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Mehring, Walter

Walter Mehring (geb. 29. April 1896 in Berlin; gest. 3. Oktober 1981 in Zürich) war ein deutscher Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Journalist?. Seine geistreichen Chansons? und Lieder, in denen er die bürgerliche Moral verspottete und das Leben in der Großstadt schilderte, gingen in den 1920er Jahren in Berlin als Gassenhauer? um.

Leben

Walter Mehring wurde am 29. April 1896 als Sohn eines Schriftstellers und einer Opernsängerin in Berlin geboren. Sein Vater Sigmar Mehring war Chefredakteur des Berliner Satiremagazins „Ulk“, für das unter anderem Heinrich Zille und Lyonel Feininger als Karikaturisten tätig waren. Außerdem hatte sich der Vater als Übersetzer der französischen Lyriker François Villon? und Paul Verlaine? einen Namen gemacht. Nach eigener Auskunft hat Walter Mehring die meiste Zeit seiner Kindheit und frühen Jugend in der Bibliothek seines Vaters verbracht, die mehrere Tausend Bände umfasste.

Walter Mehring besuchte das Königliche Wilhelmsgymnasium in Berlin. Ab 1914 studierte er Kunstgeschichte in Berlin und München. Zu dieser Zeit hatte er bereits Bekanntschaft mit dem Verleger und Künstler Herwarth Walden? geschlossen, der 1910 die Kunstzeitschrift? „Der Sturm“ gegründet und eine Vielzahl avantgardistischer? Künstler um sich geschart hatte. Walter Mehring wurde Mitglied des „Sturm“-Kreises, wo er mit den Arbeiten Wassily Kandinskys, Robert Delaunays und Fernand Légers in Kontakt kam. Hier lernte er auch die expressionistischen Dichter Peter Hille?, Else Lasker-Schüler und Georg Trakl? kennen. Mehrings besondere Vorliebe galt dem Lyriker August Stramm, der in seinen Gedichten die Sprache und Syntax dekomponierte? und an die Stelle traditioneller Strophenformen? eine Reihung von Einzelworten setzte. 1915 erschienen Walter Mehrings erste Gedichte im „Sturm“.

1916 erhielt Walter Mehring seinen Einberufungsbefehl. Er wurde in Jüterbog/Brandenburg zum Richtkanonier ausgebildet und in eine Verdächtigenkompanie gesteckt. Der Erste Weltkrieg wurde zu einem Schlüsselerlebnis für Walter Mehring. In dieser Zeit habe er erkannt, teilte Mehring später mit, dass die Aufgabe des modernen Schriftstellers nur darin bestehen könne, die Herrschenden und Mächtigen zu entlarven.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Walter Mehring an den Aktionen der Berliner Dadaisten beteiligt, die gegen die bürgerliche Kunst revoltierten und zu deren bekanntesten Vertretern John Heartfield, George Grosz? und Franz Jung? gehörten. Einige Gedichte aus dieser Zeit sind in Mehrings erster Buchpublikation „Das politische Cabaret. Chansons Songs Couplets“ enthalten, die 1920 im Dresdner Rudolf Kaemmerer Verlag? erschien. Die Gedichte zählen zu dem Besten, was der Dadaismus hervorgebracht hat. Zudem hat Mehring den Band mit fünf ganzseitigen Illustrationen versehen, die im aggressiv-ätzenden Stil seines Freundes George Grosz? gezeichnet sind.

1919 folgte Walter Mehring dem Ruf Max Reinhardts? an die Kabarettbühne? „Schall und Rauch“, die in den ehemaligen Stallungen des Zirkus Schumann in Berlin untergebracht war. Zusammen mit Kurt Tucholsky, Klabund? und Joachim Ringelnatz? schrieb er hier Texte für das Kabarett. Themen dieser Texte waren die gescheiterte Revolution von 1918, das Bündnis von Sozialdemokratie und republikfeindlichen Kräften sowie die sozialen Verhältnisse in der jungen Weimarer Republik. In der Folge war Mehring auch für andere Kabarettbühnen tätig, so zum Beispiel für Trude Hesterbergs? „Wilde Bühne“ und Rosa Valettis? „Café Größenwahn“.

Walther Mehring siedelte 1921 nach Paris über, wo er bis 1928 als Korrespondent für deutsche Zeitungen tätig war. 1921 erschien im Kurt Wolff Verlag? „Das Ketzerbrevier. Ein Kabarettprogramm“. Der Band enthält Mehrings bekanntestes Gedicht „Heimat Berlin“, in dem er seiner Geburtsstadt ein Denkmal in Form eines Chansons? gesetzt hat. Es folgte die Veröffentlichung der Revue? „Europäische Nächte“ (1924), der Erzählungen „In Menschenhaut. Aus Menschenhaut. Um Menschenhaut herum“ (1924), der Novellen „Algier“ (1927) und des rasant-assoziativen Romans „Paris in Brand“ (1927), über den der Rezensent der Satirezeitschrift „Das Stachelschwein“ im Februar 1928 ironisch? schrieb, dass ein durchschnittlich gebildeter Mensch oder gar eine harmlose Frauensperson mit dem Buch nichts anfangen könne.

