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Eine Hand voller Sterne

von
Rafik Schami

Wie ist die Welt, wenn wir den Mut haben, sie genau so prachtvoll und kitschig zu erzählen, wie sie ist? Wie fühlt sich wirkliches Leid an, wenn wir uns nicht in Floskeln verlieren, die unser Leid eine Wiederholung werden lassen, sondern das einmalige Beben, was uns erschaudern lässt bei solch traurigen Begebenheiten, wie uns das Leben zuweilen entgegenbringt? Wie fühlen sich Stolz und Widerstand an, und wie ein Leben, welches jeden Kampf für nichtig erklärt hat? Wie werden Menschen ohne Licht, und was ist das, was uns am Leben hält?

Rafik Schami erzählt kein Märchen, und er erzählt keine Geschichte aus einem fernen orientalischen Land. Der wundersame Autor lässt vor unseren Kinderaugen die Welt aufmarschieren, in all ihrer Härte und ihrer Gebrochenheit. Schami erklärt das zum Wunder, was wir auf unseren Müllhalden abladen würden oder am Straßenrand unbemerkt liegen ließen. Er ist gerade deshalb so ein unglaublicher Künstler, weil er geduldig auf das zeigt, was wir in unserer alltäglichen Hetze um Ruhm und Selbsterfüllung nicht mehr sehen können, weil unsere Augen zu sehr nach vorn gerichtet sind. Wir freuen uns mit ihm daran, dass seine Augen noch nicht von der Krankheit so vieler Zeitgenossen getrübt sind, die aus den Ereignissen Prozesse machen und aus den Prozessen Geld. Sein Herz ist eines, das ungestüm über den Eifer eines kleinen Lebens lachen kann und dann wieder über Ungerechtigkeiten weint, das aber nie vergisst, zu fühlen.

Wie sehr wünscht sich der junge Protagonist, der Bäcker werden soll, zu schreiben und ein Journalist? zu sein. Und wie stark trotzt er nicht nur dem unterdrückenden Diktat der Eltern, die wissen, wie ein gutes und vernunftorientiertes Leben zu führen ist, sondern auch und bis zuletzt der Regierung. Deren willkürliche Unterdrückungen erkennt er als falsch. Der Unmöglichkeit einer Moral von oben begegnet er mutig mit einer eigenen Moral und wird dafür belächelt und verspottet.

Wie sehr haben wir diesen Journalisten in uns, der alles wissen möchte, und der seine Träume nicht im Zaun hält und erstickt? Warum ist es so schwer, den eigenen Träumen treu zu bleiben, wenn wir für unsere Kinder kämpfen können? Wenn der Kampf, den wir für sie erträumen, doch eigentlich einer ist, den wir für uns hätten antreten sollen. Ob dieses Buch im Damaskus spielt oder hier in Deutschland, der Autor hat mit diesem Zeitwerk ein ganzes Leben erschaffen, ein Leben, welches vielleicht gerade in unseren postindustriellen Gesellschaften mehr als einen Augenmerk verdienen dürfte, ein Leben, welches sich selbst noch als solches annimmt, und sich nicht still und heimlich unter der schweren Staubwolke der Zahlen und des Zählens vor uns selbst verbirgt.

Autorin: Nicola Tams

Literaturangaben

  • Schami, Rafik: Eine Hand voller Sterne. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 10. Aufl. 2000, 256 S., 7,95 €, ISBN: 978-3499242786


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