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Kleist, Heinrich von

Heinrich von Kleist (geb. 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder; gest. 21. November 1811 in Wannsee bei Berlin) war ein deutscher Dramatiker?, Erzähler, Lyriker? und Publizist?. Zu Lebzeiten blieb ihm der ersehnte Ruhm als Schriftsteller verwehrt. Erst in den folgenden Jahrzehnten erkannten die Zeitgenossen die außergewöhnliche Qualität seines Werks?.

Leben und Schreiben

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Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren. Er war der Sohn des preußischen Majors und Obristen Joachim Friedrich von Kleist und dessen zweiter Ehefrau Juliane Ulrike (geborene von Pannwitz), die 1775 geheiratet hatten. Die Mutter brachte fünf Kinder zur Welt: Friederike, Auguste, Heinrich und dessen jüngere Geschwister Leopold und Juliane. Kleists Vater war in erster Ehe mit Caroline Luise (geborene von Wulffen) verheiratet gewesen. Aus dieser Verbindung waren die beiden Halbschwestern Kleists, Wilhelmine, genannt Minette, und Ulrike hervorgegangen. Zeit seines Lebens hatten Kleist und seine Halbschwester Ulrike ein besonders inniges Verhältnis. In seinen Briefen berichtete er ihr von seinen zahlreichen Lebens- und Identitätskrisen.

Die Kleists sind eine alte Adelsfamilie, die ihre Ursprünge in Pommern hat. Ihr Stammvater ist Klest de Densin, der 1289 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Es ist umstritten, ob die Familie deutschen oder wendischen Ursprungs ist. Als Heinrich von Kleist geboren wurde, konnte die Familie auf eine lange Militär- und Beamtentradition zurückblicken. Juristen, Diplomaten und Offiziere prägten ihr Erscheinungsbild.

Verzicht auf Reichtum und Ehren

Kleist wurde lutherisch getauft. Ab 1782 erhielt er zusammen mit seinem Vetter Carl von Pannwitz ersten Unterricht bei dem Theologen Christian Ernst Martini. Nach dem Tod des Vaters 1788 wurde Kleist nach Berlin geschickt, wo er im Haus des Predigers und Schriftstellers Samuel Heinrich Catel aufgenommen wurde. Im damaligen Berlin war Catel eine angesehene Persönlichkeit: Seit 1793 war er Professor am Französischen Gymnasium in Berlin. Außerdem war Catel seit 1806 politischer Redakteur der „Vossischen Zeitung“. Kleist besuchte das Französische Gymnasium, das 1689 von Kurfürst Friedrich III. von Preußen für die protestantischen Emigranten aus Frankreich – die Hugenotten – gegründet worden war. Spätere Schüler des Gymnasiums waren unter anderem Maximilian Harden?, Victor Klemperer? und Kurt Tucholsky.

Nach dem Gymnasium schlug Kleist – gemäß der Familientradition – die militärische Laufbahn ein. 1792 wurde er in das 2. Gardebataillon Potsdam aufgenommen und nahm an der Belagerung von Mainz (1793) und am Rheinfeldzug gegen Frankreich (1796) teil. Sein ältestes bekanntes Gedicht „Der höhere Frieden“ ist wahrscheinlich in dieser Zeit entstanden. In einem Brief an seine Halbschwester Ulrike zweifelte Kleist bereits 1795 an seiner militärischen Tätigkeit. Er konnte sich jedoch noch nicht dazu entschließen, den Abschied zu nehmen. 1795 wurde er zum Fähnrich befördert, 1797 zum Leutnant.

