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Landschaft

Die Landschaft ist ein wichtiges Motiv in der Literatur. Der Begriff meint die "kulturalisierte", ästhetisierte Natur. Er bildete sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts heraus, im Zeitalter der europäischen Aufklärung?.

Geistesgeschichtliche Einordnung

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Das damalige Erstarken der Naturwissenschaften führte zu einem neuen Selbstverständnis des Menschen. Der sah sich nicht länger als ein von Naturgesetzen determiniertes Wesen, das der Natur hilflos gegenübersteht. Stattdessen erwiesen sich die Naturgesetze mit Hilfe des menschlichen Erkenntnisvermögens als zunehmend beherrschbar. Der Mensch entdeckte damit seine Freiheit im Umgang mit der Natur. Gleichzeitig ergänzte er die Natur (als Ganzes) um eine weitere Facette: die "kulturalisierte", ästhetisierte Natur.

Die Natur wurde nun nicht mehr als ungezähmtes Gegenüber empfunden, deren Kräften man einerseits ausgeliefert war und die man andererseits - in der Landwirtschaft - nach Nützlichkeitskriterien betrachtete. Für eine adäquate Landschaftsbeschreibung bedurfte es vielmehr anderer, nämlich ästhetischer Kategorien wie "erhaben" oder "schön". Der an die Natur gerichtete Anspruch des "prodesse" (Nützens) ging in den an die Landschaft gerichteten des "delectare" (Erfreuens) über.

Foto: Löwenzahl / Pixelio.de

Locus amoenus und locis terribilis

Die Menschen des 18. Jahrhunderts reagierten auf das Erstarken der Naturwissenschaften und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten unterschiedlich: Entweder bekamen sie Angst und propagierten eine Rückbesinnung auf die alten Werte, was einer Flucht in die arkadische? Idylle? gleichkam (z.B. Rousseaus? "Zurück zur Natur") und oftmals die Erschaffung eines locus amoenus hervorrief (wie es u.a. die Schriftsteller der Romantik unternahmen). Oder aber, und so reagierte die Mehrzahl der Bevölkerung des 18. Jahrhunderts, sie gerieten in eine wahre Wissenschaftsbegeisterung, öffneten die Augen weit für die "neue" Natur und empfanden auch einen locus terribilis? als ästhetisch ansprechend (derart reagierten zuerst Brockes und Haller). Das mündete später dann in die Entdeckung des Erhabenen? als ästhetische Kategorie.

Das Erhabene kann als eine Art "ästhetische Rechtfertigung des Hässlichen" verstanden werden. War es bei Pseudo-Longinus in der Antike und auch noch bei Boileau, als dieser die Debatte Ende des 17. Jahrhunderts neu entfachte, nur eine Facette des Schönen, so wandelte sich die Auffassung vom Erhabenen in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts allmählich zu einem Gegenpol des Schönen, zum Hässlichen und Schrecklichen, mit einem Wort: zum Nicht-Schönen. Neben Burke u.a. teilte auch Kant diese diametrale Abgrenzung des Erhabenen vom Schönen. In seiner "Kritik der Urteilskraft" (1790) zeigt Kant, dass das Erhabene keine Eigenschaft ist, die den Gegenständen zukommt, sondern ausschließlich ein "Gefühl", das im Menschen stattfindet, wenn bestimmte äußere Umstände gegeben sind, die es in ihm auslösen können.

"Zurück zur Natur"

Die von Kant beschriebene zwiespältige Gefühlslage, sich einerseits durch die Unberührtheit der Natur in den arkadischen Urzustand eines goldenen Zeitalters? zurückversetzt zu fühlen, andererseits aber vor der Rohheit und Wildheit der so gänzlich unberührten Natur zurückzuschrecken, und schließlich das eigenartige "Geistesgefühl" des Erhabenen, das man empfindet, indem man sich dieser scheinbaren physischen Macht dann seinerseits mutig bemächtigt: All dies erinnert nicht zuletzt auch schon an Rousseau?, der im Rahmen seiner Zivilisationskritik der unberührten, menschenleeren Natur eine signifikante Rolle überträgt, da in ihr die Harmonie und Freiheit des verlorenen, als paradiesisch? gedachten Naturzustandes noch sichtbar ist.

