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Romantik. Eine deutsche Affäre

von<br> Rüdiger Safranski

Man kann ihn sich nur mit Mühe vorstellen: einen „normalen“ Leser von heute, der statt Donna Leon zu verschlingen, sich mit den Romanen von Ludwig Tieck? befasst, oder einen, der nicht nur die Lyrik von Brecht oder Benn? kennt, sondern auch Novalis? „Hymnen an die Nacht“, einen, der statt Sloterdijks? Ausschweifungen die essayistischen Schriften von Friedrich Schlegel? studiert. Die Romantik, die frühe vor allem, ist eingesargt in den germanistischen Hauptseminaren, das Adjektiv? „romantisch“ hat einen pejorativen Zug bekommen. Und doch war diese kurze Epoche der deutschen Literatur um 1800 einmal in aller Leser Munde. „Der romantische Geist ist vielgestaltig, musikalisch, versuchend und versucherisch, er liebt die Ferne der Zukunft und der Vergangenheit, die Überraschungen in Alltäglichen, die Extreme, das Unbewusste, den Traum, den Wahnsinn, die Labyrinthe der Reflexion. Der alte Goethe sagte, das Romantische sei das Kranke. Aber auch er mochte darauf nicht verzichten.“

Die blaue Blume, Symbol der Romantik - (c) Angelika Lutz/PIXELIO

Auch Rüdiger Safranski nicht, der sich mit späten Formen dieses Geistes schon mehrfach eingelassen hatte, in seinen Schopenhauer- und Nietzsche-Büchern. In seiner Schiller-Biografie hat er diesem die „Erfindung des Idealismus“ zugeschrieben, nun hat er die Romantik in seinem neuen Buch eine „deutsche Affäre“ genannt. Für ihn beginnt sie bereits 1769, als Johann Gottfried Herder? aus der Studierstube flieht, von Riga aus in See sticht und „das Leben“ entdeckt – und nicht nur dies, sondern sich selbst. Er beginnt, vom „Individuum“ aus zu denken und begibt sich in neue Freiheitsräume, lässt Kants? unerbittliche Deduktionen hinter sich. Ihm sind die Romantiker gefolgt, allesamt noch sehr junge, genial begabte Leute, die Schillers Spiel-Theorie aufgreifen und weiterentwickeln (Safranski erklärt diese Theorie glanzvoll auf wenig mehr als einer Seite). „Das neue Selbstbewusstsein künstlerischer Autonomie, die Ermunterung zum großen Spiel und zur erhabenen Nutzlosigkeit, das Versprechen einer Ganzheit im Kleinen – alles zusammen hat der Romantik Auftrieb gegeben.“

Foto: Angelika Lutz/ www.pixelio.de.

Die kleine Revolution um die Ecke

Dem folgt Safranski. Sein Buch, chronologisch aufgebaut, reicht von den frühen Expektorationen der Schlegel? und Co. bis in unsere Zeit. Es geht ihm also durchaus nicht nur um das Porträt einer, wenn schon großen, doch kurzen Epoche, sondern um ihr Fortwirken. Er beschreibt, wie unter den kleindeutschen, beschränkten Verhältnissen, mit einer sich rapide vergrößernden Schicht von Lesern, das „schöne Chaos“ und die Ironie, (deren freilich schon Wieland mächtig war), beginnen, eine ungeheure Faszination zu entwickeln, wie die Idee, die Welt zum Kunstwerk zu machen, einschlägt und das kulturelle Klima verändert. „Lesen und Schreiben versprechen das Abenteuer um die Ecke, die kleine Revolution.“

Währenddessen tobt in Paris die große Revolution, die die Romantiker (wie der alte Kant? im fernen Königsberg) begrüßen. Alles ist Aufbruch. Unser Autor beschreibt die kühnen, neuen Ideen der Schlegel? und Tieck?, die intellektuelle Aufregung, die Fichtes? Ich-Philosophie auslöste (aber auch dessen nationalistische Wende während der Napoleonischen Kriege), aber auch die Geselligkeit des Jenaer Kreises, in den wenigen Jahren (1794-99), als sie alle in der kleinen thüringischen Universitätsstadt beisammen waren: Schlegel?, Tieck?, Fichte?, Novalis? (der jeweils anreiste): „Man traf sich mittags und abends zum Essen und zu gemeinsamen Gesprächen, hielt regelrechte Sitzungen ab.“