Neben dem militärischen Dienst nahm er zusammen mit seinem Freund Rühle von Lilienstern mathematische und philosophische Studien in Potsdam auf, wodurch er den Zugang zur Universität erwarb. Im Gegensatz zu Kleist interessierte sich Lilienstern lebhaft für das Militär: Er besuchte später die von Gerhard von Scharnhorst geleitete Militärakademie in Berlin und trat 1813 als Freiwilliger in das Lützowsche Freikorps ein. Die enge Freundschaft zu Kleist ist durch zahlreiche Briefe belegt. Kleist widmete seinem Freund Lilienstern die Schrift „Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden, und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn zu genießen“. Darin legt Kleist dar, dass es für ihn nur einen Weg zum Glück gebe – nämlich die Bildung des eigenen Ichs und die am Ideal der Vollkommenheit orientierte Ausformung der eigenen Persönlichkeit. Mit ähnlichen Worten offenbarte sich Kleist im März 1799 seinem ehemaligen Lehrer Martini, als er ihm seine Absicht mitteilte, auch gegen den Widerstand der Familie und unter Verzicht auf Reichtum, Ehren und Würden den Militärdienst zu beenden. Im April 1799 schied er freiwillig aus dem Militärdienst aus.

Studium, Verlobung und Industriespionage

Im April 1799 ging Kleist nach Frankfurt an der Oder, wo er an der 1506 von Kurfürst Joachim I. gegründeten Viadrina Universität studierte. Er betrieb sein Studium mit Eifer, aber planlos. Im Hauptfach belegte er Mathematik, in den Nebenfächern Physik, Kulturgeschichte und Latein. Außerdem begann er ein Studium der Kameralwissenschaften. Dieser Studiengang, der die Studenten auf eine Tätigkeit als Verwaltungsbeamte vorbereiten sollte, diente ausschließlich zur Beruhigung der Verwandten. Zur gleichen Zeit spielte Kleist mit dem Gedanken, nach Göttingen zu wechseln und dort ein Studium der Theologie und Philosophie zu beginnen. Es war sein Ziel, durch das Studium sowohl der Erkenntnis der Welt als auch der Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit ein Stück näher zu kommen.

Schnell stellte sich jedoch Ernüchterung ein. Seiner Halbschwester Ulrike klagte er sein Leid. In einem Brief an sie schrieb Kleist, er habe immer das lockende Ziel vor Augen gehabt, über ein fachspezifisches Spezialistentum hinauszugelangen. Ästhetische Freuden habe er gesucht, Buchwissen habe man ihm hingeworfen. Nun lebe er mit der Befürchtung, bald jenen Wissenschaftlern zu gleichen, die wie eine Raupe auf einem Blatte knabberten und jeder von ihnen glaube, sein Blatt sei das beste – und um den Baum bekümmerten sie sich nicht. 1800 brach Kleist das Studium nach drei Semestern ab. Anfang desselben Jahres hatte er sich mit der Generalstochter Wilhelmine von Zenge verlobt.

Im Anschluss unternahm Kleist zusammen mit seinem Freund Ludwig von Brockes eine Reihe mysteriöser Reisen, die ihn über Leipzig und Dresden nach Würzburg führten. Manche Biographen behaupten, dass Kleist in dieser Zeit als Industriespion tätig gewesen sei. Wieder in Berlin, nahm er eine Volontärsstelle bei der Technischen Deputation des Königlichen Manufaktur-Kollegiums an. Dazu sah sich Kleist aus zwei Gründen genötigt. Zum einen wollte er den Menschen in seiner Umgebung beweisen, dass er in der Lage sei, durch eigene Arbeit sich und seine Verlobte zu ernähren. Außerdem hatte Wilhelmines Familie energisch interveniert, denn das Verlöbnis mit einem Weltenbummler ohne Heimat und ohne Beruf war in ihren Augen eine kompromittierende Mesalliance. Wilhelmines Familie forderte, dass Kleist ein Staatsamt bekleide.

