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Loest, Erich

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Erich Loest (geb. 24. Februar 1926 in Mittweida/Sachsen; gest. 12. September 2013 in Leipzig) war ein deutscher Schriftsteller. In seinen mit viel Ironie erzählten Romanen schilderte er häufig den Alltag der Menschen in der DDR. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß.

Foto: E. S. Myer/Wikimedia.org

Leben und Schreiben

Erich Loest wurde am 24. Februar 1926 als Sohn eines Eisenwarenhändlers in Mittweida/Sachsen geboren. Er besuchte die Oberschule und nahm ab Winter 1944/45 am Zweiten Weltkrieg teil. Im April 1945 geriet Loest in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er nach zwei Wochen wieder entlassen wurde. Nach dem Ende des Krieges arbeitete Loest zunächst auf einem Gutshof bei Leipzig und machte ab 1946 ein Volontariat bei der „Leipziger Volkszeitung“. 1947 trat Loest der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei, im selben Jahr avancierte er zum Kreisredakteur der „Leipziger Volkszeitung“.

„Jungen, die übrig blieben“ (1950)

Die Stelle bei der „Leipziger Volkszeitung“ verlor Loest nach der Veröffentlichung seines ersten Romans „Jungen, die übrig blieben“ (1950) wieder. In dem autobiographisch gefärbten Antikriegsroman erzählt Loest die Geschichte des Oberschülers Walter Uhlig, der in die Wirren der letzten Kriegsmonate und der ersten Nachkriegszeit gerät. Der Roman ist eine Warnung vor Faschismus und Kriegstreiberei. Viele Leser in der DDR waren begeistert, die offiziösen Literaturkritiker hingegen lehnten den Roman aus ästhetischen und ideologischen Gründen ab – ein Urteil, das Loest seine Redakteursstelle kostete. Auf diese Weise wurde Loest, wie er später einmal sagte, wider Willen zum freien Schriftsteller.

„Die Westmark fällt weiter“ (1952)

In seinen folgenden Erzählungen und Romanen war Erich Loest um die Einhaltung der Richtlinien des sozialistischen Realismus? bemüht: Er veröffentlichte die Erzählbände „Nacht über dem See und andere Kurzgeschichten“ (1950), „Liebesgeschichten“ (1951), „Sportgeschichten“ (1953) und den kolportageartigen? Berlinroman „Die Westmark fällt weiter“ (1952). In Letzterem verlieh Loest seiner Überzeugung Ausdruck, dass der Sozialismus eines Tages den Sieg über den Kapitalismus davontragen werde.

Wenig später geriet Loest, der zu dieser Zeit ein überzeugter Kommunist war, in einen ebenso heftigen wie folgenschweren Konflikt mit den DDR-Oberen. Den Anlass lieferten die beiden Zeitungsartikel „Es wurden Bücher verbrannt“ und „Elfenbeinturm und rote Fahne“, in denen er die Ereignisse während des DDR-Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 kritisch analysiert. Der Konflikt endete damit, dass Loest zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, die er unter anderem in dem berüchtigten Zuchthaus Bautzen verbüßen musste. Über diese qualvolle Zeit berichtete Loest in seiner Autobiographie „Durch die Erde ein Riss“, die 1981 in Hamburg publiziert wurde.

„Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978)

Nach der Haftentlassung im Jahr 1964 veröffentlichte Loest zunächst eine Reihe spannend erzählter Unterhaltungsromane, die sein finanzielles Überleben in der DDR – wo er inzwischen als Unperson galt und vom MfS (Ministerium für Staatssicherheit) beobachtet wurde– sicherten. Unter anderem erschienen die Romane „Der Mörder saß im Wembley-Stadion“ (1967) „Schöne Frau und Kettenhemd“ (1969) und „Eine Kugel aus Zink“ (1964). Diese Romane publizierte Loest unter dem Pseudonym Hans Walldorf.

Zu großer Bekanntheit (nun auch in der BRD) gelangte Erich Loest mit seinem sozialkritischen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978), in dem er illusionslos den Alltag in der DDR schildert. Der in Leipzig spielende Roman, der von Christa Wolf mit lobenden Worten bedacht wurde, gilt als ein herausragendes Dokument der Zeitgeschichte sowie als detailreiche Momentaufnahme vom Leben der Arbeiter und Angestellten in der DDR. Bereits kurz nach seinem ersten Erscheinen war der Roman in der DDR vergriffen. Die Kulturbehörden, denen die ironischen und satirischen Erzählelemente des Romans suspekt erschienen, verzögerten die Neuauflage?. Loest protestierte daraufhin öffentlich gegen direkte und indirekte Zensurmaßnahmen? in der DDR. Um der staatlichen Repression zu entgehen, siedelte Loest 1981 in die Bundesrepublik über. Bis 1987 lebte er in Osnabrück, dann in Bad Godesberg. In dem 1984 erschienenen Bericht „Der vierte Zensor“ schilderte Loest die Querelen um seinen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“.

