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Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen. Briefe 1941-1985

von
Italo Calvino

Als die Deutschen 1945 nach kurzer Betäubung aus den Trümmern des „Dritten Reichs“ und des verlorenen Krieges krochen und begannen, die zerbombten Städte aufzuräumen und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, kamen nicht wenige Intellektuelle aus all den Verstecken, in denen sie versucht hatten, die Zeiten nationaler (und nationalsozialistischer) „Autarkie“ zu überleben, – und begannen sich heftig für das Ausland zu interessieren.

Die Theater spielten Thornton Wilder? und Jean Anouilh?, in den neuen demokratischen (unter strenger alliierter Überwachung stehenden) Zeitungen? las man Texte von Autoren, von denen man zwischen 1933 und 1945 nichts wissen durfte, die Verlage begannen auf Zeitungspapier gedruckte Bücher zu publizieren, zuerst vor allem amerikanische Literatur; Hemingway war der Autor der Stunde, aber auch Thomas Wolfe? und andere. Zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gerieten, kurz nach den Amerikanern und Franzosen, auch Italiener wieder ins Blickfeld – diese „Nachholbewegung“ hielt über zwei Dezennien an.

Elio Vittorini und eine höchst lebendige literarische Szene

Damals wurden auch die ersten Bücher von Elio Vittorini? und anderen übersetzt, die uns mit einer höchst lebendigen literarischen Szene bekannt machten, deren Protagonisten uns faszinierten. Das galt sowohl für die noch im ersten Jahrzehnt Geborenen, die Lyriker Montale? und Ungaretti? zum Beispiel, die während der Zeit des Faschismus ihre ersten Bücher geschrieben hatten, als auch für die ihnen folgende Mikrogeneration. Im Unterschied zu Deutschland waren die meisten der damals „Jungen“ auf die eine oder andere Weise im Widerstand gewesen und hatten ihre wichtigsten Impulse in den Jahren 1943-1945 erhalten, als die Deutschen aus Alliierten zu oft grausamen Besatzern geworden waren.

Italo Calvino, geboren 1923 in Santiago de la Vegas, Kuba, wo seine Eltern an einer biologischen Forschungsstation gearbeitet hatten, lebte seit 1925 in San Remo, er gehörte zu jener Generation eines Aufbruchs, in der die Talente plötzlich überall aus dem bis dahin so ariden Kulturboden schossen. Sie gründeten Zeitschriften? und schrieben, verstreut über das ganze Land, wie besessen unter miserablen ökonomischen Bedingungen. Calvino war 1943 in die Berge gegangen, hatte in einer Partisaneneinheit im Norden des Landes gekämpft – und war Kommunist geworden. Denn es waren vor allem (wenn schon nicht nur) die Kommunisten, die zu den Waffen gegriffen hatten.

Das intellektuelle Klima des Landes ändert sich

Er und seine Gefährten fanden vor allem im Turiner Verlag Einaudi? ihren Partner. Dort erschien eine neue italienische Literatur, die sich energisch befreite vom Albtraum des „Min Cul Pop?“ (wie man unter Mussolini das ominöse „Ministerium für Volkskultur“ abgekürzt hatte). Eine Explosion von Begabungen – neben dem lange die Maßstäbe setzenden, bereits 1908 geborenen Vittorini?, dessen wichtiges Buch „Gespräch in Sizilien“ noch während der faschistischen Herrschaft erscheinen konnte, waren es zum Beispiel Cesare Pavese?, Natalia Ginzburg?, Anna Maria Ortese? und die etwas älteren Alberto Moravia? und Elsa Morante?, die im Verlauf weniger Jahre das intellektuelle Klima des Landes gründlich veränderten und eine italienische Literatur schufen, die belangvoll war.

Für Calvino, der das ihm vom Vater angeratene Studium der Biologie und Landwirtschaftslehre sehr rasch aufgab, um nur noch Schriftsteller zu sein, war es selbstverständlich – nach einigen in Zeitschriften? publizierten kurzen Erzählungen –, mit einem Buch zu debütieren?, das sich explizit mit der „resistenza“ befasste: „Wo die Spinnen ihre Nester bauen“, einem kurzen Roman, in dem die Zeit des Kampfes mit den Augen eines Kindes gesehen wird. In nur wenigen Jahren wurde Calvino durch seine literarische Arbeit und seine Tätigkeit als Lektor bei Einaudi? neben Vittorini? und Pavese? zur Referenzfigur dieser neuen italienischen Literatur.

