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Danke, dass Sie hier rauchen

von
Christopher Buckley

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"Massenmörder, Profiteur, Zuhälter, Blutsauger, Kindermörder, Yuppie-Mephistopheles" - seit er als Pressesprecher und Vizepräsident der Akademie für Tabakstudien in Washington DC arbeitet, hat Nick Nayler viele Feinde, die ihn mit diversen Schimpfnamen versehen. Er selbst nennt sich lieber Ermöglicher, Möglichmacher oder Erleichterer. In der Tat tut er als Vizepräsident der vereinigten Tabakfreunde das, was er am besten kann: Reden. Er gewinnt jedes verbale Duell und überrascht in Talkshows mit verdrehten Wahrheiten.

Der Mann mit Ausstrahlung ist mit einem „radioaktiven Lächeln“ bewaffnet. Ihm kauft man alles ab. Sogar, dass der blaue Dunst schlau macht, gegen Parkinson wirkt und gegen Sehnenscheidenentzündungen oder das Ozonloch kittet. Zigaretten auch weiterhin an den Mann oder an die Frau zu bringen und am besten an Jugendliche unter 18, die zur Kernzielgruppe der Tabakindustrie zählen, das ist eben sein Job. Seine Aufgabe löst er mit Bravour. Und er tut es angeblich, um die Hypothek auf sein Haus abzuzahlen, in dem seine Ex-Frau und sein Sohn leben.

Rauchen führt zur Verstopfung der Arterien und verursacht Herzinfarkte und Schlaganfälle

Dabei ist es Christopher Buckleys? Kunst, den PR-Profi nicht als skrupellosen Bösewicht darzustellen, sondern als sympathischen, smarten jungen Mann. Wenn der Lobbyist Zigarettenkonsum als Mittel zur Geburtenkontrolle in der Dritten Welt schönredet, dann ist das nur ein Beispiel für satirische Übertreibung, die den Roman durchzieht wie eine Rauchwolke: Humor, so schwarz wie die Lunge eines Kettenrauchers. So richtig in Debattierlaune kommt Nick Nayler, wenn er sich regelmäßig mit seinen Kollegen der Alkohol- und Waffenlobby zum Lunch trifft.

Das Mittagessen mit Polly und Bobby Jay artet schon mal in einen Wettbewerb darüber aus, wer die meisten Toten auf dem Gewissen hat. Nick führt mit geschätzten 1200 Todesopfern täglich die Rangliste der „Händler des Todes“ an, wie sich das Dreigestirn selbst nennt. Schlappe 30.000 Tote pro Jahr hat Bobby durch tödlichen Gebrauch von Schusswaffen aufzuweisen. Polly hingegen kann eine Summe von täglich 270 Sterbefällen vorzeigen, die durch Alkohol verursacht werden. Zynisch und abgebrüht diskutiert das Trio PR-Strategien gegen das Gesundheitsministerium, gegen den Senator von Vermont und andere Gegenspieler im Kampf um Alkoholiker, Raucher und Waffenbesitzer.

Rauchen kann tödlich sein

An Morddrohungen hat sich Nick bereits gewöhnt, an Mordversuche noch nicht. Und so kann er einem fast leid tun, als er den ersten zwar überlebt, gesundheitlich aber fortan gezeichnet ist. Er, der "niederträchtiger sein soll als Walscheiße", ist nun selbst ein Opfer. Aber auch daraus schlägt seine „Firma“ Profit. Das wiederum ruft das FBI auf den Plan und Nick sieht sich mit Anschuldigungen konfrontiert, wobei er zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen unschuldig ist. Niemand schreckt vor irgendetwas zurück, nur Moralisten verstecken ihre Fiesheiten hinter Scheinheiligkeit.

Und so wird der gesamte Medien?- und Politzirkus ordentlich auf die Kippe genommen. Ein satirischer Rundumschlag auf Medien, Public-Relation, Werbung, Hollywood, Waffenindustrie, Meinungsmache und Politik in einem Land, in dem schlechte Schauspieler immerhin noch Präsident werden können. Da die amerikanischen Verhältnisse aber ohnehin die der restlichen westlichen Welt sind, ist der "Neo-Puritanismus" nicht auf die USA mit ihren 55 Millionen Rauchern beschränkt.

