Hauptseite | Literatur | Literaturgeschichte | Literatur-Epochen | Naturalismus


Naturalismus

Der Naturalismus war eine Strömung in der europäischen Literatur in der Zeit von 1870 bis 1900. Absicht der Naturalisten war es, die Wirklichkeit möglichst genau wiederzugeben. Zu den wichtigsten Vertretern zählten Emile Zola, Leo Tolstoi? und Gerhart Hauptmann.

Definition

https://www.buecher-wiki.de/uploads/BuecherWiki/th128---ffffff--hauptmann_gerhart_ullstein.jpg.jpg

Der Naturalismus war eine Strömung in der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts, in der die möglichst genaue Beschreibung der Natur, also der mit den menschlichen Sinnen erfahrbaren Wirklichkeit, zum ästhetischen Gestaltungsprinzip erhoben wurde. In der Zeit von etwa 1870 bis 1900 war der Naturalismus die einflussreichste Schreibweise in der europäischen Literatur. Hochburgen des Naturalismus waren Frankreich, Deutschland, Russland und die skandinavischen Länder. Mächtige Gegenströmungen waren Symbolismus und Impressionismus?, aber auch Heimatkunst und der Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Autoren des Naturalismus waren Kinder ihrer Zeit: Mit Esprit, Schwung und Pathos gelang es ihnen, die europäische Literatur dauerhaft zu revolutionieren. Zu den wichtigsten Themen des Naturalismus zählte das Leben in den rasant wachsenden Großstädten, Prostitution, Alkoholismus, Demoralisierung, das wirtschaftliche und moralische Elend infolge der unaufhaltsamen Industrialisierung, aber auch Kritik am wohlhabenden und selbstgenügsamen Bürgertum, an Heuchelei, Doppelmoral und Ignoranz der Mächtigen.

Kampf gegen den Idealismus

Der Naturalismus dominierte am Ende des 19. Jahrhunderts die gesamte europäische Literatur, seine größten und wichtigsten Erfolge sind jedoch mit Drama und Prosa verbunden, die Lyrik spielte eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus entfalteten die Autoren des Naturalismus eine rege literaturtheoretische Tätigkeit: In Essays, Anthologien? und Streitschriften? bezogen sie Stellung gleichermaßen gegen idealistische (z. B. Klassik, Idealismus?) wie gesellschaftlich unkritische Literaturauffassungen (z. B. Biedermeier?, poetischer Realismus?).

Zu den wichtigsten Vertretern des Naturalismus gehörten in Frankreich Émile Zola („Die Rougon-Macquart“, 1871-1893; „Der Experimentalroman“, 1880), Guy de Maupassant? („Bel-Ami“, 1885), in Russland Leo Tolstoi? („Macht der Finsternis“, 1886), Fjodor Dostojewski („Die Dämonen“, 1871/1872) und in Skandinavien Henrik Ibsen? („Stützen des Gesellschaft“, 1877). Die einflussreichsten Repräsentanten in Deutschland waren Gerhart Hauptmann („Die Weber“, 1892; „Der Biberpelz“, 1893), Wilhelm Bölsche? („Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie“, 1887), Arno Holz? („Die Familie Selicke“, 1890, zusammen mit Johannes Schlaf?).

Entstehung

Unbestrittenes Haupt des europäischen Naturalismus war Èmile Zola, der die Kunst im Allgemeinen, also nicht nur die Literatur, als sachliches Experiment mit naturwissenschaftlichen Methoden definierte. Zolas Definition belegt die geistige Nähe des Naturalismus zu den exakten Naturwissenschaften, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Weltbild der Menschen (und damit auch die Kunst und die Literatur) revolutionierten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem die Evolutionslehre Charles Darwins, die Milieutheorie Hippolyte Taines und die sozialhistorischen Arbeiten von Karl Marx und Friedrich Engels.

Berühmtheit erlangte Zola übrigens mit seinem Satz: „Kunst ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament.“ Der Beginn des Naturalismus in Deutschland wird meist mit den „Kritischen Waffengängen“ der Brüder Heinrich? und Julius Hart? angesetzt. Die „Kritischen Waffengänge“ (1882-1884) waren damals eine unter Künstlern und Intellektuellen enorm beliebte Zeitschrift, in der sowohl die Erneuerung der Literatur als auch die Neubestimmung der Politik gefordert wurden. Besonders aggressiv und polemisch zogen die „Waffengänge“ gegen die unpolitische und beschauliche Literatur der Gründerzeit zu Felde. Im Umfeld der Zeitschrift sammelten sich viele führende Köpfe des deutschen Naturalismus.