Kant-Krise

Das Leben sei ein schweres Spiel, weil man beständig und immer von neuem eine Karte ziehen solle und doch nicht wisse, was Trumpf sei, schrieb Kleist im Februar 1801 an Ulrike. Zu dieser Zeit befand er sich in einer Phase seines Lebens, die durch berufliche und private Verwirrungen gekennzeichnet war. Intellektuelle Erschütterungen kamen hinzu. Im März 1801 hatte er damit begonnen, die Werke des Königsberger Philosophen Immanuel Kant zu lesen. Dessen „Kritik der Urteilskraft“ hat ihn nach Ansicht einiger Biographen in eine tiefe Lebens- und Identitätskrise gestürzt. Aus heutiger Sicht ist es jedoch fraglich, ob allein die Kant-Lektüre derart drastische Reaktionen hervorgerufen hat. Wahrscheinlicher ist es, dass das Zusammentreffen von beruflichen, intellektuellen und privaten Problemen die folgenden Ereignisse ausgelöst hat.

Im April 1801 verließ Kleist zusammen mit seiner Halbschwester Ulrike Berlin. Von diesem Schritt versprach er sich Zerstreuung und Selbstbesinnung. Sie gingen zunächst nach Dresden, wo Kleist viele Tage stumm durch die Straßen lief und vom Prunk der Schlösser, Kirchen und Theater beeindruckt war. Über Leipzig, Göttingen und Straßburg gelangten sie im Juli 1801 nach Paris. Atemlos stand Kleist vor der Sittenlosigkeit der französischen Hauptstadt. Inspiriert von Rousseaus? Kultur- und Fortschrittskritik fasste er den Entschluss, das Leben eines Bauern zu führen. Er trennte sich von Ulrike und ging in die Schweiz, wo er sich auf der im Thuner See gelegenen Insel Delosea niederließ. In einem Brief an Ulrike vom Oktober 1801 teilte er ihr mit, dass er seine wahre Bestimmung nunmehr darin gefunden habe, ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen. Als seine Verlobte Wilhelmine von Zenge von Kleists Absicht erfuhr, löste sie die Verlobung auf und es kam zum Bruch zwischen den beiden. Später heiratete sie den Philosophieprofessor Wilhelm Traugott Koch.

Das Erstlingsdrama entsteht

Bereits in Paris hatte Kleist mit der Arbeit an den Dramen „Die Familie Schroffenstein“ und „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“ begonnen. Diese Arbeit setzte er in der Schweiz fort. Die Tragödie „Die Familie Schroffenstein“, die zuvor die beiden Arbeitstitel „Die Familie Ghonorez“ und „Die Familie Thierrez“ getragen hatte, ist Kleists Erstlingsdrama. Er gestaltet darin das Romeo-und-Julia-Thema – die leidenschaftliche Liebe von zwei jungen Menschen, die aus tödlich verfeindeten Familien stammen.

Die Handlung spielt im romantischen Schwaben. Der Ton des Dramas ist tief pessimistisch. Die Menschen sind Spielbälle eines unbegreiflichen Schicksals, dem die beiden Liebenden schließlich zum Opfer fallen. Während eines Aufenthalts in Bern las Kleist aus dem Drama vor. Mit zweifelhaftem Erfolg – denn nach dem fünften Akt reagierte das Publikum nicht mit Applaus, sondern mit stürmischem Gelächter. Später verwarf Kleist das Werk. Das Drama „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“ ist nur als Fragment? erhalten.

Im Herbst 1802 kehrte Kleist nach Deutschland zurück. Seine metaphysische und ökonomische Verzweiflung spiegelt ein brieflicher Satz an seinen Schwager wider, den er noch aus der Schweiz geschrieben hatte: "Ich bitte Gott um den Tod und dich um Geld." Über Basel, Erfurt und Jena zog Kleist nach Weimar, wo er im Dezember eintraf. Dort machte er die Bekanntschaft Goethes und Schillers. Anfang 1803 verbrachte er einige Wochen bei Wieland? in Oßmannstedt. Dann ging er nach Dresden, wo er vermutlich eine Affäre mit der jungen Henriette von Schlieben hatte. In Dresden traf er seinen Jugendfreund Ernst von Pfuel wieder, dem er wiederholt gesagt haben soll, dass es für ihn nur ein Ziel im Leben gebe – nämlich der größte Dichter Deutschlands zu werden.

