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Der Schreiber Bartleby

von
Herman Melville

Wenn heute die Erzählung eines Autors „kafkaesk“ genannt wird, dann dürfte dieser das als Kompliment auffassen. Wer stünde nicht gerne in der Tradition des großen Antihelden der Moderne?? Wie aber würde wohl jener Autor reagieren, wenn er seine Erzählung bereits vor 154 Jahren herausgebracht hätte und sein Name Herman Melville? wäre?

„Der Schreiber Bartleby“ war das erste Werk, das Melville nach seinem 1851 erschienen „Moby Dick“ anonym veröffentlichte. Was es aus Melvilles übrigem Schaffen heraushebt und ihm 100 Jahre später jenes begehrte Attribut „kafkaesk“ verschaffen sollte, war die absurde Ausgangslage:

Ein alter Notar hat zwei Schreiber und einen Lehrling. Der eine Schreiber hat Verdauungsprobleme, der andere ist ein Säufer, und der Lehrling sammelt Nüsse. Der Notar stellt einen dritten Schreiber ein. Bartleby kopiert still und fleißig Verträge, immerzu Verträge. Andere Aufgaben lehnt er ab: „Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.“ Der Notar bleibt machtlos. Als Bartleby bald überhaupt nicht mehr arbeitet und schweigend vor sich hinträumt, will der Notar ihn feuern. Es gelingt nicht, denn der Schreiber lebt längst in dem Büro. Bestechungsversuche lehnt er ab. Der Notar zieht aus, Bartleby bleibt. Auch der Nachmieter will den ungebetenen Gast nicht haben und entledigt sich seiner. Bartleby kommt in ein Gefängnis, wo er trotz Beistands des Notars schließlich eingeht.

Nicht die Welt ist absurd

Wie Jorge Luis Borges?, zu dessen neu aufgelegter „Bibliothek von Babel“ die Erzählung gehört, einleitend beobachtet, beruht die Wirkung Kafkas auf dem absonderlichen Verhalten seiner Charaktere. Nicht die Welt ist absurd, sondern die Sichtweise und die Taten seiner armen Teufel sind es. Bartleby könnte auch ein solch armer Teufel wie Josef K. aus dem „Prozeß“ und der Hungerkünstler sein, deren unbestimmter und scheiternder Widerstand den Leser verstört.

Indes ist die Überschneidung mit Kafka größer als es die Ähnlichkeiten in Darstellung und Denken des Absurden vermuten lassen, mehr also als „kafkaesk“ meinen kann. Im „Bartleby“ hat Melville früh zu fassen versucht, was Kafka und seinen Nachfolgern längst ihre natürliche Lebensumgebung geworden war: die Moderne? und ihre rationale Arbeitsteilung oder das, was Max Weber? später als „stahlhartes Gehäuse“ bezeichnete.

Ein Ausbruch zu den Meeren, zu Moby Dick

Ein „stahlhartes Gehäuse“ ist schon das Büro, in das Bartleby einem Gefangenen gleich einzieht und in dem ihm nur die Wahl zwischen der monotonen Arbeit und dem Blick in den trostlosen Hof bleibt. Als Mensch-Maschine erfüllt er seine Funktion, ist so stark spezialisiert, dass er jede andere Tätigkeit, und sei es nur ein einfacher Botengang, ablehnt. Selbst die Fehlfunktion, die er erleidet, hindert ihn nicht daran, seinen Platz zu räumen. Es gibt keinen anderen für ihn. Im einzigen längeren Gespräch mit dem Notar behauptet der Schreiber jeden Beruf annehmen zu können, nicht anspruchsvoll zu sein – und lehnt doch jede andere Funktion ab. Selbst eine Schreiberstelle in einer anderen Zelle interessiert ihn nicht: „Nein, ich würde vorziehen, mich nicht zu verändern.“

Melville kannte das „stahlharte Gehäuse“ gut. Als Sohn eines heruntergekommenen Kaufmanns musste er sich nach dessen Tod mit allerlei Jobs über Wasser halten, darunter als Schreiber in einer Bank. Seine Erzählung heißt mit vollem Titel „Bartleby, der Schreiber: eine Geschichte aus der Wall Street“. Aber anders als Bartleby und anders als Kafka mit seinen Fehlfunktionen ist Melville nicht eingegangen, sondern ausgebrochen: zu den Meeren, zu Moby Dick.

Literaturangaben

  • Melville, Herman: Der Schreiber Bartleby. Band 17 der Bibliothek von Babel, 30 Bände, herausgegeben von Jorge L. Borges. Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2007. 88 S., ISBN: 978-3940111173


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