„Völkerschlachtdenkmal“ (1984)

Erich Loest wurde rasch in der Literaturszene der BRD heimisch und einer breiten Leserschaft bekannt. 1981 erhielt er den Hans-Fallada-Preis? der Stadt Neumünster, 1984 wurde er zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller? (VS) gewählt. Von 1994 bis 1997 war er Bundesvorsitzender des Verbandes.

Im Jahr 1984 veröffentlichte Loest seinen amüsant-melancholischen Roman „Völkerschlachtdenkmal“, mit dessen Niederschrift er bereits in der DDR begonnen hatte. Im Mittelpunkt des mit spitzbübischem Humor erzählten Romans steht der Denkmalswärter und Psychiatriepatient Carl Friedrich Fürchtegott Vojciech Felix Alfred Linden – und dieser Bandwurmvorundfamilienname ist Programm: In dreizehn Kapiteln blickt der Autor auf 150 Jahre sächsischer Geschichte zurück. Dabei wird das 1913 eingeweihte Denkmal für die Leipziger Völkerschlacht von 1813 zum Symbol für die deutsche Geschichte und ihrer wechselvollen Inanspruchnahme durch die DDR-Propaganda.

Ab 1990 hatte Loest seinen zweiten Wohnsitz wieder in Leipzig, 1998 zog er endgültig dorthin. Mit der turbulenten Leipziger Stadtgeschichte befasste sich Loest in seinen Romanen „Nikolaikirche“ (1995 - nach einem eigenen Drehbuch, das auch als Fernseh-Mehrteiler verfilmt wurde) und „Reichsgericht“ (2001).

„Sommergewitter“ (2005)

2005 folgte der Roman „Sommergewitter“, der von der Literaturkritik begeistert aufgenommen wurde. Die „Frankfurter Rundschau“ sah in „Sommergewitter“ den ersten überzeugenden Roman über den DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ war vom reichhaltigen Figurenensemble und der Schärfe der Alltagsschilderungen beeindruckt.

„Einmal Exil und zurück“ (2008)

Unter dem Titel „Einmal Exil und zurück“ erschienen 2008 Reden?, Essays, Interviews? und zwei Theaterstücke von Erich Loest aus den vergangenen Jahren. In ihnen zog der Autor eine - laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" traurig-enttäuschte - Bilanz aus der Zeit seit der Wende. Tagebucheinträge aus der Zeit zwischen August 2008 bis September 2010 erschienen 2011 unter dem Titel „Man ist ja keine Achtzig mehr“.

Im Alter von 87 Jahren schied Erich Loest am 12. September 2013 im Universiätsklinikum Leipzig nach längerer Krankheit freiwillig aus dem Leben.

Übrigens ...

hat Erich Loest unter dem Titel „Swallow, mein wackerer Mustang“ (1980) eine sehr lesenswerte Biographie über seinen sächsischen Landsmann Karl May geschrieben. In dem Buch, das Loest ein Jahr vor seiner Übersiedlung in die BRD verfasste, zeichnete er Karl May als einen liebenswert-neurotischen Spießbürger, der der Enge des Alltags nur mit Hilfe von Feder? und Papier entfliehen kann.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Erich Loest bei Jokers
  • Jungen, die übrig blieben. EA 1950. München, dtv 2006, ISBN: 978-3423134279
  • Der Mörder saß im Wembley-Stadion. Kriminalroma EA 1967. Göttingen, Steidl Verlag 2006, ISBN: 978-3865212504
  • Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene. EA 1978. München, dtv 2002, ISBN: 978-3423130141
  • Swallow, mein wackerer Mustang. Karl-May-Roman. EA 1980. München, dtv 1992, ISBN: 978-3423114882
  • Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. EA 1981. München, dtv 1999, ISBN: 978-3423113182
  • Völkerschlachtdenkmal. EA 1984. München, dtv 1998, ISBN: 978-3423125338
  • Nikolaikirche. EA 1995. München, dtv 1997, ISBN: 978-3423124485
  • Sommergewitter. EA 2005. Göttingen, Steidl Verlag 2005, ISBN-13: 978-3865211774
  • Prozesskosten. Bericht. EA 2007. Göttingen, Steidl Verlag 2007, ISBN: 978-3865214232
  • Einmal Exil und zurück. EA 2008. Göttingen, Steidl Verlag 2008, ISBN: 978-3865216656
  • Wäschekorb. EA 2009
  • Löwenstadt. EA 2009
  • Man ist ja keine Achtzig mehr. EA 2011
  • Lieber hundertmal irren. EA 2013

Hörbücher

  • Sommergewitter. 6 CDs. Göttingen, Steidl Verlag 2006, ISBN: 978-3865215055

Sekundärliteratur

  • Brandt, Sabine: Vom Schwarzmarkt nach Sankt Nikolai. Erich Loest und seine Romane. Leipzig, Linden Verlag 2001, ISBN: 978-3861520009

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