Doch die Geselligkeit und die privaten Biographien der Protagonisten sind nur die Folie und für Safranski der Anlass, die Werke der frühen Romantiker im Einzelnen zu beschreiben und zu analysieren. Er folgt den Denkbewegungen und Gefühlsregungen dieser unruhigen Geister mit bewunderungswürdiger Präzision und einer emphatischen Sympathie, die viel von der Freude und Erregung dieses plötzlichen Aufbruchs mitteilt und dabei auch jene Ironie nicht vergisst, die sich im Denken wie im Umgang immer wieder äußerte. Er macht sie sich zu eigen und so gelingt es ihm, die Dichter und Denker aus dem Grab der Philologie ans Licht zu holen, ihre Werke als Entdeckungen vorzustellen, in die sich zu vertiefen nicht nur Arbeit bedeutet, sondern ein wunderbares intellektuelles Vergnügen, das unmittelbar auf den heutigen Leser überspringt, der am liebsten gleich anfangen würde, es ihm nachzutun.

„Wer mich zu sich selbst weist, tötet mich“

Aber er vergisst auch die warnenden Stimmen nicht, die Goethes und Schillers, und Jean Pauls? prophetische Bemerkung: „Ach, wenn jedes Ich sein eigener Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigener Würgeengel sein?“ Er zitiert Goethes Werther: „Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt“ und lässt auf diesen Aufschwung gleich Clemens Brentanos? Bemerkung folgen: „Wer mich zu sich selbst weist, tötet mich“. (Das erinnert an jene Anekdote aus dem preußischen Berlin der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als ein Polizist einen stadtbekannten Nichtstuer auffordert: „Mensch, jeh in dir“ und zur Antwort bekommt: „War ick schon, is ooch nischt los.“ Noch dies ist ein Reflex dessen, was mehr als ein Menschenalter vorher zur Debatte stand.)

Die Art und Weise, wie Safranski Fichtes? Philosophie, Friedrich Schlegels? und Tiecks? frühe, genialische Schriften, Novalis? Leben und Werk, Hölderlins Scheitern auf jeweils wenigen Seiten kenntlich macht, ist fabulös, und immer hat er die richtigen Zitate zur Hand, das hat nichts von Zettelkasten-Suche, zeugt von der lustvollen Beherrschung seines Stoffs. Er kann damit spielen, wie es die Objekte seiner Studien taten.

Das hält er auch bei der zweiten, späteren Epoche der Romantik durch, bei Eichendorff etwa und schließlich bei E.T.A. Hoffmann?, mit dem für ihn die „Romantik“ zu Ende geht. (Zwischendurch stehen dann ein paar Seiten über Hegel?, die diesen mühelos begreifbar machen.) Safranskis Stil ist genau und federnd, immer wieder gelingen ihm Formulierungen von lakonischer Kürze, die einen Sachverhalt durchsichtig machen. Zum Beispiel, wenn er Novalis? so beschreibt: „(Sein Onkel) wollte seinem Neffen Gelegenheit geben, seine Eitelkeit zu befriedigen. Er wollte aus ihm einen Weltmann machen und hatte ihm, berichtet Novalis?, das Ridiküle eines Schöngeists warnend vor Augen gerückt. Allerdings vergeblich. Novalis? wurde genau das: ein Schöngeist. Den Wünschen seines Vaters aber folgte er: er ließ sich zum Verwaltungs- und Salinenbeamten ausbilden. Der Onkel war frivol-weltlich, der Vater fromm und am Ende fand Novalis? zu einer Frömmigkeit, die etwas Frivoles hatte, weil sie so poetische-artistisch war.“ Die ganze Komplexität der Romantik wird in solch einem Zitat deutlich.