Die Treue des Carl Hanser Verlags

Auch in Deutschland sind viele seiner Bücher bis in die 1970er-Jahre schon kurz nach ihrer Veröffentlichung in der Originalsprache erschienen. Die meisten sind bis heute greifbar – auch wenn sie bei weitem nicht mehr so viele Leser finden wie etwa vor dreißig Jahren. Dass sie lieferbar bleiben, verdankt sich vor allem der Treue seines deutschen Verlags Hanser?. Dieser hat nun auch aus der viele Tausend Briefe? umfassenden Korrespondenz, die in Italien in einer drei Bände? umfassenden Klassikerausgabe vorliegt, eine, von Franziska Meier? verantwortete und kurz, aber sehr informativ kommentierte, von Barbara Kleiner? übersetzte Auswahl herausgegeben: „Ich bedaure, dass wir uns nicht kennen. Briefe 1941-1985“ (Calvinos Todesjahr). Für jeden, der sich für diese, längst hinter dem Horizont einer beinah schrankenlosen Konsum- und Kommerzgesellschaft verschwundenen Kultur interessiert (deren „Held“ jener Silvio Berlusconi ist, der als Privatfernsehunternehmer und egozentrischer Caudillo Politik und Medien heute dominiert), sind diese Briefe? eine ebenso nützliche wie spannende Lektüre.

Franziska Meier? hat in ihre Auswahl auch jene frühen Briefe? des gerade Zwanzigjährigen aufgenommen, der arm und manchmal hungernd in San Remo oder Turin saß, den Kopf voller literarischer Flausen (es gibt darin lange Listen von Arbeitsplänen) und in meist hoffnungsvoller Stimmung. Die hat er auf die Mitglieder seiner (aus ehemaligen Mitschülern bestehenden) „Bande“ zu übertragen versucht, vor allem dem Jugendfreund Eugenio Scalfari? gegenüber, der in Rom Wirtschaftswissenschaften studierte und der später als Journalist?, als Mitgründer des „Espresso“ und der wichtigen Tageszeitung? „La Repubblica“ Karriere machte.

Leidenschaftliche und quälende Auseinandersetzungen um die Kommunistische Partei

Scalfari? (Jahrgang 1924) lebt noch und gilt als einer jener „weißen Elefanten“ der italienischen Publizistik, von denen zwei, Montanelli? und Biagi?, in den letzten Jahren starben, nur er und Giorgio Bocca? haben nicht aufgegeben, sich entschieden und scharf zu Wort gemeldet. Man wüsste gern, was der seriöse Scalfari? damals seinem so oft übermütigen Freund geantwortet hat: im gleichen postgymnasialen Ton oder ernsthaft? Ob die leidenschaftlichen, quälenden Auseinandersetzungen um die Kommunistische Partei, der Calvino angehörte und für die er Basisarbeit leistete wie jedes Mitglied, Scalfari?, den bürgerlichen Ökonomen, verstört haben?

Einen Reflex von Calvinos heftigem Engagement findet sich in der fabelhaften Erzählung „Der Tag des Wahlhelfers“. Aber die rigiden Vorschriften des von den Russen übernommenen, von der Partei hochgehaltenen „sozialistischen Realismus“ mochte Calvino nicht übernehmen. Nach dem Ungarn-Aufstand und seinen vergeblichen Bemühungen, die Partei von ihrem sowjetfreundlichen Kurs abzubringen, trat Calvino Anfang 1957 aus der Partei aus, deren oberster Kulturkommission er angehört hatte. Da war er schon Cheflektor bei Einaudi? und bald darauf erschienen jene Bücher, die ihn allgemein (auch hierzulande) bekannt machten: „Der Baron auf den Bäumen“, „Der geteilte Visconte“ und „Der Ritter, den es nicht gab“: märchenhafte, fantastische Erzählungen, angesiedelt in einem weit in die Geschichte zurückgesetzten Nirgendwo. Geschichten, die man als leichte, märchenhafte Erfindungen einer überbordenden Fantasie lesen (und verstehen) konnte.

