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Kisch, Egon Erwin

Egon Erwin Kisch auf einem Buchcover - (c) Aufbau Verlag

Eigentlich nur Egon Kisch; den zweiten Vornamen begann er erst später als literarisches Pseudonym zu verwenden; ein deutschsprachiger Journalist?, Reporter? und Schriftsteller jüdischer Abstammung und tschechischer Nationalität; „der rasende Reporter“ genannt, weil so einer seiner Reportage?-Titel lautete.

Leben und Schreiben

Kindheit, Jugend und erste literarische Versuche

Egon Erwin Kisch wurde am 29. April 1885 in Prag geboren und entwickelte sich im Lauf seines Lebens zu einem bedeutenden und stilbildenden Reporter?. Kisch wuchs als zweiter von fünf Söhnen in der Familie eines jüdischen Tuchhändlers in Prag auf. Wie Erich Kästner verband ihn mit seiner Mutter eine enge Beziehung, die vom Sohn her kompromisslos war und große Herausforderungen für Ernestine Kisch bereithielt.

Obwohl beschnittener Jude verbrachte Kisch lange Schuljahre in Schulen katholischer Klöster: 1891 in der Seidlschen Schule im Servitenkloster zu St. Michael, ab 1892 in der Piaristenschule am Piaristenkloster. 1895 trat er in die kaiserlich-königliche Erste Deutsche Staatsschule in Prag in der Nikolandergasse über, eine Realschule. In dieser Zeit entwickelte sich Kisch zum "Sorgenkind", denn er war ein schlechter Schüler und Haudegen. Schon 1899/1900, also noch in seiner Schulzeit, veröffentlichte Kisch in einer Prager Zeitung unter dem Namen Erwin Kisch ein Gedicht, um ein generelles Veröffentlichungsverbot der Nikolander-Schule zu umgehen.

Der Vater starb 1901, doch konnte Kisch 1903 mit der Unterstützung seiner Mutter zum ersten Mal eine weite Reise unternehmen, die ihn nach Österreich und Bayern führte und die er in seinem Tagebuch festhielt. Im Oktober 1903 begann er an der Technischen Hochschule in Prag zu studieren, um sich aber schon nach einem Semester an der deutschsprachigen Karl-Ferdinands-Universitat Prag in Geschichte der deutschen Literatur und Geschichte der mittelalterlichen Philosophie einzuschreiben. Er wurde Burschenschaftler in der Saxonia Prag und schrieb eine Abhandlung? über das Mensurwesen in der tschechischen Metropole. Im Oktober 1904 musste er einrücken, konnte aber als Absolvent der Realschule den Dienst als Einjährig-Freiwilliger ableisten. Seine Vorgesetzten hielten ihn für einen Anarchisten, weshalb es zu vielen Konflikten und langen Arresten kam. Am Ende seines Dienstes wurde er auch nicht, wie es üblich war, befördert, hatte nun aber durch den Arrest in der Tat mit linksorientierten Systemgegnern Kontakt.

1905 finanzierte ihm die Mutter das Buchdebüt „Vom Blütenzweig der Jugend“, ein in Dresden erschienenes Gedichtbändchen. Jetzt nannte sich der Dichter Egon Erwin Kisch und so bleibt es von da an. Schon 1906 erscheint das nächste Buch von ihm: „Der freche Franz und andere Geschichten“. Diesmal in Berlin. Inhalte sind Erzählungen und Geschichten – einmalig während seiner schriftstellerischen Laufbahn.

In der Zwischenzeit lebte Kisch auch in Berlin, denn nach der Entlassung aus dem Militärdienst begann er an der privaten Wredeschen Journalisten-Hochschule zu studieren, allerdings nur bis März 1906, als er beim deutschsprachigen „Prager Tagblatt“ zu arbeiten begann. Auch das „Prager Tagblatt“ konnte ihn nicht lange halten. Im April 1906 ging er an die renommierte, allerdings auch etwas deutschtümelnde Prager Tageszeitung „Bohemia“ und wird Lokalreporter?. Hier begann Kischs Karriere als Journalist? und Reporter?.

