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Fliehen

von<br> Jean-Philippe Toussaint

Sie können nicht voneinander lassen – der Erzähler und Marie. Jetzt nicht und später nicht. Dabei wissen sie beide, dass es für sie kein Morgen geben kann, dass ihre Gegenwart längst der Vergangenheit geweiht ist. Eine amour fou – nicht, weil äußere Einflüsse und Gegebenheiten ihrer Liebe im Wege stehen, sondern weil die Liebenden trotz aller Liebe unfähig sind, miteinander zu leben, den Ansprüchen des anderen zu genügen, seine Bedürfnisse zu stillen. Die Erkenntnis, dass es manchmal nicht reicht, sich zu lieben, ist eine schmerzliche. Und sich zu trennen, obwohl man noch liebt, ist ein langwieriger Prozess, der zumindest emotional nicht von heute auf morgen zu vollziehen ist. Die Hoffnung, dass die Liebe alle Unerträglichkeit des Zusammenseins am Ende doch noch überwindet, bleibt indes ebenso nur Illusion.

In seinem Roman „Sich lieben“ hat der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint? vom Ende der Liebe zwischen der erfolgreichen Modedesignerin Marie und dem Erzähler berichtet. Schon zu Beginn des Romans ist die Beziehung längst zerbrochen, die Trennung bereits festgesetzt, nur noch aufgeschoben – einer letzten gemeinsamen Geschäftsreise wegen. Doch auch im nächtlichen Zwielicht Tokios lassen sich die Risse dieser Liebe nicht länger verbergen. Das Paar ist in zwei Einsame zerfallen, die ein letztes Mal Halt aneinander suchen und nicht mehr finden können. Was sie einst verband, scheint unerreichbar lange zurückzuliegen, aber eben noch nicht vergessen. Die Stimmung, die Toussaints Roman zugrunde liegt, ist tief geprägt von einem Umhertreiben und Verlorensein in der Fremde, das zugleich ein zutiefst inneres ist, wie es auch Sophia Coppola später in „Lost in translation“ filmisch eingefangen hat.

Die Trennung ist nahezu unvermeidbar

Mit seinem Roman „Fliehen“ liefert Toussaint nun die Vorgeschichte zu „Sich lieben“ nach. „Fliehen“ ist im „Sommer vor unserer Trennung“ situiert und damit in einer Zeit, in der sich das Paar bereits entfremdet hat und die endgültige Trennung sich nahezu unvermeidbar am Horizont abzeichnet. Um Raum zwischen sich und Marie zu legen, fliegt der Erzähler nach Shanghai. Doch ganz entkommen kann er ihr nicht. Er muss dem zwielichtigen Zhang Xiangzhi in ihrem Auftrag Geld überreichen und erhält dafür ein Handy, dessen Nummer nur Marie kennt. Fortan weicht Zhang Xiangzhi ihm nicht mehr von der Seite. Und das Handy scheint die Verbindung mit Marie auf unheilvolle Weise aufrecht zu erhalten. Mit der erhofften Freiheit ist es schon wieder vorbei.

Doch der Erzähler ist ein passiver Mann, der sich durch die Ereignisse treiben lässt ohne sie genauer zu hinterfragen oder sich ihnen gar entgegenzustellen. Durch Zhang lernt er auf einer Vernissage die junge Chinesin Li Qi kennen. Es knistert zwischen beiden, und als Li Qi ihn einlädt, sie nach Peking zu begleiten, zögert der Erzähler nicht, sich auf das Abenteuer einzulassen. Am Bahnhof folgt die herbe Enttäuschung, denn auch auf dem Weg nach Peking klebt Zhang wie ein unheimlicher Schatten an ihm. Als Zhang endlich eingeschlafen ist, kommen sich Li Qi und der Erzähler im Nachtzug dann doch noch näher. Erst auf dem schmutzigen Gang, dann in einer Zugtoilette. Doch bevor es zum Äußersten kommen kann, rüttelt jemand an der Tür und das Handy, das im Rucksack draußen auf dem Gang liegt, beginnt zu klingeln. Der Erzähler könnte es klingeln lassen, doch das unheilvolle Klingeln zieht ihn magisch in seinen Bann. Am anderen Ende ist Marie.

