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Tagore, Rabindranath

Rabindranath Tagore (geb. 6. Mai 1861 in Kalkutta; gest. 7. August 1941 in Kalkutta) war ein bengalischer Dichter, Dramatiker? und Philosoph?. 1913 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Leben und Schreiben

Rabindranath Tagore wurde als Rabindranath Thakur am 6. Mai 1861 in Kalkutta geboren. Er stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden Brahmanenfamilie und war das jüngste von vierzehn Kindern. Mehrere Mitglieder seiner Familie wurden als Heilige verehrt – darunter auch sein Vater, der Philosoph? und Religionsführer Debendranath Tagore?.

Tagore verlebte seine Kindheit in Kalkutta, wo er auch die Schule besuchte. Der Lernerfolg war jedoch gering. Lieber als auf der Schulbank verbrachte er die Zeit mit seinen Brüdern, die in ihm das Interesse für Kunst und Literatur weckten. Schon als Kind schrieb er die ersten Verse. 1873 unternahm er zusammen mit seinem Vater eine Reise, die ihn bis an den Himalaja führte. Sein Vater vermittelte ihm außerdem Kenntnisse im Sanskrit, der traditionellen Sprache der Brahmanen. Mit 14 Jahren verließ Tagore die Schule – glücklich, dem bedrückenden Schulalltag entkommen zu sein, aber ohne Abschluss. Kurz zuvor hatte er seinen ersten Band? mit Gedichten veröffentlicht.

Tanz, Musik und Choreographie

1878 schickte ihn sein Vater nach England, wo er Jura studieren sollte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Brighton widmete Tagore sich jedoch dem Studium der englischen Literatur. Sein besonderes Interesse galt der irischen und schottischen Volksdichtung?. Vom studentischen Schlendrian seines Sohnes wenig angetan, beorderte ihn sein Vater 1883 zurück nach Indien. Noch im selben Jahr wurde er dort mit Mrinalini Devi verheiratet – einem kränklichen Mädchen, das an schweren Depressionen litt und am Tag der Hochzeit erst zehn Jahre alt war. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen zwei bereits im Kindesalter starben.

Von 1885 an verbrachte Tagore viel Zeit auf Reisen und auf den Besitzungen seines Vaters, wo er sich vorwiegend der Schriftstellerei widmete. Die lyrischen und dramatischen Arbeiten, die er in dieser Zeit verfasste, machten ihn zur führenden Stimme der noch jungen bengalischen Literatur. Kennzeichnend für seine Dramen ist ein lyrisch-romantischer Ton. Tagores Theaterstücke bieten zumeist keine einheitliche konzentrierte Handlung, sondern eine kaleidoskopartige Abfolge von Bildern mit symbolischen Inhalten. In späteren Jahren verfasste Tagore außerdem reine Tanzdramen, zu denen er auch die Musik und die Choreographie entwarf.

„Dakghar“

Sein in Deutschland bekanntestes Bühnenstück ist das 1912 erschienene Drama „Dakghar“ (Das Postamt), das als ein Meisterwerk des symbolischen Theaters gilt. Von der Fachkritik wird das Stück häufig als ein Rückblick Tagores auf seine Kindheit gelesen. Im Gegensatz zu seinem anderen Meisterwerk, dem 1910 veröffentlichten Drama „Raja“ (Der König der dunklen Kammer), kommt „Das Postamt“ ohne folkloristische Liedeinlagen und tiefgründig-rätselhafte Dialoge? aus. Im Mittelpunkt der Handlung steht Amal – ein sterbenskranker Junge, der von seinem Pflegevater gezwungen wird, in einem kleinen Zimmer zu leben, damit er nicht den gefährlichen Einflüssen der Umwelt ausgeliefert ist. Amal gefällt das nicht. Er fühlt sich wie ein Verbrecher, den man eingekerkert hat. Von einem Stuhl aus, den er an das Fenster gestellt hat, blickt Amal auf die Straße und verfolgt das bunte Treiben der Menschen. Mit seinen Blicken sucht er die Freiheit, das Leben, die Welt und die Natur. Manchmal gelingt es ihm, mit einem der Menschen, die an seinem Fenster vorübergehen, zu sprechen. Er klammert sich an jedes Wort, das ihm zufliegt, nimmt am Schicksal der Menschen teil und genießt in seiner Phantasie alle Freiheiten des Lebens.