Lokalreporter in Prag

Der erfahrene Kollege Paul Wiegler unterstützte Kisch und so bekam der Anfänger 1910 bis 1911 mit der Kolumne? „Prager Streifzüge“ einen festen Platz in der Zeitung?, bei der er bis 1913 arbeitete. Viele Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitete er in seinen späteren Büchern „Aus Prager Gassen und Nächten“ (1912) und „Abenteuer in Prag“ (1920) verarbeitet. Auch sein einziger Roman „Der Mädchenhirt“, der die Zuhälter und Dirnen Prags in den Mittelpunkt stellt, geht auf die Erlebnisse in der Prager Halbwelt zurück. Die nächtlichen Gassen Prags, die Lokale und Nutten waren Kisch vertraut und faszinierten ihn. Max Brod und Franz Werfel? sind in dieser Zeit mit Kisch bekannt und beschreiben ihn als frauenumschwärmten Bohémien, versierten Tänzer und expressionistisch schreibenden Flaneur. Kisch richtet sich nach Kurt Tucholskys "vertikalem Journalismus?" und wendet sich den Außenseitern der Gesellschaft zu. Nebenbei lernte Kisch auch noch andere Schriftsteller wie Paul Leppin, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka oder Jaroslav Hašek? kennen. Oft hielt er sich im „Zum Weißen Hasen“ auf, wo sich die Prager Boheme traf, während er sich im Nachtcafé „Montmartre“ gern bis tief in die Nacht erholte.

Für die „Bohemia“ reiste Kisch auch ins Ausland: 1907 nach Piräus, Konstantinopel und Neapel, 1909 an die adriatische Küste und Brioni, 1911 an die Moldau und Elbe, 1912 nach London und Antwerpen.

Was wir heute „investigativen Journalismus? nennen, praktizierte Kisch schon damals in Prag. Dabei war die Aufdeckung der Affäre um den Selbstmord des Oberst Alfred Redl ein Höhepunkt seiner Arbeit. Redl war ein russischer Spion im k.u.k. Militärnachrichtendienst, wurde enttarnt und beging am 25. Mai 1913 Selbstmord. Das alles wollte die Monarchie vertuschen, doch Kisch deckte die größte Spionageaffäre vor dem Ersten Weltkrieg ab 28. Mai 1913 detailliert auf und beschrieb seine Recherchen? 1924 in dem Buch „Der Fall des Generalstabschefs Redl“.

Kriegsteilnehmer

Noch vor dem Ersten Weltkrieg zog Kisch nach Berlin und arbeitete für das „Berliner Tageblatt“. Anfang des Jahres 1914 ersetzte er Gerhart Hauptmann als Dramaturg am Deutschen Künstlertheater, bevor er am 31. Juli 1914 wegen der Mobilmachung bei einem Infanterieregiment in Písek in Südböhmen einrücken musste. Er wurde an die serbische Front verlegt, kämpfte an der Drina, wo die Österreicher geschlagen wurden, musste im Februar 1915 an die russische Front, wo er am 18. März 1915 verwundet wurde. Bis dahin führte er Tagebuch, das 1922 unter dem Titel „Als Soldat im Prager Korps“ erschien (später umbenannt in „Schreib das auf, Kisch!“). Die Verletzung ist so schwer, dass er nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus 1916 als Zensor in Gyula (Ungarn) verwendet wird. Als Zensor lernt er Pazifisten, Anarchisten und Demokraten kennen, die seine eigene kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft verstärken.

