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Noll, Ingrid

Ingrid Noll (geb. 29. September 1935 in Shanghai/China) ist eine deutsche Schriftstellerin. Seit ihrem sensationellen Romandebüt? „Der Hahn ist tot“ (1991) gilt sie als eine der unterhaltsamsten und anspruchsvollsten Kriminalautorinnen der Gegenwartsliteratur.

Leben und Schreiben

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Am 29. September 1935 als Tochter eines deutschen Arztes in Shanghai/China geboren, wuchs Ingrid Noll in Nanjing auf. Wie ihre drei Geschwister wurde sie von den Eltern unterrichtet. Zum Zeitvertreib schrieb Ingrid Noll erste kleine Geschichten, die sie trickreich vor den neugierigen Eltern und den noch viel neugierigeren Geschwistern verbarg – denn diese Geschichten, in denen sie ihrer überbordenden Phantasie freien Lauf lassen konnte, sollten nur ihr allein gehören. Wohl aus politischen Gründen verließ die Familie 1949 China und siedelte nach Deutschland über. In Bad Godesberg besuchte Ingrid Noll eine katholische Mädchenschule und machte das Abitur. Danach studierte sie Germanistik? und Kunstgeschichte an der Universität Bonn – nach ein paar Semestern war jedoch Schluss mit dem ausgelassenen Studentenleben. Ingrid Noll brach das Studium ab und war fortan in verschiedenen Berufen tätig.

Im Jahr 1959 heiratete Ingrid Noll den Arzt Peter Gullatz, mit dem sie drei Kinder hat. Sie erzog die Kinder, besorgte den Haushalt und half (wenn noch Zeit übrig war) in der Arztpraxis ihres Mannes mit. Trotz ihrer Liebe zur Literatur kam Ingrid Noll in dieser Zeit nur selten zum Lesen und noch seltener zum Schreiben]. Da hieß es – abwarten, bis die Kinder groß waren. Und so dauerte es schließlich bis ins Jahr 1991, ehe Ingrid Noll unter dem Titel „Der Hahn ist tot“ ihren ersten Kriminalroman veröffentlichte. Zum Zeitpunkt ihres Debüts? war Ingrid Noll 55 Jahr alt – und ihre steile Karriere als Kriminalautorin hatte grade erst begonnen.

„Der Hahn ist tot“ (1991)

Ingrid Nolls Erstling? „Der Hahn ist tot“ war auf Anhieb ein großer Erfolg. Über Nacht eroberte er die Bestsellerlisten?. Der Roman, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde und auch im Ausland viele begeisterte Leser fand, stand 35 Wochen lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste?. In „Der Hahn ist tot“ erzählt Ingrid Noll mit viel Sarkasmus und psychologischem Gespür für die Abgründe in der menschlichen Seele die verblüffende Geschichte von Rosemarie Hirte, einer 52-jährigen Versicherungsangestellten. Rosemarie wird plötzlich von einem seltsamen, fast verblassten Gefühl überrascht: Ja, die Liebe meldet sich zurück! Die Liebe zu Rainer Witold Engstern, ihrem Traummann. Und wer die ältliche Jungfer Rosemarie kennt, der weiß genau: Beim Anhimmeln wird sie es diesmal nicht belassen. Rosemarie geht über Leichen (egal ob Männlein oder Weiblein), um den Mann ihrer Träume zu erbeuten. Vom Feuilleton? gab es viel Lob für die spät berufene Debütantin?.

„Die Apothekerin“ (1994)

Dass der sensationelle Erfolg ihres Erstlings? kein Zufall war, bewies Ingrid Noll mit ihrem zweiten Roman „Die Häupter meiner Lieben“ (1993), der mit dem Friedrich-Glauser-Preis? für den besten Kriminalroman des Jahres 1993 ausgezeichnet wurde. Hans-Günther Bücking brachte die makabre Mörderstory 1998 ins Kino. Heike Makatsch und Christiane Paul spielten übrigens die Hauptrollen in dem Film.

Vom Feuilleton? wurde Ingrid Noll nunmehr als umjubelte Senkrechtstarterin etikettiert. Die „Frankfurter Rundschau“ erkannte in ihr eine Neurosen-Spezialistin in Patricia-Highsmith-Format. Ihr dritter Roman „Die Apothekerin“ (1994), in dem es um einen fast (aber nur fast) perfekten Giftmord geht, übertraf alle Erwartungen: 77 Wochen lang stand „Die Apothekerin“ auf der „Spiegel“-Bestsellerliste?. Und der Leser traf in dem Buch auch eine alte Bekannte wieder: Rosemarie Hirte feierte in der Rolle einer launigen Beichtmutter ihr Comeback zwischen zwei Buchdeckeln.