Amal erfährt, dass gegenüber ein Postamt eröffnet werden soll – und zwar vom König persönlich. Er malt sich aus, wie schön es wäre, wenn der König ihm einen Brief schreiben würde. Die Erwachsenen lachen ihn aus und haben kein Verständnis für seine unbändige kindliche Vorstellungskraft. In der dritten Szene steht der königliche Bote vor der Tür. Die Erwachsenen verstummen. Und Amal stirbt vor Glück … Die Welt der Phantasie hat den Sieg über die Wirklichkeit davongetragen. Die Uraufführung? des Stücks fand 1913 – noch vor Tagores Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis – in London statt. „Raja“ ist das einzige Bühnenwerk des Autors, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland inszeniert? wurde.

„Schule der Lebenskunst“

1890 unternahm Tagore eine Europareise, die ihn nach Frankreich und England führte. Von 1891 bis 1897 verwaltete er das Familiengut in Silaidah, wo er mit dem Leid und Elend der Landbevölkerung konfrontiert wurde. Als Reaktion auf diese erschütternden Eindrücke entwickelte er eine Pädagogik, die vom damaligen englisch orientierten Erziehungssystem bewusst abwich. 1901 gründete Tagore auf dem alten Familiensitz Santiniketan (200 Kilometer nordwestlich von Kalkutta) eine „Schule der Lebenskunst“, in der er seine theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umsetzte und die indische und europäische Kultur zu einer neuen Pädagogik zusammenführte. Den gesamten Erlös aus seinen Büchern hat er für den Ausbau und Unterhalt der Schule bestimmt. Nach Tagores Tod wurde die Schule in eine staatliche Universität? umgewandelt.

„Gora“

1905 veröffentlichte die Zeitschrift „Pravasi“ Tagores Roman „Gora“, der 1910 als Buchausgabe erschien. Im Urteil der indischen Literaturkritik gilt „Gora“ als vielleicht der beste Roman, der von einem Inder geschrieben wurde. Darin geht es um einen aus Irland stammenden Waisenknaben, der seine Eltern während eines Volksaufstands in Indien verloren hat. Ohne seine Abkunft und seine Familie zu kennen, wächst er unter dem Namen Gora in einer Brahmanenfamilie auf. Er wird ein religiöser Fanatiker, der sein Leben nach den strengsten Geboten der hinduistischen Religion einrichtet.

Die Figur des Gora dient dem Autor dazu, eine ganze Reihe brisanter religiöser, politischer und sozialer Fragen zu diskutieren. Dazu zählen unter anderem der religiöse Fanatismus, der politische Chauvinismus und das soziale Kastenwesen. In diesen Fragen vertrat Tagore einen aufgeklärten Standpunkt. Er hatte den Wunsch, die strenge Trennung zwischen den Kasten, Konfessionen und Volksgruppen aufzuheben. Der Roman „Gora“ gibt einen detaillierten Einblick in das Leben und die gesellschaftlichen Strömungen im Indien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufbau?, Stil und Handlung des Romans erfordern vom europäischen Leser jedoch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen.

„Gitanjali“ und Nobelpreis

1910 legte Tagore die Lyriksammlung „Gitanjali“ (Liedopfer) vor, die der Anlass für die Vergabe des Nobelpreises an den Autor war. Der Band? enthält 157 Gedichte und Lieder, in denen das lyrische Ich zumeist spirituell-romantisch oder mystisch gestimmt ist. Häufig befindet es sich in einer Zwiesprache mit Gott? und bittet um die Erhebung seiner Seele – durch Gott?, Liebe oder Natur. In den meisten der Gedichte, die in einer einfachen und natürlichen Sprache verfasst sind, klingt eine kunstvolle poetische Melancholie? an, ohne jedoch ins Sentimentale zu verfallen.