1917 lässt sich Kisch ins k.u.k. Kriegspressequartier Wien versetzen. In Wien kommt er in Kontakt mit dem Verband der Unabhängigen Arbeiterjugend. Im November 1917 nahm Kisch an einer Konferenz des illegalen Aktionskomitees der Linksradikalen in St. Aegyd am Neuwalde teil, die einen illegalen Arbeiter- und Soldatenrat zu gründen beschließt. Das wird einem Dreier-Komitee übertragen, dem auch Egon Erwin Kisch angehört. Auch Kisch wird Ratsmitgllied und hilft im Januar 1918 mit einen Generalstreik zu organisieren. Um ihn zu neutralisieren, wird er zum Dienst bei der k.u.k. Kriegsmarine abgestellt und nimmt so an der letzten Offensive der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine teil, die erfolglos verläuft.

Danach kehrt Kisch nach Wien zurück und beteiligt sich an den Ereignissen, die zum Sturz der Monarchie führen, z. B. am 1. November 1918 an einer Soldaten-Versammlung, in dem die Rote Garde gegründet und er selbst, damals Oberleutnant und einer der Redner, zu ihrem ersten Befehlshaber gewählt wird. Schon am 18. November 1918 muss er unter dem Druck der Sozialdemokraten in der Regierung aber zurücktreten. Allerdings befehligt er immer noch das zweite Bataillon und die Soldaten wählen ihn zum Kommissar der Roten Garde. Schon zuvor, am 12. November 1918 war die Monarchie durch die Republik abgelöst worden. Mit seinen Soldaten besetzte er an diesem Tag die Redaktion der „Neuen Freien Presse“, die auf seinen Befehl eine Sonderausgabe? drucken musste, in der verkündet wurde, man wolle mit der Redaktionsbesetzung sofort eine sozialistische Republik verwirklichen. Ebenfalls im November 1918 beteiligte sich Egon Erwin Kisch an der Organisierung der Föderation Revolutionärer Sozialisten, „Internationale“, die einmal in der Woche den „Freien Arbeiter“ herausbrachte, in der Kisch bis März 1919 die ständige Beilage für Soldaten („Die Rote Garde“) betreute. Diese Arbeit gab er wegen Drohungen gegen ihn und zunehmender politischer Enttäuschung auf. Im Mai 1919 trat er schließlich der Kommunistischen Partei Österreichs bei.

Bis zur Machtübernahme Hitlers

In den Jahren bis zu Hitlers Machtübernahme 1933 kehrte Kisch zur journalistischen und literarischen Arbeit zurück. Zunächst heuerte er als Reporter bei der Wiener Zeitung „Der Neue Tag“ an. Bei diesem links orientierten Presseerzeugnis schrieb er von März bis Juni 1919, musste dann aber wieder nach Prag zurück, weil er als unerwünscht in Österreich galt und des Landes verwiesen wurde.

Nachdem Kisch im Sommer 1920 Paris besucht hatte, arbeitete er für das „Prager Tagblatt“ und bereiste mit dem Schiff die Moldau, die Elbe und die Nordsee. 1921 folgten Reisen nach Frankreich und die Slowakei. Von diesen Reisen zurück übersiedelte Kisch wieder nach Berlin, wo er sich bis 1933 etablierte. Dort lernte er noch 1921 Jarmila Amrozová kennen, mit der er viele Jahre liiert war und die seine Werke ins Tschechische übersetzte. 1922 machte ihn die Brünner Tageszeitung „Lidové noviny“ zu ihrem Berliner Korrespondenten, was für Jahre – neben Publikationen in anderen Zeitungen – seine Hauptgeldquelle bedeutete. Aber auch für die politisch unterschiedlichen Presseerzeugnisse? Berliner Börsen-Courier, Weltbühne und Rote Fahne schrieb Kisch in Berlin.

Diese Berliner Jahre sind jedoch nicht nur durch journalistische Arbeiten geprägt. Kisch schrieb auch viele Bücher. Unter anderem eine Anthologie „Klassischer Journalismus“ und einige Reportagebände, deren Stoff er auf vielen Reisen zusammentrug: durch mehrfache Besuche in der Sowjetunion (zum ersten Mal 1925), Algerien und Tunesien (1927), den USA (mehrmonatiger Aufenthalt um die Jahreswende 1928–1929) und China (1932). Der Reportageband, der 1924 erschien, hieß „Der rasende Reporter“. Wegen seiner vielen Aktivitäten wurde dieser Titel zu seinem Beinamen.