Wer das Rauchen aufgibt, verringert das Risiko tödlicher Herz- und Lungenerkrankungen

Auch Europa lässt seine Raucher mittlerweile im Regen stehen. Tatsächlich hat der Witz, dass Nikotinsüchtige nun nicht mehr an Lungenkrebs sterben, sondern an Lungenentzündung, seinen Ursprung in Buckleys Satire. Dieser bezieht keine eindeutige Position in der Raucher-Nichtraucher-Debatte, die auch in Deutschland ein brandheißes Thema ist und spätestens seit 2008 Funken sprüht. Zigarettenmissbrauch ist in aller Munde. Aberwitzige Seitenhiebe auf beide Fronten machen den Reiz des Buches aus. Hier bekommt jeder sein Nikotinpflaster ab. Tabakinhalierende werden ihr Laster durch "Danke, dass sie hier rauchen" sicher nicht los, andererseits werden Nichtraucher als Folge der Lektüre auch nicht zu den Giftstäbchen greifen. Auch hier weiß Nick Nayler Rat: "Es ist nie zu spät, um mit dem Rauchen anzufangen."

Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu

Dass Rauchen schädlich ist und die Tabakkonzerne dies gerne verschleiern, war auch vor Buckleys Originalausgabe? aus dem Jahre 1994 kein Geheimnis. Die Idee zu diesem Buch hatte der US-Amerikaner angeblich, als er im Fernsehen eine Diskussion zwischen einen Wissenschaftler und einer sehr gerissenen Pressesprecherin einer Zigarettenfirma sah. Prinzipiell geht es in seiner temporeichen Satire um das Recht auf persönliche Freiheit und darum, wo dieses aufhört: wenn eine andere Person dadurch zu Schaden kommt. Es geht darum, ob ein jeder das Recht hat, sein eigenes Geld in die Luft zu blasen und sich dabei langsam zu vergiften. Zug um Zug. Asche zu Asche.

Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs

Als guter Lobbyist einer Branche, die jährlich 48 Milliarden Gewinn macht, sollte man moralisch flexibel sein, meint Naylor. Schließlich wundert es nicht, dass sich der Protagonist aufgrund dieser Devise am Ende als Stehaufmännchen erweist, obgleich er fortan als Betrüger gebrandmarkt ist. Von den internen Machenschaften der Tabakmafia kann auch er noch lernen. Sein Chef BR und der Captain als oberster Boss schieben sich den teer-schwarzen Peter gegenseitig zu. "Jeder hat seine Hypothek abzuzahlen."

Rauchen lässt Ihre Haut altern

Alle Figuren, auch die der Gutmenschen, deren Heuchelei der Autor entlarvt, erweisen sich als opportunistisch. Ob das die ehrgeizige junge Journalistin Heather ist oder Jeannette, die auf Nicks Job spekuliert – Frauen und Männer spinnen kleine und große Intrigen, die so gemein sind wie das Leben selbst. Der Sarkasmus offenbart sich mit jedem Lungenzug in rasanter Erzählweise und sprachlich pointiert. Geschliffene Dialoge? machen den Roman zum Genuss. Vor Lachfalten wird daher gewarnt.

Wenn man nach der Lektüre des Buches allerdings weiter über Korruption, Konsum, Krieg, Krebs und Karrieristen nachdenkt, dann ist es Schluss mit lustig und man wird so traurig, wie ein einsamer Raucher bei Hagel ohne Regenschirm vor einem Nichtraucherlokal mit der letzten Zigarette im Päckchen. Fazit: "Es ist nie zu spät, dieses Buch zu lesen."

Ihr Arzt oder Apotheker kann Ihnen dabei helfen, das Rauchen aufzugeben

So lustvoll und lesenswert wie das Buch, so sehenswert ist die Verfilmung aus dem Jahr 2006 mit Aaron Eckhart in der Titelrolle. Er brilliert als smarter Tabak-Lobbyist mit ironischem Lächeln und verführerischem Silberblick. Im Gegensatz zum Roman raucht in dem Regiedebüt von Jason Reitman nicht mal der Big Boss der Tabakkonzerne. Auch in der kongenialen Leinwandadaption könnte man meinen, Zigaretten seien gesund. Wenn da nicht der an Lungenkrebs erkrankte Marlboro-Cowboy wäre, den Nick schmiert, um dessen Stillschweigen zu wahren. Einen weiteren Unterschied zum Buch macht die Beziehung Nicks zu seinem Sohn und seiner Ex-Frau aus, die in der Romanvorlage nur am Rande erwähnt werden.

Literaturangaben

  • Christopher Buckley: Danke, dass Sie hier rauchen. Roman. Haffmans Verlag, Zürich 1996. 347 S., ISBN: 978-3251003334


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