisch, verspannt, geltungsbedürftig und vor allem (der deutsche Rezensent kann es bestätigen) sich von seinesgleichen distanzierend. Die kaum bestreitbaren Kehrseiten Österreichs wie die Salonfähigkeit des Rassismus widmet er einfach in erstaunliche Tugenden um. Als Satiriker geraten ihm die Beobachtungen verblüffend und meist ziemlich komisch, wobei er sie immer sprachlich so intelligent ausdrückt, dass er irgendwo recht haben muss. Der Bayer, für den Autor nur ein „gut verpackter Deutscher“, sagt über Rechthaber: „Der zahlt a Mass“. Ziegelwagner widmet seine Spendierfreudigkeit am Ende des Buches einer Landsfrau, mit der er zusammen seine Reflexionen um deutsche Marotten zu einer Liebesgeschichte auf der Loreley? kulminieren lässt. Wenn da mal keine Versöhnlichkeit anklingt.

Autor: Michael Höfler

Literaturangaben

  • Ziegelwagner, Michael: Café Anschluß. Als Österreicher unter Deutschen. Atrium-Verlag, Hamburg 2011, 208 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3855358267


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