Entwicklung

Berlin und München entwickelten sich zu Zentren des deutschen Naturalismus, daneben spielte auch Leipzig eine Rolle. Einflussreiche Münchener Naturalisten waren Detlev von Liliencron? und Otto Erich Hartleben?. Fast schon legendäre Bedeutung erlangte der Friedrichshagener Dichterkreis? in Berlin, der ab 1890 in den Häusern von Wilhelm Bölsche? und Bruno Wille? am Müggelsee zusammenfand. Zeitweise nahmen auch Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind? und August Strindberg? an den Treffen des Kreises teil.

Manifeste und Sekundenstil

Übergreifende zentrale Bezugspunkte der Naturalisten waren der Sturm und Drang, das Junge Deutschland und der Realismus, wobei gerade aus der Ablehnung des Realismus wichtige Impulse für die weitere Entwicklung des Naturalismus hervorgingen. In seiner Frühphase war der deutsche Naturalismus vorwiegend von theoretischen Schriften und Manifesten? geprägt, die zu einem eigenen Selbstverständnis beitragen sollten. Oftmals blieben die radikalen Forderungen nach einer Erneuerung der Poesie und der Politik jedoch ohne Niederschlag in der literarischen Praxis.

Eine Ausnahme davon ist (jedenfalls was die Literatur betrifft) das Werk? von Arno Holz?, der eine neue naturalistische Darstellungstechnik forderte – und auch entwickelte. Diese ist Jahre später als Sekundenstil? bekannt geworden. Sie hatte die fotographisch exakte Wiedergabe eines Geschehens in zeitlich genauem Ablauf zum Ziel. Kleinste Sinneswahrnehmungen wie Geräusche, Gerüche, optische Eindrücke werden vom Autor präzise registriert und dem Leser, teilweise äußerst langatmig, mitgeteilt. Umgesetzt hat Holz? diese revolutionäre Schreibweise z. B. in der Erzählung „Ein Tod“ (1889, zusammen mit Johannes Schlaf?) und dem Drama („Die Familie Selicke“, 1890, zusammen mit Johannes Schlaf?).

Höhepunkte des Naturalismus

Als Hauptepoche des deutschen Naturalismus gilt die Zeit von 1885 bis 1900, die insbesondere vom dramatischen Werk? Gerhart Hauptmanns geprägt wurde. In seinen besten und bekanntesten Stücken („Vor Sonnenaufgang“ 1889; „Die Weber“, 1892; „Der Biberpelz“, 1893) griff Hauptmann auf Darstellungstechniken zurück, die er bei anderen Autoren wie Èmile Zola, Arno Holz? und Henrik Ibsen? beobachtet hatte. So übernahm Hauptmann u. a. den Sekundenstil?, die Milieuschilderung? und das offene Ende? und entwickelte diese Methoden weiter. Hauptmanns Dramen galten bereits unter zeitgenössischen Kritikern als Gipfelpunkte des europäischen Naturalismus. Der bedeutendste Prosatext des deutschen Naturalismus stammt übrigens auch von Hauptmann: die 1892 veröffentlichte Novelle „Bahnwärter Thiel“.

Etwa ab 1895 verlor der Naturalismus in Deutschland, aber auch insgesamt in Europa an Einfluss. Seine Wirkungsgeschichte dauert jedoch bis heute an. Besonders die Entwicklung präziser Darstellungsmethoden, die Verwendung von Umgangssprache und Dialekt, die Erschließung neuer Stoffe und vor allem die vielen Neuerungen auf dem Gebiet des Dramas machen den Naturalismus zu einer revolutionären Literaturströmung von europäischer Dimension. Zudem gehören seine wichtigsten Repräsentanten wie Gerhart Hauptmann, Èmile Zola oder Leo Tolstoi? bis heute zum literarischen Kanon? ihrer Heimatländer.

Literatur

  • Der Naturalismus bei Jokers
  • Hauptmann, Gerhart: Vor Sonnenaufgang. Ullstein Verlag, Berlin 1999, ISBN: 978-3548235646
  • Holz, Arno: Phantasus. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150085493
  • Zola, Émile: Germinal. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150049280

Sekundärliteratur

  • Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN: 978-3534200092
  • Marx, Friedhelm: Gerhart Hauptmann. Reclam Verlag, Ditzingen 1998, ISBN: 978-3150176085
  • Meyer, Theo: Theorie des Naturalismus. Reclam Verlag, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150094754


Hauptseite | Literatur | Literaturgeschichte | Literatur-Epochen | Naturalismus

FacebookTwitThis
Pin ItMister Wong
RSS-Feed RDF-Feed ATOM-Feed

schliessen