Zusammen mit von Pfuel reiste Kleist ein zweites Mal nach Paris. Dort verbrannte er – aus Frustration über sein dichterisches Unvermögen – die fertigen Szenen seines Dramas „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“. Entschlossen, den Beruf des Dichters aufzugeben, teilte er Ulrike in einem Brief mit, dass er sich Napoleons Truppen zur Invasion Englands anschließen werde, um den schönen Tod der Schlachten zu sterben. Einem Bekannten gelang es jedoch, Kleist zur Rückkehr nach Berlin zu bewegen. In Berlin trat er eine Beamtenstelle im preußischen Finanzministerium an. Auf Empfehlung des Freiherrn von Stein ging Kleist im Frühjahr 1805 als Diätar an der Domänenkammer nach Königsberg – aber nach gut einem Jahr gab er die Beamtenlaufbahn im Januar 1807 endgültig auf.

"Der zerbrochne Krug"

Nach dem Ausscheiden aus dem Staatsamt entfaltete Kleist eine enorme literarische Produktivität, die seinen späteren Weltruhm als einer der bedeutendsten Dichter in der Zeit zwischen Klassik und Romantik begründete.

Nach „Die Familie Schroffenstein“ hatte Kleist in Königsberg die Komödie „Der zerbrochne Krug“ vollendet. 1802 gab ein Kupferstich nach Debucourts Gemälde „La cruche cassée“ (heute verschollen) den Anlass zu einem literarischen Wettstreit zwischen Heinrich Geßner?, Ludwig Wieland?, Heinrich Zschokke? und Kleist. Aus Kleists Entwurf ging später das Stück „Der zerbrochne Krug“ hervor. Die Komödie spielt nahe Utrecht im bäurischen Milieu, der Humor ist derb und kraftvoll: In Evchens Zimmer wurde nachts von einem unbekannten Mann ein Krug zerbrochen. Der Dorfrichter Adam wird während der Gerichtsverhandlung gezwungen, sich selbst als Täter zu entlarven. Der Schluss der Komödie ist versöhnlich und lustspielhaft-leicht.

Die Uraufführung? des Stücks am 2. März 1808 – der einzigen Inszenierung zu Kleists Lebzeiten – am Weimarer Hoftheater war ein Misserfolg. Goethe hatte den Einakter? in drei Akte? zerstückelt. Von 1820 an gehörte jedoch die Rolle des Dorfrichters Adam zu den begehrtesten Charakterrollen des deutschen Theaters. Heute gilt „Der zerbrochne Krug“ als eine der wenigen zeitlosen Komödien der deutschen Literatur.

"Penthesilea"

Ebenfalls in Königsberg begann Kleist mit der Arbeit an der Tragödie „Penthesilea“, die bis heute nur selten den Weg auf die Bühne gefunden hat, was damit zusammenhängt, dass sich die Handlung des Stücks vorwiegend im Innern der Protagonisten vollzieht. Nach antiker Sage wurde vor Troja die Amazonenkönigin Penthesilea von Achill erschlagen. Nach einer anderen Version hat Penthesilea Achill getötet. In Kleists Stück ist Penthesilea in Achill verliebt. Sie will ihn besitzen, er will sich ihr hingeben. Doch das Gesetz des Amazonenstaates verlangt von ihr, dass sie sich den Gatten im Kampf erobert – um ihn nach der Hochzeitsnacht zu töten. Penthesilea hat den Wunsch, Achills Leben zu schonen. Sie sucht nach einem Ausweg. Vergeblich. Alle Wege zum Glück sind verstellt. Am Ende tötet sie den wehrlosen Achill im Kampf. Und danach sich selbst – doch nicht mit dem Schwert, sondern mit der Macht ihrer Gedanken.