Besonders die Sowjetunion hatte es Kisch angetan. 1923 besuchte er Maxim Gorki?, als der sich in Bad Saarow aufhielt. Als er im November 1925 der Kommunistischen Partei Deutschlands beigetreten war, folgte schon einen Monat später die Reise in das „Vaterland des Weltproletariats“. Literarisch verarbeitete er seine Erfahrungen dort in der Zeitschrift „Das Neue Russland“, der kommunistischen Tageszeitung „Die Rote Fahne“, 1927 in einem Reportageband über die Sowjetunion („Zaren, Popen und Bolschewiken“), 1932 in einem zweite Band, der von den Sowjetrepubliken in Zentralasien handelte. Die dunkle Seite des sowjetischen Kommunismus (Verfolgung der Russisch-Orthodoxen Kirche, Zwangsarbeitslager, Hungersnöte …) übersah Kisch in seiner Begeisterung über die sozialen und politischen Reformen des Landes.

Ganz anders war Kischs Bild von Amerika, das er um die Jahreswende 1928/29 für mehrere Monate besuchte. Unter dem Decknamen Dr. Becker landete der Kommunist in New York an, ging als Leichtmatrose an Bord des Frachtschiffes „Jefferson Myers“, mit dem er von Baltimore über den Panamakanal nach San Pedro (heute Ortsteil von Los Angeles in Kalifornien) fuhr. Unter anderem traf er sich mit Charlie Chaplin und dem sozialkritischen Schriftsteller Upton Sinclair?. Danach reiste er über San Francisco, Chicago und Detroit zurück nach New York. 1930 veröffentlichte er unter dem ironischen Titel „Paradies Amerika“ einen Reportageband und richtete seinen Blick vor allem auf die sozialen Ungerechtigkeiten und die Ausbeutung der Menschen durch den herrschenden Kapitalismus.

Kisch in seiner Bibliothek (1931); Rozpravy Aventina, volume 6/1930-1931, issue 32, page 373

1932 reiste Kisch in das vom Bürgerkrieg und der japanischen Bedrohung geprägte China und veröffentlichte noch 1933 in Deutschland einen Reportageband zu dieser Reise – den letzten, der in den 1930er Jahren von ihm in Deutschland erscheinen konnte.

In Kischs Reportagen? dieser Jahre flossen viele historische Aspekte ein. Dazu kommen aber auch dezidiert historische Werke? wie 1922 sein Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg, 1924 „Der Fall des Generalstabschefs Redl“, 1929 „Schreib das auf, Kisch!“ (Soldatenerfahrungen im Prager Korps), 1931 „Prager Pitaval“ (Kriminalgeschichten? aus Prag). Auf der gleichen Linie liegen die nach der Machtergreifung Hitlers geschriebenen Texte „Geschichten aus sieben Ghettos“ (1934) oder „Kriminalistisches Reisetagebuch“ (1937).

Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte sich Kisch auch am Drama. Noch in Prag entstand „Der Mädchenhirt“. 1922 – nun schon in Berlin – schrieb er die Komödie „Die gestohlene Stadt“, die auf seiner historischen Reportage? „Käsebier und Fridericus Rex“ beruhte (über Christian Andreas Käsebier, einen Dieb aus Halle (Saale), und den preußischen König Friedrich den Großen). Später folgten das Drama „Die Hetzjagd“ (Hintergrund war die Geschichte des Oberst Redl), die Tragikomödie? „Die Himmelfahrt der Galgentoni“ und 1930 in Zusammenarbeit mit Jaroslav Hašek?, die Satire „Die Reise um Europa in 365 Tagen“.

Die Berliner Jahre bewirken bei Kisch zunehmend eine stärkere Parteilichkeit, wozu Gespräche in Alfred Döblins Gruppe 1925? oder im Schutzverband Deutscher Schriftsteller? beigetragen haben mögen. So wird er Mitbegründer des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller? und setzt sich für Max Hoelz ein, den er als kommunistisches Opfer der deutschen Klassenjustiz sieht.