Der zivilisierte, unfreie, "degenerierte", aber empfindsame Mensch also kann in der freien Natur sozusagen in seinen eigenen Urzustand zurückblicken und seine Sehnsucht auf ihn richten. So gelingt es ihm, vorübergehend seine Fesseln abzustreifen, in der unendlichen All-Harmonie der Natur aufzugehen und so zu sich selbst zurückzufinden.

Man hat sich den Ablauf dieses "kathartischen?" Effektes folgendermaßen vorzustellen: conditio sine qua non ist ein Ort vollkommener Stille und Einsamkeit in der unberührten, reinen Natur, die den sensiblen Menschen interessiert und rührt. Er bewundert nun die vorgefundenen Einzelheiten und gerät darüber zunächst in Nachdenken, wobei dieser reflexive Zustand aber bald von einem träumerischen abgelöst wird, welcher sich durch eine Auffassung der Landschaft als verschwommene "Kulisse für das Schauspiel der eigenen Imagination?" auszeichnet und der wiederum dem "alleinigen Gefühl des Existierens" weicht, welches durch das abstrakte Erfahren der Natur als "Natur an sich" entsteht. Hier sieht der Betrachter also nur noch die durch die Natur symbolisch repräsentierte Idee. Dieser Prozess des geglückten Weges "zurück zur Natur" wird exemplarisch von Rousseau selbst in seiner letzten, (1776-78 verfassten und postum veröffentlichten) autobiographischen Schrift "Träumereien eines einsamen Spaziergängers" vollzogen.

"Natürlichkeit" als Ziel der Kunst

Diese von Rousseau beschriebenen Wirkungen von unberührter Natur sind um dieselbe Zeit auch von der Gartenkunst entdeckt und fruchtbar gemacht worden. Herausragender Vertreter und zugleich Wegbereiter der neuen Gartenkunst (da er den theoretischen Hintergrund lieferte) war ein Philosophieprofessor aus Kiel: Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742-1792). Sein Hauptwerk?, die 1775 erschienene "Theorie der Gartenkunst", erlangte schnell ansehnlichen Ruhm. Die Gegenstände der Natur – so Hirschfelds Überzeugung – verfügen über ästhetische Qualitäten, die in der menschlichen Seele ihre Entsprechung finden und deshalb Emotionen beim Betrachtenden hervorrufen. Hirschfelds Programm beinhaltete die Forderung nach einer "Verbesserung" der Natur? durch Kultur (Gartenkunst). Indem nämlich der Gartenkünstler seine Kunst so anwendet, dass die Natur zwar weiterhin "natürlich" wirkt, in Wirklichkeit aber optimiert wurde, sollte eine Symbiose zwischen Natur und Kultur geschaffen werden, in der beide dazugewinnen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Erziehungslehre der Aufklärung, besonders insofern, als namhafte Theoretiker der Gartenkunst (wie Hirschfeld) von der Möglichkeit einer moralischen Erziehung des Menschen durch die ihn umgebende Landschaft überzeugt waren, der Wirkungsästhetik also größte Bedeutung und Einflussnahme auf ethischem Gebiet zumaßen und diese Macht der Ästhetik darüber hinaus noch auf den Bereich des gesellschaftlichen Umganges der Menschen untereinander ausdehnten, indem sie glaubten, die Erfahrung des Schönen (und auch des Erhabenen) im Landschaftsgarten als der optimierten Natur führe auch zu moralischer Bildung und "erziehe" den durch Zivilisation entfremdeten Menschen wieder zu einheitlicher Harmonie und natürlicher Glückseligkeit. Der Gartenkünstler wird so zugleich zum aufklärerischen Erzieher, der – ganz im Sinne Schillers – den Menschen ästhetisch erzieht, um ihn moralisch zu bilden; die Kunst weist also den Weg zur Ethik.