Beim Entwurf des Stückes nahm Kleist keinerlei Rücksicht auf die bestehende Form des Theaters und die Erfordernisse der Bühne. In 24 Szenen ohne Akteinteilung gestaltet er die tragische Verwirrung der Gefühle in Penthesilea und Achill. 1808 vollendete Kleist die Tragödie. Unter dem Filmregisseur Hans-Jürgen Syberberg kam es 1981 in Paris zu einer Inszenierung, die dem besonderen Charakter der Stückes angemessen erscheint: Syberberg verwandelte das ganze Schauspiel in einen Monolog Penthesileas.

"Die Marquise von O..."

Im Januar 1807 befand sich Kleist auf dem Weg von Königsberg nach Berlin, als er von französischen Truppen verhaftet und bis Juli 1807 als Spion auf Fort de Joux gefangengehalten wurde. Vermutlich schrieb er während der Haft an der Novelle „Die Marquise von O...“, die 1808 in der von Kleist herausgegebenen Kunstzeitschrift „Phöbus?“ erschien. Die Novelle setzt mit einem Zeitungsinserat ein, in dem die von ihren Eltern verstoßene Marquise von O… nach dem Vater ihres Kindes sucht. Die Vorgeschichte wird nach und nach enthüllt: Während einer Ohnmacht wurde die Marquise vergewaltigt. Ein russischer Offizier wirbt stürmisch um ihre Gunst. Sie genießt seine Zuneigung und erschafft sich in ihrer Phantasie das Bild einer idealen Liebe. Was wäre aber, wenn der russische Offizier gleichzeitig der Vergewaltiger wäre? Als der Verdacht zur Gewissheit wird, gerät die Marquise in einen Strudel widerstreitender Gefühle … Anregungen empfing Kleist wahrscheinlich durch das Motiv der rätselhaften Empfängnis in Cervantes?Novelle „Die Macht des Blutes“.

Nach seiner Freilassung ging Kleist im August 1807 nach Dresden, wo er sich bis April 1809 aufhielt. In Dresden lernte er die Romantiker Ludwig Tieck?, Gotthilf Heinrich Schubert?, Caspar David Friedrich und vor allem den Geschichtsphilosophen Adam Müller? kennen. Zusammen mit Müller und unter finanzieller Mithilfe von Rühle von Lilienstern gab Kleist die Kunstzeitschrift „Phöbus. Ein Journal für die Kunst?“ heraus, die zwischen Januar 1808 und Dezember 1808 in Dresden erschien. Das Scheitern des Projekts stürzte ihn erneut in eine tiefe Lebenskrise. Er war monatelang krank.

Im Dezember 1808 vollendete Kleist das Drama „Die Hermannsschlacht“, das unter dem Eindruck der zeitgeschichtlichen Ereignisse entstanden und ganz auf den Augenblick berechnet war. Das Stück war eine Mahnung an Preußen und Österreich, gemeinsam gegen Napoleon und die mit ihm verbündeten Truppen zu kämpfen. In „Die Hermannsschlacht“ greift Kleist den Stoff von Armin dem Cherusker auf und bearbeitet ihn neu. Die Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.), in der Armin über Varus und die Römer siegte, wird zum Symbol nationaler Selbstbestimmung. Die Parallelen sind leicht zu entschlüsseln. Die Figur des Hermann ist Kleists politisches Sprachrohr. Zur Überwindung des Feindes tötet Hermann alle humanen und ethischen Regungen in sich ab: „Ich will die höhnische Tyrannenbrut nicht lieben! Solang’ sie in Germanien trotz, ist Hass mein Amt und meine Tugend Rache.“ 1809 setzte Kleist große Hoffnungen auf die politische Wirkung einer Aufführung in Wien – Heinrich Joseph von Collin? lehnte die Aufführung jedoch ab. Kleist war aufgrund des ausbleibenden Erfolgs schwer bestürzt. Am 29. August 1839 wurde das Drama in Pyrmont vom Detmolder Hoftheater uraufgeführt?.