Exiljahre

Schon einen Tag nach dem Reichstagsbrand ließen die Nazis Kisch verhaften. Als Kommunist und Jude musste er damit rechnen. Wegen des „„dringenden Verdachts der Teilnahme am Hochverrat“ wurde er in der Zitadelle Spandau gefangen gehalten. Sein Glück war die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, denn nach der Intervention der Botschaft seines Landes wurde er am 11. März 1933 freigelassen und aus Deutschland ausgewiesen. In der Prager „Arbeiter Illustrierten Zeitung“ berichtete er aus den Kasematten von Spandau, was im Ausland für Aufsehen sorgte.

Die Verhaftung war Anstoß, dass sich Kisch sogleich gegen die Nazis engagierte. So hielt er noch 1933 eine Rede auf dem Antifaschistischen Arbeiterkongress Europas in Paris, übersiedelte 1934 nach Paris und Versailles, von wo aus er bis 1939 reiste und gegen die Nazis anschrieb. Seine Bücher veröffentlichte er jetzt in deutschen Emigrationsverlagen? in Paris, Amsterdam etc.

1934 reiste Kisch nach Australien. Dort wollte er in Melbourne an einem Antikriegskongress teilnehmen, doch verweigerten ihm die australischen Behörden den Aufenthalt im Land und nahmen ihm trotz Visum seinen Pass ab. Wegen seiner kommunistischen Grundhaltung galt Kisch auch in Australien als unerwünschte Person. Bevor aber das Schiff den Hafen von Melbourne verließ, sprang Kisch aus fast sechs Metern Höhe von der Reling auf den Uferkai, brach sich ein Bein, wurde wieder an borg gebracht und erst in Sydney an Land geholt, verhaften und zu drei Monaten Zwangsarbeit wegen versuchter illegaler Grenzüberschreitung verurteilt. Gegen Kaution wurde er jedoch entlassen, auch weil die Linken in Australien Proteste, Streiks und Demonstrationen wegen seiner Behandlung organisierten. Auf Druck der Öffentlichkeit durfte Kisch nun doch in Australien bleiben, wo er enthusiastisch gefeiert wurde und viele Reisen ins Landesinnere unternahm. 1937 gab er dazu den Reportageband? „Landung in Australien“ heraus, das letzte Buch Kischs vor dem Zweiten Weltkrieg.

Egon Erwin Kisch auf einer DDR-Briefmarke 1985

Erst 1935 kehrte Kisch nach Europa zurück und nahm unter anderem im Juni am I. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris teil. Zusammen mit Heinrich Mann wählten ihn die Delegierten als deutschen Vertreter in den Kongressvorstand. Auf dem Kongress selbst sprach er über die Reportage? als Kunst- und Kampfform. Auch am II. Internationalen Schriftstellerkongress 1937 in Madrid nahm Kisch teil. In der Zeit war die spanische Hauptstadt durch den Bürgerkrieg zerrissenen und Kisch besuchte verschiedene Frontabschnitte und interviewte? Soldaten der Internationalen Brigaden, woraus 1938 zwei Reportagebände hervorgingen: „Die drei Kühe“ und „Soldaten am Meeresstrand“.