Eine Schwierigkeit, die im Bereich der Lyrik häufiger besteht, ist das Problem der Übersetzung. Bis heute existiert im deutschen Sprachraum keine vollständige Übertragung von Tagores bedeutendstem lyrischem Werk?, die den feinen sprachlichen Glanz und die eigenartige hymnische Gestimmtheit des bengalischen Originals erreicht.

1913 wurde Tagore mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es, dass er die Auszeichnung für die einfühlsamen, lebendigen und schönen Verse erhalte, mit denen er in vollendeter Weise seine dichterischen Gedanken zu einer Komponente der abendländischen Literatur gemacht habe.

1915 wurde Tagore vom englischen König Georg V. zum Ritter geschlagen. Aus Protest gegen ein britisches Massaker an mehr als 400 Anhängern Gandhis (Amritsar-Massaker, 13. April 1919) legte er den Adelstitel wieder ab.

In den 1920er und 1930er Jahren verbrachte Tagore viel Zeit im Ausland. Er besuchte mehrmals die USA und reiste durch Europa, wo er eine Reihe von Vorträgen hielt. Unter anderem war er auch in Deutschland zu Gast. Er beteiligte sich am Freiheitskampf der Inder, wobei er immer zur Besonnenheit und Gewaltlosigkeit mahnte. Tagore befürwortete einen Ausgleich mit England. Seine letzen Lebensjahre widmete er der von ihm gegründeten „Schule der Lebenskunst“.

Rabindranath Tagore starb am 7. August 1941 in Santiniketan.

"Das goldene Boot"

2005 erschien im Düsseldorfer Verlag Artemis und Winkler der fast 700 Seiten starke Sammelband? „Das goldene Boot“, in dem eine Auswahl von Tagores Liedern, Erzählungen, Dramen, Essays und Briefen? enthalten ist. Viele der Texte wurden aus der Originalsprache Bengalisch übersetzt. Tagores Gespräche mit Albert Einstein? liegen nun erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Laut dem „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ zeige der Band? Tagores Sprachkunst in allen Facetten. Es werde deutlich, warum Tagore, nachdem er als erster Schriftsteller außerhalb des westlichen Kulturkreises den Nobelpreis für Literatur erhalten habe, eine Euphorie für ein sprachbewusstes und erneuertes spirituelles Leben auch in Deutschland ausgelöst habe. „Das goldene Boot“ gibt es auch als Hörbuch.

Übrigens ...

war es Tagore, der Gandhi den Beinamen Mahatma (Große Seele) gab.

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Rabindranath Tagore bei Jokers
  • Das goldene Boot. Lyrik, Prosa, Dramen. Artemis & Winkler 2005, ISBN: 978-3538069886
  • Der Mann aus Kabul. Drei Erzählungen. Winkler Weltliteratur 2005, ISBN-10: 3491904889
  • Gesammelte Werke. Lyrik, Prosa, Dramen. Düsseldorf, Artemis & Winkler 2005, ISBN: 978-3538054370
  • Gitanjali. EA 1910. Hyperion Verlag 2007, ISBN: 978-3899140088
  • Gora. EA 1910. Düsseldorf, Patmos Verlag 2004, ISBN: 978-3491961302
  • Liebesgedichte. Frankfurt am Main, Insel Verlag 2004, ISBN: 978-3458346883
  • Mein Vermächtnis. Kösel Verlag 1997, ISBN: 978-3466204281

Hörbücher

  • Am Ufer der Stille. CD. Düsseldorf, Patmos Verlag 2002, ISBN: 978-3491911093
  • Das goldene Boot. Gedichte und Erzählungen. CD. Düsseldorf, Patmos Verlag 2005, ISBN: 978-3491911802

Sekundärliteratur

  • Kämpchen, Martin: Rabindranath Tagore. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek, Rowohlt Verlag 1992, ISBN: 978-3499503993

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