"Michael Kohlhaas"

Im Mai 1809 ging Kleist nach Prag, wo er in patriotischen Kreisen verkehrte und zusammen mit seinem Freund Friedrich Christoph Dahlmann den Plan zur Herausgabe eines nationalen Wochenblatts mit dem Titel „Germania“ fasste. Das Blatt sollte ein Organ zur „deutschen Freiheit“ sein. Der Plan wurde nie verwirklicht. Einige Tage nach der Niederlage der österreichischen Truppen in der Schlacht bei Wagram (5./6. Juli 1809) erkrankte Kleist erneut. Für einige Wochen wurde er im Klosterspital der Barmherzigen Brüder in Prag betreut.

Im Februar 1810 kehrte er nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte. In Berlin verkehrte er unter anderem mit Achim von Arnim, Clemens Brentano?, Joseph von Eichendorff und Rahel Varnhagen?. Er war außerdem Mitglied der christlich-deutschen Tischgesellschaft, die für ihre nationalistischen und antisemitischen Tischreden berüchtigt war.

Im April 1810 erschien der erste Band der Kleistschen Erzählungen, der neben „Das Erdbeben in Chili“ (1807) und „Die Marquise von O...“ (1808) auch Kleists bekannteste Novelle, „Michael Kohlhaas“ (1810), enthielt. 1804 hatte Kleist mit der Arbeit an der Novelle begonnen, 1808 waren erste Auszüge in der Zeitschrift „Phöbus?“ erschienen. Kleist erzählt darin die Geschichte eines Pferdehändlers im 16. Jahrhundert, der aus verletztem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird. Kohlhaas ist mit einer Koppel Pferde auf dem Weg nach Sachsen. Da pfändet ihm ein sächsischer Junker ein Paar Rappen. Kohlhaas’ Frau, die versucht, die Dinge friedlich zu regeln, wird verletzt und stirbt. Ihr Tod ist Auslöser für Kohlhaas’ Rachefeldzug, in dessen Verlauf er die Burg des Junkers einäschert und die Vorstädte Wittenbergs niederbrennt.

Kleists unmittelbare Quelle? war die 1731 erschienene „Diplomatische und curieuse Nachlese der Historie von Ober-Sachsen und angrentzenden Ländern“. Doch Kleist hat sich nur zum Teil an die historischen Fakten gehalten. „Michael Kohlhaas“ wurde mehrfach dramatisiert?. 1933 hat Paul Klenau? die Novelle für die Oper bearbeitet. Der 1811 erschienene zweite Band der Erzählungen enthielt: „Die Verlobung in San Domingo“ (1811), „Das Bettelweib von Locarno“ (1810), „Der Findling“ (1811), „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ (1810) und „Der Zweikampf“ (1811).

Tod am Kleinen Wannsee

In Berlin gab Kleist zusammen mit Adam Müller? die „Berliner Abendblätter?“ heraus, die zunächst erfolgreich waren, dann aber wegen Schwierigkeiten mit der Zensur? eingestellt wurden. Die Zeitung, die der „Unterhaltung aller Stände des Volkes“ und der „Beförderung der Nationalsache“ dienen sollte, erschien täglich und enthielt auch lokale Nachrichten. Zu den Autoren gehörten unter anderem Ernst Moritz Arndt?, Adelbert von Chamisso und Friedrich Karl von Savigny?. Kleist selbst veröffentlichte darin seine Aufsätze? „Betrachtungen über den Weltlauf“, „Brief eines Malers an seinen Sohn“ und vor allem „Über das Marionettentheater“. Letzterer gilt in der literaturwissenschaftlichen Forschung als bedeutende theoretische Darlegung vom Wesen seiner eigenen Dichtung.