Im Juni 1938 reiste der Schriftsteller nach Frankreich zurück und heiratete im Oktober Gisela (Gisl) Lyner, die er schon fast 20 Jahre zuvor in Wien kennengelernt hatte. Das Manuskript über den Postmeister Jean-Baptiste Drouet aus Sainte-Menehould, der im Juni 1791 in Varennes die Flucht Ludwigs XVI. vereitelte, an dem Kisch 1939 arbeitete, ist nicht erhalten. Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, stempelte man Kisch in Frankreich zum „politisch unsicheren Ausländer“ und siedelte ihn in ein Dorf bei Versailles um, wo er unter Polizeiaufsicht stand. Der mexikanische Generalkonsul Gilberto Bosques erteilte Kisch ein Visum, mit dem er Ende 1939 aus Frankreich auf den amerikanischen Kontinent ausreisen konnte, zunächst in die Vereinigten Staaten. Bei der Einreise musste er mehrere Tage auf Ellis Island warten, bevor ihm ein Durchreise-Visum erteilt wurde und er in Amerika bleiben konnte, wo er viele Schwierigkeiten auszuhalten hatte. Weil sich die politischen Bedingungen geändert hatten, kündigte ihm sein amerikanischer Verlag Alfred A. Knopf, Inc., mit dem er 1936 einen Vertrag über seine Autobiografie unter dem Titel Crawling in the Inky River (Schwimmend im Tintenstrom) geschlossen hatte. Und so lebte er von Recherchen zu den Lebensverhältnissen New Yorker Juden.

Als im Sommer 1940 auch seine Frau nach New York kam, beschloss das Paar nach Mexiko auszureisen. Es ließ sich in Mexiko-Stadt nieder, wo auch andere deutsche Schriftsteller im Exil lebten und 1941 den Heinrich-Heine-Klub gründeten, dessen Präsidentin Anna Seghers? und dessen Vize-Präsident Kisch wurde.

Im mexikanischen Exil schrieb Kisch Artikel? für die Exilzeitung? "Freies Deutschland", 1941 erschien endlich auch seine Autobiographie, allerdings unter einem anderen Titel und bei dem Verlag Modern Age Books in New York. Das Buch hieß jetzt "Sensation Fair" („Marktplatz der Sensationen“). Ein Jahr später konnte er es im Exilverlag? El Libro Libre – Das Freie Buch – in Mexiko auch auf Deutsch veröffentlichen. 1945 vor Kriegsende erschien noch der Reportageband? "Entdeckungen in Mexiko", das letzte Buch Kischs.

Letzte Lebensjahre in Europa

Im Februar 1946 verließen Kisch und seine Frau Mexiko und fuhren nach einem Zwischenaufenthalt in New York mit dem Schiff nach Europa zurück. Im März 1946 trafen sie in Prag ein, wo sich der Kommunist sogleich im politischen Leben engagierte. Weil er die neue Linie dort befürwortete wollte er ein Buch über die neue Tschechoslowakei schreiben, doch verschlechterte sich seine Gesundheit stark und schnell. Den ersten Schlaganfall bekam er im November 1947, ein zweiter folgte am 24. März 1948. Ein paar Tage später, am 31. März 1948, verstarb er in einer Prager Klinik, wo er noch von seiner Frau Gisl und seiner Freundin Jarmila Haasová-Nečasová betreut worden war.

Bedeutung

Durch Egon Erwin Kisch erlangte die Reportage? als literarische Form allgemeine Anerkennung. Dies erreichte er durch den kunstvollen Einsatz rhetorischer Mittel?, bewusster Redundanzen, von Gegenüberstellungen scheinbar widersprüchlicher Dinge, Wortspielen?, Ironie und Anspielungen. Dazu kamen Parodie und Polemik?. Diese Mittel machten aus seinen Beschreibungen des Alltäglichen verblüffende literarische Kunst.

Viele halten Kisch sogar für den Schöpfer der literarischen Reportage?, was allerdings nicht stimmt, da schon im 19. Jahrhundert Reporter? wie z. B. Mark Twain literarisch schrieben. Für die Entwicklung des Journalismus? hat Kisch aber dennoch große Bedeutung dadurch, dass er die Probleme der Welt an Hand des gewöhnlichen Lebens und Milieuschilderungen ohne Tabus schilderte.

Übrigens ...

Andere beschrieben Egon Erwin Kisch als ehrgeizigen Bonvivant und fröhlichen Klassenkämpfer. So schrieb Irmgard Keun, die Kisch 1936 nahe Ostende erlebte: "Er sprühte und knisterte vor Lebendigkeit, Kampfeslust, Witz und Einfällen." Republikanische Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg beschrieben ihn ähnlich humorvoll-vital.