1928 kehrte Walter Mehring nach Berlin zurück. Hier entstand das Theaterstück? „Der Kaufmann von Berlin. Ein historisches Schauspiel aus der deutschen Inflation“, das paradoxerweise bei Juden und Antisemiten gleichermaßen für Empörung sorgte. Das Stück schildert den Aufstieg und Fall des jüdischen Spekulanten Kaftan, der durch Waffenlieferungen zu Reichtum kommt und als betrogener Betrüger endet. „Der Kaufmann von Berlin“ wurde 1929 in der Berliner Volksbühne uraufgeführt. Erwin Piscator? hatte das Stück inszeniert. Es kam zum Skandal. Vor dem Theater war SA aufmarschiert. Im Theater warfen Nationalsozialisten mit Stinkbomben. Die Chansons? aus „Der Kaufmann von Berlin“ sind in den Lyrikband „Arche Noah SOS. Neues trostreiches Liederbuch“ eingegangen, der 1931 im S. Fischer Verlag? erschien.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 musste Walter Mehring Deutschland verlassen. In seinen Publizistik? Arbeiten und Gedichten war er immer als Gegner der Nationalsozialisten aufgetreten. 1933 hatte der nationalsozialistische Politiker Joseph Goebbels in der Berliner Tageszeitung „Der Angriff“ einen ganzseitigen Artikel über Walter Mehring veröffentlicht, der unter dem Titel „An den Galgen“ stand. Mehring flüchtete zunächst nach Österreich, dann nach Frankreich und schließlich in die USA, die ihm die Staatsbürgerschaft verliehen. Zu Walter Mehrings bedeutendsten Veröffentlichungen im Exil gehören der Band „…und Euch zum Trotz. Chansons Balladen und Legenden“ (1934) und der Roman „Müller. Chronik einer deutschen Sippe von Tacitus bis Hitler“ (1935), der im Wiener Gsur-Verlag? publiziert wurde und eine diplomatische Verwicklung zur Folge hatte: Der Gesandte des Deutschen Reiches in Wien, der ehemalige Reichskanzler Franz von Papen, forderte die Unterdrückung des Buches, was die österreichische Regierung jedoch ablehnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Walter Mehring nach Europa zurück. Er lebte in Ascona (Italien), später in Zürich. 1952 erschienen seine Erinnerungen? mit dem Titel „Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur“, die in der Literaturkritik als einer der herausragenden Non-fiction-Publikationen der deutschen Literatur gelten.

Am 3. Oktober 1981 starb Walter Mehring in Zürich.

Literarische Arbeiten

Das Ketzerbrevier. Ein Kabarettprogramm, Dichtungen (1921)

Die in dem Band „Das Ketzerbrevier“ versammelten Kabarett-Texte? sind 1921 im Münchner Kurt Wolff Verlag? erschienen. Neben Gedichten und einem Kurzdrama in Versen enthält der Band ein programmatisches Vorwort, in dem der Autor die Möglichkeiten des Kabaretts und Chansons? beschreibt.

Walter Mehring montiert? in seinen Texten verschiedenste Teile der Wirklichkeit. Ausrufe, Zeitungsüberschriften, Anglizismen, Werbeparolen, Berliner Gassenjargon, Buch- und Filmtitel. Zeitgenössische Ereignisse aus Politik und Kunst bringt er in wechselnde lyrische Formen. Die Literaturkritik bezeichnet Mehring häufig als den Erfinder des Reportagechansons?.

Mit dem „Ketzerbrevier“ hat Walter Mehring Maßstäbe für kabarettistische Gebrauchslyrik? gesetzt. Mit seinen späteren Chansons?, Liedern und Balladen, die unter anderem in den Bänden „Europäische Nächte“ (1924), „Arche Noah SOS. Neues trostreiches Liederbuch“ (1931) und „…und Euch zum Trotz“ (1934) erschienen, hat er thematisch und formal an seine frühen Texte angeknüpft.

Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur, Autobiographie (1952)

Walter Mehrings Erinnerungen „Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur“ erschienen 1952 erstmals auf Deutsch. 1951 wurde in New York die englische Originalausgabe unter dem Titel „The Lost Library“ veröffentlicht. Walter Mehring hat das Buch der Bibliothek seines Vaters gewidmet, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verlorenging.

„Die verlorene Bibliothek“ ist eine Mischung aus Autobiographie, Literaturgeschichte und Zeitbild?. Besonderen dokumentarischen Wert haben die Schilderungen von Dadaismus, literarischem Expressionismus und Futurismus, mit deren Hauptvertretern Mehring persönlich bekannt war.

Die Konzeption des Buches stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. In einem französischen und amerikanischen Internierungslager entwickelte Walter Mehring den Plan, ein Buch zu schreiben, in dem die Position des Schriftstellers in der modernen Gesellschaft am Beispiel der eigenen Person analysiert wird.

Übrigens ...

Vor dem Ersten Weltkrieg besuchte Walter Mehring die erste große Van-Gogh-Ausstellung in Berlin. Bis dahin war es sein Wunsch gewesen, Grafiker und Maler zu werden. Nach der Ausstellung gestand er sich ein, dass die Kunst van Goghs überwältigend sei und jeder vor ihr kapitulieren müsse. Da beschloss er, in der Zukunft nur noch zu schreiben.

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Walter Mehring bei Jokers
  • Das Mitternachtstagebuch. Texte des Exils 1933-1939. Persona Verlag 2002, ISBN-13: 978-3924652258
  • Reportagen der Unterweltstädte. Igel 2001, ISBN-13: 978-3896211224

Sekundärliteratur

  • Shahar, Galili: theatrum judaicum. Denkspiele im deutsch-jüdischen Diskurs der Moderne. Aisthesis 2007, ISBN-13: 978-3895286049

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