Nachdem die „Berliner Abendblätter?“ ihr Erscheinen einstellen mussten, bemühte sich Kleist vergeblich um eine Anstellung in der preußischen Verwaltungsbehörde. Zudem wurde sein 1809 begonnenes Schauspiel? „Prinz von Homburg“ (Uraufführung 1821 am Burgtheater in Wien) durch Friedrich Wilhelm III. mit einem Aufführungsverbot belegt. Diese Ereignisse stürzten Kleist erneut in eine tiefe Lebenskrise. In einem Brief an Maria von Kleist vom 10. Oktober 1811 schrieb er, dass er nun nahezu mittellos geworden und so wund sei, dass ihm, wenn er die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht weh tue, das ihm darauf schimmere.

Am 21. November 1811 erschoss Heinrich von Kleist erst seine Begleiterin Henriette Vogel, die an Gebärmutterhalskrebs erkrankt war, und anschließend sich selbst. In seinem letzten Brief an seine Halbschwester Ulrike vom 21. November 1811 teilte er ihr mit, dass ihm auf Erden nicht zu helfen gewesen sei.

Würdigung

Heinrich von Kleist war einer bedeutendsten Dichter in der Zeit zwischen Klassik und Romantik. Er schrieb Novellen, Gedichte und theoretische Abhandlungen?, verstand sich aber in erster Linie als Dramatiker?. In seinen Tragödien durchbrach er das Harmoniestreben der deutschen Klassik, indem er die vom Verstand nicht mehr kontrollierten Leidenschaften der Menschen darstellte. Immer wiederkehrende Themen seiner Werke sind die Konflikte zwischen dem von extremen Gefühlslagen beherrschten Individuum und äußeren Zwangsmächten wie Familie, Staat und Krieg. Außerdem war Kleist ein politisch engagierter Autor, der zum Kampf gegen Napoleon und für die Befreiung Deutschlands aufrief.

Von den Zeitgenossen wurde Kleist der ersehnte Ruhm als Dichter versagt. Insbesondere bei Goethe stieß sein Werk auf Unverständnis. Nach ihrem Zusammentreffen im Herbst 1802 war Goethe der Auffassung, Kleist leide unter einer krankhaften Verwirrung der Gefühle. Kleist wiederum fand Goethes prätentiöses Gehabe lächerlich und veröffentlichte später Spottgedichte? auf den Rivalen. Heute fasziniert Kleist durch seine außergewöhnliche Sprachkraft. Sein Werk ist keiner literarischen Strömung zuzuordnen.

Übrigens ...

Heinrich von Kleist und Henriette Vogel wurden gemeinsam am Kleinen Wannsee im Südwesten Berlins begraben. Jedes Jahr im November kommen Besucher und legen Blumen und Gedichte auf das Grab.

Werke (Auswahl)

  • Die Werke von Heinrich von Kleist sowie Sekundärliteratur bei Jokers
  • Die Familie Schroffenstein. EA 1803. Ditzingen, Reclam Verlag 1980, ISBN: 978-3150017685
  • Amphytrion. EA 1807. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150074169
  • Der zerbrochne Krug. EA 1808. Ein Lustspiel. Frankfurt am Main, Insel Verlag 2005, ISBN: 978-3458318712
  • Penthesilea. EA 1808. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150013052
  • Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe. EA 1808. Ditzingen, Reclam Verlag 1992, ISBN: 978-3150000403
  • Die Marquise von O.. Erzählung. Berlin 1810. EA 1810. München, dtv 1998, ISBN: 978-3423026499
  • Michael Kohlhaas. EA 1810. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150002186
  • Der Zweikampf. EA 1811. Ditzingen, Reclam Verlag 1984, ISBN: 978-3150080047
  • Die Hermannsschlacht. EA 1821. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150003480
  • Prinz Friedrich von Homburg. EA 1821. Ditzingen, Reclam Verlag 1986, ISBN: 978-3150001783
  • Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. EA 1878. Frankfurt am Main, Dielmann Verlag 2006, ISBN: 978-3929232554
  • Die Verlobung in St. Domingo / Das Bettelweib von Locarno / Der Findling. Ditzingen, Reclam Verlag 1984, ISBN: 978-3150080030
  • Der Zweikampf / Die heilige Cäcilie / Sämtliche Anekdoten / Über das Marionettentheater und andere Prosa. Ditzingen, Reclam Verlag 1984, ISBN: 978-3150080047
  • Sämtliche Werke und Briefe. München, dtv 2001, ISBN: 978-3423129190
  • Sämtliche Erzählungen. Ditzingen, Reclam Verlag 1984, ISBN: 978-3150082324
  • Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. München, dtv 1998, ISBN: 978-3423124935