„Selige Witwen“ (2001)

Auch in ihren folgenden Romanen überraschte Ingrid Noll ihre Leser mit temporeichen Geschichten von mordenden Ladies, die mit Esprit, Charme und einem Schuss knisternder Erotik ihr blutiges Handwerk verrichten: „Kalt ist der Abendhauch“ (1996), „Röslein rot“ (1998) und „Selige Witwen“ (2001). Letzterer ist übrigens die Fortsetzung? des Romans „Die Häupter meiner Lieben“ aus dem Jahr 1993. Die Reaktion des Feuilletons? auf „Selige Witwen“ fiel jedoch verhalten aus. Die „Neue Zürcher Zeitung“ monierte, dass Ingrid Noll diesmal leider das Salz in der Suppe vergessen habe. Ihrem Roman „Selige Witwen“ fehle das Format der früheren Erfolgsbücher, urteilte das Blatt?. Ähnlich kühl wurde ihr Roman „Rabenbrüder“ (2003) von der Fachkritik aufgenommen. Macht nichts, dachten sich ihre Fans und waren trotzdem begeistert…

Was die Leser Ingrid Nolls besonders schätzen: Im Lauf der Jahre hat die Autorin ein reizvolles Ensemble immer wiederkehrender Romanfiguren etabliert – dadurch hat der aufmerksame Leser die Möglichkeit, von Buch zu Buch mitzuverfolgen, wie diese sehr fein und glaubwürdig gezeichneten Figuren handeln, altern, lieben, heiraten, lügen, sich entfremden, morden und gemordet werden.

„Falsche Zungen“ (2004)

Im Jahr 2004 legte Ingrid Noll den Band „Falsche Zungen“ vor, der zum Teil? erstmals veröffentlichte Erzählungen enthält. Das seltsam süß-saure Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein steht auch hier im Mittelpunkt der meisten Geschichten. Als Bonus bekommt der Leser die Weihnachtsgeschichte erzählt. Und wer meint, dass er die Weihnachtsgeschichte schon kennt, der sollte sich von Ingrid Nolls Version ruhig einmal verblüffen lassen.

Im Mai 2005 erhielt Ingrid Noll auf der „Criminale“ den Ehrenglauser? – mit dieser Auszeichnung wurde sie für ihre Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur geehrt. In der Laudatio hieß es: Ingrid Noll habe das Krimigenre bereichert, indem sie Mord und Totschlag aus der künstlichen literarischen Sphäre von Verschwörung, psychischer Abnormität und Serienmord zurückgeholt habe in die Welt der kleinen grauen Mäuse, in denen sich jeder einzelne Leser wieder erkenne.

„Ladylike“ (2006)

2006 veröffentlichte Ingrid Noll ihren Roman „Ladylike“, den sie dem Publikum? auf einer sehr erfolgreichen Lesereise? durch Deutschland, Österreich und die Schweiz präsentierte. In dem Roman geht es um die beiden Freundinnen Lore und Anneliese, die im rüstigen Alter von 70plus eine Frauen-WG gründen möchten. Stören tut da nur einer: Annelieses Mann Hardy, der zwar kränkelt, sich aber (leider) immer noch auf seinen zwei mageren Beinchen hält. Da gibt es nur eine Frage: Wollen wir ihm ein Giftsüppchen kochen …?

„Kuckuckskind“ (2008)

2008 erschien „Kuckuckskind“ - kein Krimi, aber eine doch recht ungemütliche über drei Vaterschaftstests, einen Schwangerschaftstest, ein Baby im Waschkorb, ein paar Tote und ein ungewähnliches Familienglück in einem zwar fremden, aber doch gemütlichen Nest. Im Mittelpunkt steht Anja, Ende dreißig, Deutsch- und Französischlehrerin. Seit ihrer Scheidung haust sie in einem "Rattenloch", wie sie es selbst nennt. Als ihre Kollegin Birgit schwanger wird, plagt Anja der Verdacht, ihr eigener Exmann Gernot könne der Vater sein. Dem hat sie, als sie ihn noch zu Ehezeiten mit einer fremden Frau in flagranti ertappt hat, schon mal ein Kännchen frischgebrühten Tee übergekippt. Sie überredet Birgits Mann zu einem heimlichen Vaterschaftstest. Und dann folgen weitere Tests ...

„Kuckuckskind“ bietet seinen Lesern nicht sogleich die üblichen perfiden Mordversuche. Trotzdem sterben zwei Menschen - allein aufgrund des bösen Geschwätzes der Heldin. Und zuletzt endet das Buch mit einer Patchwork-Konstellation, die man durchaus als Happy End? bezeichnen kann. Die Autorin selbst sagte zu ihrem Buch: "Es soll kein Krimi sein. Es ist ja auch noch ein zweites Motiv in diesem Buch, eine Schuld, die schon jeder auf sich geladen hat: Man reißt die Klappe zu weit auf, man spricht etwas aus, was besser verschwiegen bleiben sollte. Das hat jeder schon getan. So dass es einem dann leid tut und man sich sagt: Hätte ich doch lieber den Mund gehalten."

