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Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien

von
Wolfgang Bergmann & Gerald Hüther

Sie fliehen zuhauf in die virtuelle Welt, verlieren größtenteils den Realitätsbezug und tragen im schlimmsten Fall nicht unerhebliche physische als auch psychische Schäden davon. Es ist die bunte Welt der Unterhaltung, das virtuelle Schlachtfeld, auf dem sie – anders als im wahren Leben – als Helden gefeiert werden, Teams leiten und ganze Schlachten planen und koordinieren. Nicht selten ist der Tribut auf der anderen Seite hoch: Übermüdung, Probleme in der Schule und im sozialen Umfeld, Unterernährung, Aggressionen, letztendlich das Selbstvergessen, die Sucht, der völlige Verlust des Realitätsbezuges.

Doch wie kommt es dazu, dass Kinder und Jugendlich in unserer medienbestimmten Informationsgesellschaft dieser Sucht erliegen? Worin besteht der Reiz, sich völlig abzuschotten, ein zweites Ich aufzubauen und sich letztendlich selbst aufzugeben? Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann? und Hirnforscher Gerald Hüther? – beides renommierte Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet – gehen den Ursachen sorgfältig auf den Grund und erstellen ein Bild der Gesamtsituation. Neben Erfahrungsberichte ehemaliger Computersüchtiger tritt hier vor allem eine Analyse des psychologischen Hintergrunds. Obwohl die zahlreichen Ausflüge in die Bereiche der Hinforschung und der Psychologie doch hin und wieder vom eigentliche Thema abweichen und - aus Sicht des Laien - vielleicht ein wenig zu tief in die Materie führen, so zeigen die Autoren doch gleichwohl, wie und warum der mediale Strudel die Kinder und Jugendlichen von heute so sehr in seinen Bann zieht.

Nicht selten ist das reale Leben dieser Kinder eindimensional, zu leistungsbestimmt, zu rigide in seiner schulischen Struktur und nicht actiongeladen genug. Da lockt es, in der virtuellen Welt als Sieger ganzer Schlachten aufzutreten, als Meister von Gilden, als Held und Vorbild für andere Spieler. Wer in der Schule keinen Anschluss findet, möglicherweise an starken Kommunikationsproblemen zu knabbern hat, findet hier eine Möglichkeit, seine Identität zu wechseln, in eine neue, ruhmreiche Hülle zu schlüpfen und so Anerkennung und Begeisterung zu ernten. Dass die Kommunikation im Alltag stetig abnimmt, das persönliche Umfeld arg zu leiden hat, Freundschaften zerbrechen, Beziehungen scheitern, die Leistungsfähigkeit in Schule und/oder Beruf abnimmt und der Strudel der Sucht sich immer schneller zu drehen beginnt, ist dabei dann keine Seltenheit. Jüngste Schreckensmeldungen von Amokläufen in Schulen haben gezeigt, dass vor allem die Verschmelzung der so genannten Identitäten in einigen, wenigen Fällen bis ins Extreme reichen.

"Wer in den Strudel virtueller Welten eintaucht, bekommt ein Gehirn, das zwar für ein virtuelles Leben optimal angepasst ist, mit dem man sich aber im realen Leben nicht mehr zurechtfinden." Bergmann und Hüther ziehen Bilanz, sie zeigen soziale Probleme ebenso auf wie Methode des Erkennens und Möglichkeiten zu helfen. Die virtuelle Spielmaschinerie entwickelt sich ja alles andere als rückläufig und bindet schon die jüngsten Nutzer gezielt mit kostenpflichtigen Online-Games an sich. Die Spirale dreht sich weiter und weiter. Es sei denn, das Suchtopfer erkennt – wie in wenigen Fällen – die Gefahren und schafft den Sprung von der virtuellen, zurück in die reale Welt, wo es sich zurechtfinden und neu orientieren muss.

Originalbeitrag unter www.literatina.de

Literaturangaben

  • Bergmann, Wolfgang / Hüther, Gerald: Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien. Walter Verlag, Olten 2007, 164 S., 18 €, ISBN: 978-3491421127


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