Hörbücher

  • Kleist. Ein Lebensmonolog aus den Briefen. 2CDs. Hamburg, Noanoa Verlag 2003, ISBN: 978-3932929434
  • Michael Kohlhaas. CD. Berlin, Der Audio Verlag 2006, ISBN: 978-3898135801
  • Das Erdbeben in Chili. CD. Hiddenhausen, Argon Verlag 2005, ISBN: 978-3870248802
  • Sämtliche Anekdoten. CD. Ludwigsburg, Naxos 2001, ISBN: 978-3898160889

Sekundärliteratur

  • Appelt, Hedwig / Nutz, Maximilian / Von Kleist: Penthesilea. Erläuterungen und Dokumente. Ditzingen, Reclam Verlag 1992, ISBN: 978-3150081914
  • Bamberger, Günter: Heinrich von Kleist: Die Biographie. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2. Aufl. 2011, ISBN: 978-3100071118
  • Doering, Sabine: Heinrich von Kleist. Literaturwissen für Schule und Studium. Ditzingen, Reclam Verlag 1996, ISBN: 978-3150152096
  • Gräff, Thomas / Von Kleist, Heinrich: Lektürehilfen Michael Kohlhaas. Stuttgart, Klett Verlag 2006, ISBN: 978-3129230244
  • Grathoff, Dirk / Von Kleist, Heinrich: Das Käthchen von Heilbronn. Erläuterungen und Dokumente. (Lernmaterialien). Ditzingen, Reclam Verlag 1977, ISBN:978-3150081396
  • Gröble, Susanne / Von Kleist, Heinrich: Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili. Lektüreschlüssel. Ditzingen, Reclam Verlag 2004, ISBN: 978-3150153222
  • Hinderer, Walter: Kleists Erzählungen. Interpretationen. Ditzingen, Reclam Verlag 1998, ISBN: 978-3150175057
  • Kraft, Herbert: Kleist. Leben und Werk. Münster, Aschendorff Verlag 2007, ISBN: 978-3402004487
  • Müller-Salget, Klaus / Von Kleist, Heinrich: Sämtliche Erzählungen. Text und Kommentar. Frankfurt am Main, Deutscher Klassiker Verlag 2005, ISBN: 978-3618680055
  • Ogan, Bernd / Von Kleist, Heinrich: Die Marquise von O. (Lernmaterialien). Ditzingen, Reclam Verlag 2006, ISBN: 978-3150153796
  • Reuss, Roland / Staengle, Peter: Robert Guiskard, Herzog der Normänner. Fragment aus dem Trauerspiel. Frankfurt am Main, Stroemfeld Verlag 2000, ISBN: 978-3878773320
  • Rinnert, Andrea / Von Kleist, Heinrich: Interpretationshilfe Deutsch. Michael Kohlhaas. Freising, Stark Verlag 2006, ISBN: 978-3894495008
  • Schulz, Gerhard: Kleist. München, C.H. Beck Verlag 2007, ISBN: 978-3406564871
  • Staengle, Peter: Heinrich von Kleist. München, dtv 1998, ISBN: 978-3423310093

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