Schiller und die Gartenkunst

In seiner kleinen Rezension "Über den Gartenkalender auf das Jahr 1795" entwirft Schiller programmatisch die seiner Ansicht nach ideale Form eines Gartens. Er beschreibt zunächst zwei einander entgegengestzte Extreme: erstens den mathematisch-formstrengen französischen Garten, in dem alles Natürliche durch strenge Ordnung und steife Regelmäßigkeit besiegt werde, um Verstand (Ordnung) und Auge (Anmut) zu befriedigen. Und zweitens den englischen Garten, der nun nach der anderen Seite genauso extrem sei, weil aus dieser Art Garten jegliche Form verbannt und so die Freiheit zu einer grenzenlosen werde, was zu chaotischer Willkür und oftmals "kindische[r] Kleinheit" führe.

Philosophiegeschichtlich lassen sich hinter den beiden Extremen die beiden Strömungen der Aufklärung wiedererkennen: der Rationalismus mit Descartes?, Spinoza? und Leibniz? auf der einen Seite und der englische Empirismus mit [Hume David | [Hume]], Berkeley? und weiteren Denkern auf der anderen.

Vom Schönen zum Guten

Schiller fährt in seiner Gartenkritik nun weiter fort, statt der beiden Extreme müsse ein sie beide harmonisch vereinigender Kompromiss als Synthese gefunden werden: "Es wird sich alsdann wahrscheinlicherweise ein ganz guter Mittelweg […] finden; es wird sich zeigen, […] daß es […] sehr ausführbar und vernünftig [ist], einen Garten […] sowohl für das Auge als für das Herz und den Verstand zu einem charakteristischen Ganzen zu machen." Die hier angesprochene Trias also, ästhetisches Wohlgefallen ("Auge"), emotionale Rührung ("Herz") und moralische Belehrung ("Verstand") ist schon aus Schillers "Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen" (1793) bekannt. Der dort beschrieben Weg des Kunstbetrachtenden geht vom physischen über den ästhetischen zum moralischen Zustand, die schöne Kunst erscheint als das "Werkzeug" , den Menschen zu veredeln und zur wahren Humanität zu bilden.

Schiller zufolge ist also der ästhetische Zustand ein Zwischenzustand, der den Übergang von der Sinnlichkeit zur Vernunft (und damit Moralität) ermöglicht. Philosophiegeschichtlich entspricht der von Schiller so nachdrücklich angeratene "Mittelweg" der dritten und spätesten Strömung der Aufklärung. Diese Strömung ist bestimmt durch die Transzendentalphilosophie Immanuel Kants. Aus Kants Sicht versprach der Rationalismus zu viel, der Empirismus dagegen zu wenig: "Anschauungen ohne Begriffe sind blind – Begriffe ohne Anschauung sind leer". In seiner eigenen Philosophie verband Kant Rationalismus und Empirismus und machte aus beidem etwas Neues. Damit wurde er der Vollender und zugleich - auf höherer Ebene - der Überwinder der Aufklärung.

Sekundärliteratur

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  • Schiller, Friedrich: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Benno von Wiese (Hg.): Schillers Werke. Nationalausgabe. Bd. 20.1: Philosophische Schriften. Weimar 1962. S. 413-503.
  • von Stackelberg, Jürgen: Jean-Jacques Rousseau. Der Weg zurück zur Natur. München 1999.
  • Wolters, Gereon: Immanuel Kant (1724-1804). In: Gernot Böhme (Hg.): Klassiker der Naturphilosophie. Von den Vorsokratikern bis zur Kopenhagener Schule. München 1989. S. 203-219.

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