Der verspottete Philister

Safranskis Ehrgeiz geht über die farbige und zutreffende Schilderung einer bedeutenden Epoche der deutschen Geistesgeschichte weit hinaus: im zweiten Teil des Buchs wird das „Romantische“ zum Thema. Er sucht (und findet) es bei Freiheitskämpfern (die statt des Ich nun die Nation als Subjekt der Geschichte begreifen) und Revolutionären, bei Heine, Richard Wagner und Nietzsche, er folgt jedem kleinen Indiz und dabei zersplittert das in tausend Teilaspekte, was einmal, bei allen Verzweigungen und Trennungen, doch als Lebensgefühl eine Art von prekärer Einheit hatte. Die Romantik wird zum Laden, aus dem sich viele bedienen, manchmal bewusst. „Marx? will die Fortsetzung der Romantik mit wachen Mitteln. Noch jeder Traum wird vom wirklichen Besitz überboten, das ist das große Versprechen der Philosophie“ - oft aber auch unbewusst. Selbst bei eisernen Vertretern des Realitätsprinzips stößt er auf romantische Züge, noch die ärgsten Verdammungen der Propheten und Täter einer sich rasend schnell entwickelnden Militär- und Industriegesellschaft tragen in sich stockig gewordene Restbestände dessen, was die Romantiker einmal dachten und schrieben.

Der Ton dieses zweiten Teils ist sachlicher, für keinen der Usurpatoren oder Feinde hat Safranski so viel Empathie wie für seine Helden: Er registriert, analysiert, zeigt, unter welchen Verlarvungen „das Romantische“ weiterlebt, wirklich zur „deutschen Affäre“ wird. Bis hin zu Wilhelm II. und der Reserveoffiziers-Generation absurd-gefährlichem Traum von der Hochseeflotte, bis zu Walter Flex'? „Wanderer zwischen beiden Welten“, zum „Wandervogel“, den Dada-Matadoren und den irrationalen Propheten der Zwischenkriegszeit.

Selbst der „gewöhnliche Bürger“ zwischen 1933 und 1945 bekommt seine Rolle: „Er war derjenige, der brav seiner Arbeit nachging, seine herkömmlichen kulturellen Vorlieben pflegte, sein Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigte; und er war zugleich derjenige, der sich uniformierte, jubelte und denunzierte und sich auch wohldosiert am Willen zur Macht berauschte. Dieser Doppelmensch war zugleich der von den Romantikern verspottete Philister mit seiner Vorliebe für Ruhe, Ordnung und Sicherheit, und der Mensch, der teilhaben wollte am Herren- und Heldenbewusstsein. Im Archiv der Romantik fanden sich passende Ausstattungen für beide Bedürfnisse, für beide Rollen.“

Phantasie an die Macht

Safranksi beschäftigt sich eindringlich mit Heideggers nationalsozialistischer Hybris und dem langsamen Erwachen der Deutschen nach den von ihnen verschuldeten Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, mit der Skepsis der Überlebenden und schließlich mit den „Achtundsechzigern“. Die Recherche über die Romantiker und das Romantische führt geradenwegs in die Probleme und Aporien unserer Gegenwart und man sieht, wie viel von dem, was uns heute betrifft und ängstigt, schon um 1800 gedacht und beschrieben wurde, mit der Freiheit (und seligen, ironischen Frechheit) des neuen Anfangs. Safranskis Fazit:

„Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur, romantische Politik aber ist gefährlich. Für die Romantik, die eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln ist, gilt dasselbe wie für die Religion: Sie muss der Versuchung widerstehen, nach der politischen Macht zu greifen. Phantasie an die Macht! – das war wohl doch keine so gute Idee. Andererseits darf uns die Romantik nicht verloren gehen, denn politische Vernunft und Realitätssinn ist zu wenig zum Leben. Romantik ist der Mehrwert, der Überschuss an schöner Weltfremdheit, der Überfluss an Bedeutsamkeit. Romantik macht neugierig auf das ganz andere. Ihre entfesselte Einbildungskraft gibt uns die Spielräume, die wir brauchen, falls wir mit Rilke bemerken,

dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt.

So endet Safranskis Buch, diese hellsichtige Verteidigung der Romantik, die gleichzeitig eine Warnung ist.

Literaturangaben

  • Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. Carl Hanser Verlag, München 2007. 415 S., 24,90 €, ISBN: 978-3446209442

Weitere Einträge zum Stichwort:

  • Romantik

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