Alfred Polgar, der ihm 1919 "Kleine Zeit" widmete, sah Kischs Charakter vor allem durch die Einheit von Wort und Tat bestimmt. Er war verletzbar und ehrgeizig, mit Karl Kraus? und dem Wieener Kaffeehausdichter Anton Kuh? verband ihn eine herzliche Feindschaft.

Politisch war er zwar Kommunist, doch vertrat er niemals genau den Standpunkt der Partei. Dazu war er zu unabhängig und selbständig im Denken. Vielleicht bewahrte ihn auch sein journalistisches Arbeiten vor einer zu großen Identifikation mit dem Kommunismus, schrieb er doch im Vorwort zu "Der rasende Reporter": "Der Reporter? hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt." Joseph Roth bestätigte diese Haltung Kischs, indem er schrieb: "Egon Erwin Kisch ist kein rasender Reporter; das ist ein Spitzname, den er sich nicht ohne Selbstironie gegeben hat; er ist ein gewissenhafter und gründlicher Berichterstatter. Was ihn aber zum vorzüglichen Schriftsteller macht und seine Berichterstattung zu literarischen Werken, ist ... die Gnade des echten Schriftstellers, die darin besteht, dass man die Wirklichkeit beschreibt, ohne die Wahrheit zu verletzen; dass man trotz der dokumentarischen Wirklichkeit nicht versäumt die Wahrheit zu sagen."

Obwohl Kisch in dem multikulturellen Prag aufwuchs und tschechisch sprechen konnte, schrieb er nur in Deutsch. Er selbst betrachtete sich als Weltbürger. 1938 äußerte er sich in einem Gespräch mit Friedrich Torberg? so: "Weißt Du, mir kann eigentlich nichts passieren. Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Tscheche. Ich bin ein Jud. Ich bin aus gutem Hause. Ich bin Kommunist. Ich bin Corpsbursch. Etwas davon hilft mir immer."

Nach Kisch ist der Egon-Erwin-Kisch-Preis? benannt. Gestiftet wurde er von Henri Nannen? als Auszeichnung für die beste journalistische Arbeit sowie für eine engagierte literarische Leistung. Verliehen wurde er zwischen 1977 und 2004. 2005 ging er in der Kategorie "Reportage" des Henri-Nannen-Preises? auf.

Werke (Auswahl, chronologisch)

  • Bücher von und über Egon Erwin Kisch bei Jokers
  • Vom Blütenzweig der Jugend, Dresden 1905 (Gedichte)
  • Der freche Franz, Berlin 1906 (Erzählungen)
  • Aus Prager Gassen und Nächten, Prag 1912
  • Prager Kinder, Prag 1913
  • Der Mädchenhirt, Berlin 1914 (Roman)
  • Abenteuer in Prag, Prag/Wien 1920
  • Als Soldat im Prager Korps, Prag/Leipzig 1922
  • Die gestohlene Stadt, Berlin 1922
  • Klassischer Journalismus, Berlin 1923 (Herausgeber)
  • Der Fall des Generalstabschefs Redl, Berlin 1924
  • Der rasende Reporter, Berlin 1925
  • Hetzjagd durch die Zeit, Berlin 1926
  • Zaren, Popen, Bolschewiken, Berlin 1927
  • Kriminalistisches Reisebuch, Berlin 1927
  • Wagnisse in aller Welt, Berlin 1927
  • Max Hoelz: Briefe aus dem Zuchthaus, Berlin 1927 (Herausgeber)
  • Sieben Jahre Justizskandal Max Hoelz, Berlin 1928
  • Schreib das auf, Kisch!, Berlin 1930
  • Die Reise um Europa in 365 Tagen, Berlin 1930 (mit Jaroslav Hašek?)
  • Egon Erwin Kisch beehrt sich darzubieten: Paradies Amerika, Berlin 1930
  • Prager Pitaval. Historische Kriminalfälle aus Böhmen, Berlin 1931
  • Asien gründlich verändert, Berlin 1932
  • Aus drei Weltteilen, Charkow/Kiew 1932
  • Egon Erwin Kisch berichtet: China geheim, Berlin 1933
  • Über die Hintergründe des Reichstagsbrandes, München 1933 (Tarnschrift)
  • Geschichten aus sieben Ghettos. Amsterdam 1934
  • Eintritt verboten, Paris 1934
  • Abenteuer in fünf Kontinenten, Paris 1936
  • Landung in Australien, Amsterdam 1937
  • Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien. Madrid 1938
  • Soldaten am Meeresstrand. Barcelona 1938
  • Marktplatz der Sensationen, Mexiko-Stadt 1942
  • Entdeckungen in Mexiko, Mexiko-Stadt 1945