Der Einbruch der Technik in die Intimität

Schon in „Sich lieben“ gab es diesen Einbruch der Technik in die Intimität. Dort war es ein Faxgerät, das Marie und den Erzähler beim Sex störte, sie wieder auseinanderriss. Hier schafft das Handy eine Verbindung in dem Moment größtmöglicher Entfernung voneinander. Zugleich gelingt Toussaint in dieser Szene eine großartige Passage über die Ungleichzeitigkeit von Dingen. Während der Erzähler, jäh aus seinem erotischen Abenteuer gerissen, im dämmrigen Neonlicht des Nachtzuges steht, irrt Marie verzweifelt im taghellen Paris durch die Gänge des Louvre und weiß sich in ihrer Trauer nicht zu helfen: Ihr Vater ist vor Elba ertrunken.

An eine Fortsetzung der Episode mit Li Qi ist nicht mehr zu denken. Marie bestimmt fortan jeden Gedanken. Auch in „Sich lieben“ schien die Liebe erst in dem Moment wieder möglich, als die Trennung vollzogen war und die Erkenntnis, dass es endgültig vorbei ist, den Erzähler wie aus dem Nichts schmerzlich traf. Und so kommt Marie ihm auch hier erst aus der Entfernung wieder so nah, dass ein Zusammensein doch noch möglich scheint. Noch vor der Ankunft in Peking ist der Erzähler schon wieder im Aufbruch begriffen. Doch einmal mehr lässt er sich von den Dingen treiben.

Das Ende der Liebe nimmt sich Zeit

An der Seite von Zhang streift er durch die Straßen Pekings und wird beim Bowling mit ihm und Li Qi schließlich in einen bizarren Drogendeal verwickelt. Gemeinsam fliehen alle drei auf einem Motorrad vor der Polizei durch die Nacht. Toussaints Erzählweise ist stark vom Visuellen geprägt. Geradezu besessen beschreibt er winzige Details wie den Staub in der Luft oder die Schattierungen des grellen Kunstlichts in der Pekinger Dämmerung. Gleichzeitig ist die Wahrnehmung des Erzählers bisweilen fast surreal verzerrt, als bewege er sich am Rande der Bewusstlosigkeit. Damit schafft Toussaint eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Der Leser lässt sich mit dem Erzähler treiben, saugt jedes Detail seiner Wahrnehmung auf, folgt ihm auf falsche Fährten und Spuren, die ins Nichts laufen.

Toussaint versteht es immer wieder sehr geschickt, die Dinge im Unklaren zu lassen, z.B. das Verhältnis von Zhang und Li Qi oder die Hintergründe ihrer Geschäfte. Die Verweise auf Beckett?, Kafka oder Musil ziehen sich dicht durch den ganzen Roman. Der rhythmische? Stil der klaren Sprache und das wechselnde, zum Teil atemlose Tempo des Romans ziehen den Leser mit großer Sogkraft in die Geschichte hinein.

Der letzte Teil des Romans erzählt vom Wiedersehen mit Marie. Doch auch hier ist keine Normalität mehr möglich. Dem Erzähler und Marie dabei zuzusehen, wie sie versuchen, Zärtlichkeiten auszutauschen, und daran scheitern, wie jede Choreographie von Berührung, die einmal selbstverständlich war, plötzlich gestört ist, hat etwas Schmerzhaftes. Toussaint ist die Darstellung dieser Verzweiflung wie schon in „Sich lieben“ auf beeindruckend eindringliche Weise gelungen, wenngleich er dabei immer dicht am Kitsch vorbeischrammt. Wenn der Erzähler und Marie sich schließlich am Ende im Meer finden und weinen, dann ist das reichlich pathetisch? geraten. Doch diese letzte Szene ist eben nicht das Ende der Geschichte. Und so wird die Wiedervereinigung der Liebenden hier durch den Vorgängerroman wohltuend relativiert. Das Ende der Liebe nimmt sich Zeit.

Literaturangaben

  • Toussaint, Jean-Philippe: Fliehen. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2007. 169 S., 19,80 €, ISBN: 978-3627001339

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