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Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind

von<br> Michael Maar

Hexengewisper, Buchcover - (c) Berenberg Verlag

Man muss nicht Rumpelstilzchen sein, um sich während der Lektüre dieses Buches beide Beine auszuraufen – nicht aus frenetischem Zorn, nein, aus purer Freude am Lesen! Mit „Hexengewisper“ hat Michael Maar mal wieder – man darf es ruhig ein wenig aufdringlich betonen – einen wunderbaren, betörenden Essay geschrieben. Geistreich und unorthodox, temperamentvoll und kenntnisreich macht er sich auf, dem Märchen, dieser wohl wendegesichtigsten Literaturgattung überhaupt, seine dunklen und schönen Geheimnisse aus den uralten Kleidern zu schütteln.

Doch so viel können wir jetzt schon verraten: Entzaubert und entheimnist sind die so verführerisch gesponnenen Märchen samt ihrer traumhaft-alptraumhaft entzückenden Personnage – man denke an: küssende Frösche, bärtige Hexen, dreihaarige Teufel, goldene Knochen, prächtige Schlösser und armselige Hütten, hochfahrende Prinzen und jammervolle Bettler, frostklirrende Glassärge und anheimelnde Lebkuchenhäuser, huschende Schühchen und verschlafene Pantöffelchen, Zinn- und Marodiersoldaten, Wälder und Schenken, Hänsels und Gretels, Dornen und Röschen – entzaubert und entheimnist sind sie noch lange, lange, lange nicht. Und das ist im Grunde auch gar nicht schlimm, im Gegenteil, denn auf seine Taler und Groschen kommt der Leser auch so – und nach der Lektüre des schönen Buches erscheint das Geheimnisvolle der Märchenwelt vielleicht noch tiefer und unergründlicher als zuvor!

Von welchen Geheimnissen reden wir hier eigentlich? Nun, wir reden von der eigentümlichen und nur schwer zu durchschauenden methodischen Gespaltenheit und sprachlichen Doppelbödigkeit der Märchenwelt. Wir reden von der sonderbar unverwüstlichen Fabuliermixtur aus kindlicher Naivität und henkerischer Grausamkeit, aus qualvoller Pein hier und jubilierender Selbstverzücktheit da, aus Not und Pech an allen Ecken und Gold und Glück an allen Enden. Wir reden und reden, und während wir so daherplappern, huscht Maar an uns vorüber und stromert in den dichten, abendlich-verschatteten Märchenwald hinein – er trappelt nicht auf ausgetretenen Pfaden mit vermoderten philologischen Gähn- und Schnarchleichen im Straßengraben, nein, er schnuppert lieber abseits davon, schlägt sich rechts ins Raschelgebüsch, wirft sich links in die Literaturgeschichte, macht sich plötzlich ganz winzig und zwergenhaft klein und wühlt und schnüffelt im wimmelnden Unterholz, und am Ende präsentiert er – immer wieder überraschend, immer wieder ein hohes Fest für den gebannten Leser – einen überdimensionalen essayistischen Gold- und Glücksknochen zwischen den Zähnen.

Michael Maar - (c) Ute Krause

Locker und leicht erzählt Maar von der Entstehungsgeschichte der Märchen, pilgert nach Kassel ins bescheidene Heim der Brüder Grimm und sieht den Meistern beim kunstsinnigen Feilen des volksmundigen Rohmaterials zu, denkt über Tabu und Trauma, über dramaturgische? Unlogik und zensierten? Schrecken im deutschen Märchenwald nach, setzt zu galanten Seitensprüngen an, die ihn bis nach Arabien führen, wo er mit Scheherazade? am flauschigen Bettende des Sultans nächtigt, greift ins Bücherregal und blättert in den großen Romanen von Thomas Mann, James Joyce und Marcel Proust, denen wohl ebenso große Märchenohren vom Köpfchen abstanden wie dem bösen, bösen Wolf – kurz: Michael Maar ist ein exzellenter Kenner, ein Welt- und Unterweltreisender in Sachen Märchen, und in diesem ganzen literarisch-polyglotten Fieber findet er noch Zeit für kostbare Kleinigkeiten, für eine Fülle an verblüffenden psychologischen und historischen Details - einmal rund um die Märchenwelt und wieder zurück.

Auch die Gestaltung des Buches ist übrigens ganz vorzüglich: hübsche Einbandzeichnung, dunkelgrünes Vorsatzpapier, großzügiger Druck. Ein kluges und schönes Buch – für alte, verschrumpelte Hexenweiber und verwöhnte Leser!

Autor: Daniel Möglich

Literaturangaben

Bücher von Michael Maar bei Jokers

  • Maar, Michael: Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind. Berenberg Verlag, Berlin 2012, 78 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3937834535

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