Ein Handwerker, der sich auf die Geometrie seiner Geschichten verlässt

Dass sie präzise politische Botschaften enthielten und dass ihr Autor sich damit sehr schwergetan hatte, die Leichtigkeit sich härtester kompositorischer Arbeit verdankte – das haben nur wenige seiner damaligen Kritiker erkannt. Er selbst betrachtete sich gern als einen „Handwerker“, der sich eher auf die „Geometrie“ seiner Geschichten verließ als auf seine Einfälle. Verständnisvollen Kritikern hat Calvino in ausführlichen Briefen? gedankt. So wie er in zahlreichen anderen Briefen? den Schriftstellerkollegen, die ihre Manuskripte an Einaudi? schickten, vorexerzierte, was Lektoren leisten können, wenn sie ihre Arbeit als die von Geburtshelfern betrachten, die wohlwollend und streng darauf dringen, die Bücher, die da erscheinen sollten, so gut wie nur irgend möglich zu machen. Aus all diesen Briefen? gewinnt man einen lebendigen Eindruck vom literarischen Leben Italiens von den vierziger bis zu den siebziger Jahren, auch von den Leistungen, den Revierkämpfen und den Aporien einer Autorengeneration, die wesentlich vom Erlebnis des Widerstands geprägt war.

Es war auch für Calvino, wie Franziska Meier? richtig bemerkt, „die Keimzelle seiner kreativen Schaffenskraft und seines Selbstverständnisses“. Und wurde zum Grund dessen, was er selbst wohl als sein Scheitern begriff. Politische Aussagen werden in den Briefen? immer seltener: Sie waren nie häufig, was er auf diesem Feld zu sagen hatte, stand in zahllosen Artikeln zu politischen Fragen, mit denen er sich in Zeitungen? und Zeitschriften? immer wieder einmischte. Er wurde, so zeigen es diese Briefe? deutlich, „ein von seinem Ursprung abgekommener Autor, der vorübergehend die Gewissheit einer Einheit von Denken, Tun und Schreiben erlangte, sich im Alter von vierzig Jahren mehr und mehr in die künstlichen Paradiese der Literatur, in die kontrollierbare geschriebene Welt vertrieben sah oder in sie flüchtete“.

Stipendiat in den USA

Eine Russlandreise fand in den Briefen kaum einen Niederschlag, nur das halbe Jahr, das er als Stipendiat der Ford-Stiftung in den USA verbrachte, kommt darin vor: als ihn stimulierender Gegensatz zwischen der verehrten Hemingway-Welt und der Konsum-Verfallenheit des Amerika, das ihm begegnete. Doch ein „Anti-Amerikaner“ ist er so wenig geworden, wie er seine nirgends mehr gefragten kommunistischen Überzeugungen aufgegeben hätte. Als er starb, war er einer der berühmtesten italienischen Autoren – und zugleich einer, den die Geschichte überrollt hatte. Nicht, dass er zu schreiben aufgehört hätte: Er hat weiter publiziert, Bücher von Rang wie „Die unsichtbaren Städte“ und „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, schließlich die kauzigen Erzählungen vom „Herrn Palomar“.

Die Zeiten der Depression wurden freilich immer länger, er war 1967 nach Paris umgezogen (kam aber jeden Monat weiterhin für ein paar Tage nach Turin in den Verlag) und 1980 widerwillig nach Rom. Aus den letzten Jahren gibt es, neben all der nach wie vor gepflegten Autoren- und Leserkorrespondenz, noch zwei besonders schöne, besonders lange Episteln?, sie handeln beide von Libretti?: für seine Komponistenfreunde Luigi Nono und Luciano Berio. Man möchte wünschen, dass diese Ausgabe? das Interesse an einem bedeutenden Autor und großartigen Menschen, der in sich die Widersprüche des Jahrhunderts ausgetragen hat, neu beflügelt. Es lohnt sich, Calvino zu lesen. Und so schöne Märchen wie er hat wohl kaum jemand im 20. Jahrhundert geschrieben.

Literaturangaben

  • Calvino, Italo: Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen. Briefe 1941-1985. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Ausgewählt und kommentiert von Franziska Meier. Carl Hanser Verlag, München 2007. 414 S., 25,90 €, ISBN: 978-3446209190


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