Aus Prager Gassen und Nächten

Verfasst wurden die hier versammelten Reportagen? von Kisch als Reporter? der deutschsprachigen Tageszeitung? "Bohemia". Manche der Artikel? beruhen auf Polizeinachrichten. Er geht einer kleinen Meldung nach und erschließt die Geschichte hinter einer solchen Notiz?. Sein Blick richtet sich dabei auf das Leben von gesellschaftlich Unterprivilegierten und Kleinkriminellen - mit Sympathie und Ironie. Er zeichnet sie als Opfer ihrer Verhältnisse oder einer Bürokratie, die kein Verständnis oder nur starre Regeln hat, denen die "Jammergestalten" ausgeliefert sind, ohne dass sie die Möglichkeit haben, sich aus ihrer Lage zu befreien.

Zaren, Popen, Bolschewiken

Arbeitstitel dieses Buches war "Das Rote Reich". Berichtet wird in den Artikeln? des Buches über seine Reisen in der Sowjetunion vom Dezember 1925 bis Mai 1926. Moskau ist für ihn eine "Orgie der Kontraste". Das ist das Grundthema seiner Berichte?: der Gegensatz zwischen Neuem und Altem, Fortschrit und Tradition. Begeistert für die kommunistische Ideologie und die Umwälzungen in dem ehemals zaristischen Land findet er überall in Russland die stürmische Entwicklung das schlechte Alte hinwegfegen. Noch seien viele Menschen dem alten Regime treu ergeben, was Kisch beklagt. Aber das "neue Wollen" werde sich gegen jegliche Widerstände durchsetzen. Dies führte in Deutschland zur Kritik, er habe sich in der Sowjetunion indoktrinieren lassen und sei ein utopistischer Schwärmer.

Paradies Amerika

Vom November 1928 bis April 1929 bereiste Kisch die USA und dokumentierte seine Reisen in diesem Buch. Stationen waren New York, der Panamakanal, Los Angeles, Hollywood und San Francisco, aber auch Detroit und Chicago. Angeblich konnte er sich nur unter dem falschen Namen Dr. Becker Zutritt nach Amerika verschaffen, um den "Kosmos des Kapitalismus" zu besichtigen. Sein Buch ist das Pendant zu seinem Werk "Zaren, Popen, Bolschewiken". Den Titel "Paradies Amerika" will Kisch ironisch verstanden wissen. Das Land mag für manchen ein Paradies sein, für Kisch ist es das nicht. Die Realität Amerikas widerlegt für ihn jegliche "Paradies"-Illusionen. Noch immer, so Kisch, werden die Schwarzen durch die Weißen ausgebeutet und auch alle anderen Farbigen sind benachteiligt, Harlem ist für ihn "Fegefeuer der Neger". Die vollständige Kommerzialisierung Amerikas und seine Standardisierung wirken sich auch auf den geistigen Bereich aus und führen zu Ent-Individualisierung und Verflachung des Denkens. Deshalb schreibt Kisch: "Eine Bäuerin auf dem Balkan hat selbständigere Gedanken, ein Eskimo interessiert sich mehr für Lebensfragen als der Americano."

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