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Das Haus

von
Mark Z. Danielewski

Das Haus ist ein atemberaubender, unheimlicher und psychologisch intelligent entworfener Roman, der fassungslos macht und den Leser hinunterzieht in die Schwärze. Weder klassischer Krimi, noch Sciences Fiction?; vielmehr eine labyrinthische Erzählung und ein an Spannung kaum zu überbietender Täuschungsroman.

Das Haus, in deutscher Fassung, für die die mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin Christa Schuenke? aus Berlin verantwortlich zeichnet, ist der phänomenale Debütroman? von Mark Z. Danielewski?, Jahrgang 1966, Sohn des polnischen Film-Regisseurs Tad Danielewski. In den USA gab es Stimmen, die den Schriftsteller aufgrund dieses Erstlings bereits in einem Atemzug mit Melvilles und Joyces zitierten!

Mit Tempo geschrieben, ist Das Haus ein vielschichtiger Roman. Die Chronologie der Handlung eröffnet sich erst allmählich, denn Danielewski? breitet sein Werk? auf vier Erzählebenen? aus, das den Leser mitreißt in schwindelerregende Dunkelheit.

Da ist zunächst die Geschichte von Zampano, einem blinden Alten, der zurückgezogen lebte und der nach seinem Tod eine nicht alltägliche Hinterlassenschaft zurücklässt. Die zweite Erzählebene? handelt von Johnny Truant und seinem Freund Lude. Sie sind es, die die Wohnung von Zampano leer räumen, wobei Johnny auf die wirre Hinterlassenschaft Zampanos trifft. So wird der Leser in die „eigentliche“ Geschichte des Protagonisten, des Fotografen und Pulitzer-Preisträgers Will Navidson, hineingesogen. Auf dieser (dritten) Erzählebene führt Danielewski dem Leser das Schicksal von Will Navidson und seiner Familie vor Augen. Sie ziehen nämlich gemeinsam in das Haus ein - nicht ahnend, dass dadurch ihr Leben aus den Fugen geraten wird. Und so folgt man bald dem ahnungslosen Navidson, der zunächst (lediglich) feststellt, dass die Außenmaße dieses Hauses kleiner sind, als die Innenmaße. Schließlich steigt der Leser mit Will Navidson hinab, über unglaubliche Treppen, durch Gänge und unvorstellbare Räume, die in keinem Grundriss verzeichnet sind und die unzählige Geheimnisse bereit halten. Eine vierte Erzählebene, bestehend aus nicht weniger als 450 - teils voluminösen - Anmerkungen, die fiktiv oder real, wissenschaftlich oder literarisch daherkommen, rundet das grandiose Werk ab.

Dabei schafft es Danielewski? bravourös, die Vielschichtigkeit der Handlung aufrecht zu halten. Nicht nur unter Verwendung unterschiedlicher Schrifttypen?, sondern ebenso mit wechselndem Schreibduktus?. Das Haus kommt ohne stereotype Grusel-Effekte aus. Der Autor nimmt den Leser vielmehr mit auf eine Reise in spektakulär-geheimnisvolle Räume, die sich jeder Logik entziehen und deren (fast) einziger Inhalt Dunkelheit ist.

Dass Navidsons Abenteuerlust erneut wachgerufen wird (obwohl er sich zur Ruhe setzen möchte), dass er so viel in Bewegung setzt, um das Haus - selbst nach ersten dramatischen Geschehnissen - weiter zu erkunden und dass dabei Mark Z. Danielewski? es versteht, die Hochspannung zu halten und nicht abdriftet in literarischem Kitsch, zeugt von seinem vielsagenden Talent?.

Alles gipfelt im „Navidson Record“, einer Film- und Fotocollage, von Will Navidson als Dokumentation? seiner Recherchen? zusammengestellt (und für den er teuer bezahlen wird). Dieses filmische Werk gibt schließlich Anlass zu vielfältigen literarischen, wissenschaftlichen und psychologischen Kommentaren, die in den zahlreichen Anmerkungen entfaltet und äußerst klug mit dem Hauptmotiv verwoben werden. Der Leser aber bleibt allein mit seiner Angst (wovor auch immer - handelt es sich doch lediglich um Druckerschwärze). Und so treibt Danielewski? sein Spiel mit der Allegorie der Finsternis.

Mag sein, dass das Werk seine Zeit braucht, um vom großen Literaturbetrieb? (an)erkannt zu werden, denn die oft ausführlichen Anmerkungen können den weniger wissenschaftlich Interessierten abschrecken. Da bedarf es etwas Mut. Wer sich jedoch auf die 768 Seiten? Hochspannung einlässt, wird sicher auch um drei Uhr nachts (aus unterschiedlichen Gründen) kaum schlafen können.

Das 1,5 Kg schwere Werk ist kompakt gebunden, liegt gut in der Hand, ist buchgestalterisch - kartoniert mit ansprechendem Schutzumschlag? - makellos verarbeitet und vom Satz? her ungewohnt kreativ umgesetzt. Das Haus ist meines Erachtens einer der bemerkenswertesten Romane unserer Zeit und in jeder Hinsicht große Literatur - Buch und Autor verdienen Aufmerksamkeit.

Der Untertitel? lässt ahnen, was dem Protagonisten - und somit dem Leser – bevorsteht…: „Und falls Sie irgendwann einmal zufällig an diesem Haus vorbeikommen sollten, bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie auch nicht langsamer, sondern gehen Sie einfach weiter. Da ist nichts. Seien Sie vorsichtig.“

Autor: Erwin Radermacher

Literaturangaben

  • Danielewski, Mark Z.: Das Haus. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2000. 768 S., ISBN: 978-3-608-93777-0


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