"Ehrenwort" (2010)

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Ehrenworte sind dazu da, gebrochen zu werden - jedenfalls bei Ingrid Noll. Davon kann sich der Leser bei der Lektüre von "Ehrenwort" überzeugen, dem 2010 erschienenen Kriminalroman der Schriftstellerin. Seit Opa Willy als Pflegefall bei Buchhändlerin Petra und Ingenieur Harald einzogen ist, geht es in deren Haushalt drunter und drüber. Willys Enkel Max, Student ohne Zukunftsperspektive, kümmert sich hingebungsvoll um Willy. Er kocht dem Alten Pudding, denn den isst dieser immer noch gern.

So kommt Willy, ein Patriarch und einst ausnehmend herrschsüchtig, wieder zu Kräften - ganz gegen die Erwartungen der nächsten Generation. Er verpestet das Haus mit Zigarrenrauch und strapaziert mit seinem Gepäck - Pflegebett, Toilettenstuhl, Wannenlift, Windelpaketen und dergleichen mehr - die Geduld von Sohn und Schwiegertochter. Bald keimen in Harald und zunehmen auch in der zunächst wohlgesinnten Petra Phantasien von Stürzen oder anderen tödlichen Unglücken.

Max hingegen hat sich in Jenny verliebt, eine der hübschen Pflegerinnen, die nun täglich im Haus aus- und eingehen. Doch auch die hütet ein Geheimnis. Das Ende schließlich ist, wie stets bei Ingrid Noll, absolut überraschend ... Die Literaturkritik würdigte den Roman als böses Lesevergnügen.

"Über Bord" (2012)

Thema von „Über Bord“ sind Familiengeheimnisse, verzwickte, denn die Eltern der Protagonistin haben einiges zu verbergen. Das bringt der Halbbruder der Hauptperson ans Licht. Und als die beiden Halbgeschwister eine Kreuzfahrt unternehmen, geht manche Illusion von Bord.

Rezensenten äußerten sich nach Erscheinen des Werks? zum großen Teil enttäuscht. Es sei eher ein Frauenroman als ein Krimi. Handlungsstränge seien vorhersehbar, es fehle die Spannung und die Autorin? sei beim Schreiben stilistisch nicht auf der Höhe gewesen. Der Plot ist zwar bitterböse, kann aber kaum über Längen dieses Buches hinwegtrösten. Die bekannte Raffinesse, mit der Noll früher Situationen auf den Höhepunkt zulaufen ließ, vermisst man hier. Positiv zu werten sind die Lebensnähe der Charaktere, die aus dem Leben gegriffen sind, und auch die familiären Verwicklungen wirken authentisch.

Das Ingrid Noll diesmal den Mord zu einer Nebensache schmelzen lässt und die genretypischen Mittel nicht anwendet, lässt ihr die Möglichkeit, den Seelendramen und Gedankengängen der Familienmitglieder nachzugehen und im Alltäglichen das Skurrile zu sehen.

Ingrid Noll lebt mit ihrem Mann in Weinheim. Ihr Mann isst übrigens keine Suppe, die er nicht selbst gekocht hat!

Übrigens ...

Nach ihren Hobbys gefragt, antwortete Ingrid Noll: Zeichnen, Chormusik und (natürlich) Literatur.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Ingrid Noll bei Jokers
  • Der Hahn ist tot. EA 1991. Zürich, Diogenes Verlag 1993, ISBN: 978-3257225754
  • Die Häupter meiner Lieben. EA 1993. Zürich, Diogenes Verlag 2000, ISBN: 978-3257227260
  • Die Apothekerin. EA 1994. Zürich, Diogenes Verlag 1996, ISBN: 978-3257229301
  • Kalt ist der Abendhauch. EA 1996. Zürich, Diogenes Verlag 1998, ISBN: 978-3257230239
  • Röslein rot. EA 1998. Zürich, Diogenes Verlag 2000, ISBN: 978-3257231519
  • Selige Witwen. EA 2001. Zürich, Diogenes Verlag 2002, ISBN: 978-3257233414
  • Falsche Zungen. EA 2004. Zürich, Diogenes Verlag 2005, ISBN: 978-3257235081
  • Ladylike. EA 2006. Zürich, Diogenes Verlag 2007, ISBN: 978-3257235968
  • Kuckuckskind. EA 2008. Zürich, Diogenes Verlag 2009, ISBN: 978-3257240122
  • Ehrenwort. EA 2010. Zürich, Diogenes Verlag 2011, ISBN: 978-3257240955
  • Über Bord. EA 2012. Zürich, Diogenes Verlag 2012, ISBN-13: 978-3257068320

Hörbücher

  • Die Apothekerin. 6 CDs. Schwäbisch Hall, Steinbach Sprechende Bücher 2003, ISBN: 978-3886986668
  • Der Hahn ist tot. 6 CDs. Schwäbisch Hall, Steinbach Sprechende Bücher 2005, ISBN: 978-3886987818
  • Selige Witwen. 6 CDs. Schwäbisch Hall, Steinbach Sprechende Bücher 2002, ISBN: 978-3886985562

Sekundärliteratur

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