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Traum

Der Traum ist ein wichtiges Motiv in der Welt der Literatur. Epochen wie Romantik, Expressionismus und Surrealismus waren reich an traumhaften und visionären Elementen.

Definition

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Das Traum-Motiv ist seit der Antike eng mit der europäischen Literatur verknüpft. Geschildert wird nicht nur der oft rätselhafte Inhalt des Traumes. Auch seine meist widersprüchliche Deutung und die letzthin entscheidende Frage, ob und in welcher Weise sich das Geträumte im Verlauf der Handlung erfüllt, sind wichtige Elemente. Sie erzeugen Spannung, kitzeln die Nerven des Lesers. Mitunter bestimmen sie sogar den gesamten Handlungsverlauf, z. B. in Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“ (1799).

Foto: Tilman H./ Pixelio.de

Spannungen zwischen Leser und Figuren

Durch die besondere Beschaffenheit des Traum-Motivs entsteht zwischen dem Leser und den Figuren eines literarischen Werkes? ein Verhältnis, das häufig durch den reizvollen Gegensatz von Wissen (Leser) und Nichtwissen (Figur) geprägt ist. Das heißt: In vielen literarischen Texten, in denen das Traum-Motiv eine bedeutende Rolle einnimmt, ist der Leser weitaus schlauer und besser informiert als die Figuren.

In diesen Fällen verfügt der Leser über einen Wissensvorsprung und hat zumindest eine leise Ahnung davon, was es mit dem Traum und seiner Bedeutung auf sich haben könnte – die Figuren hingegen bleiben im Ungewissen. Manchmal geschieht es sogar, dass die Figuren sich – im Gegensatz zum Leser – überhaupt nicht im Klaren darüber sind, dass ihr gesamtes Erleben, Denken und Fühlen ausnahmslos in traumhaften Bereichen angesiedelt ist, z. B. Alexander Lernet-Holenias? Roman „Der Baron Bagge“ (1936).

Epochen der Träume und Visionen

Das Traum-Motiv ist nicht an bestimmte Gattungen gebunden: In Epik, Lyrik und Drama spielt es gleichermaßen eine äußerst bedeutsame Rolle. Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt: Das Traum-Motiv taucht in einzelnen Literatur-Epochen besonders häufig auf, z. B. in der Zeit der Romantik. Aber auch Expressionismus und Surrealismus sind außergewöhnlich reich an traumhaften und visionären Elementen.

Wichtige Werke?, in denen das Traum-Motiv erheblichen Einfluss auf den Handlungsverlauf nimmt, sind neben den bereits erwähnten: „Die Elixiere des Teufels“ (Roman, 1815-1816) von E.T.A. Hoffmann?, „Ein Traum“ (Erzählung, 1920) von Franz Kafka, „Joseph und seine Brüder“ (Roman, 1933-1943) von Thomas Mann, „Die Verspätung“ (Drama, 1961) von Wolfgang Hildesheimer?.

Entstehung

Die antike Literatur hat das Traum-Motiv entscheidend geprägt. Die griechischen Dramatiker? Sophokles? und Aischylos hatten dabei maßgeblichen Einfluss. In ihren Stücken erscheint der Traum in vielen verschiedenen Varianten, die seitdem aus der Literatur nicht mehr wegzudenken sind: Der Traum kündigt Katastrophen an, er warnt die Figuren, er ruft Ängste hervor, er deutet Ereignisse voraus, er vermittelt Lehren und Einsichten.

Von größtem Reiz war dabei von Anfang an die unterschiedliche, ja oft widersprüchliche Deutung der Träume. Die vielfältigen Spannungen und Ungewissheiten, die daraus erwuchsen, fesselten bereits die Zuschauer in den antiken Theatern. Bis in unsere Tage hat sich an dieser Doppelfunktion des Traumes nichts Wesentliches geändert: Träume können nicht nur den Handlungsverlauf lenken und bestimmen, sie beschäftigen auch die Phantasie der Rezipienten.

Entwicklung

Geprägt von der Antike, ging das Traum-Motiv in den nachfolgenden Literatur-Epochen enge Verbindungen mit anderen Motiven (z. B. Doppelgänger?, Rebell?, Sonderling?), Themen (z. B. Alchemie?, heimliche Liebe?, Wahnsinn?) und Stoffen (z. B. der träumende Bauer?, Joseph in Ägypten?, Kaiser Rudolf II.?) ein. Den Kombinationsmöglichkeiten ist dabei kaum eine Grenze gesetzt. Auch die Unterhaltungsliteratur? hat das Traum-Motiv auf vielfältige Weise bearbeitet.

Der Stoff vom träumenden Bauer? z. B. ist in Deutschland erstmals im 16. Jahrhundert aufgetaucht. Erzählt wird die Geschichte eines einfachen Mannes, der am Abend einen Schlummertrunk genießt, friedlich einschläft und am nächsten Morgen in einem fürstlichen Bett erwacht. Er lebt eine Zeitlang das sorglose und selbstvergessene Leben eines reichen Mannes. Auf dem gleichen Weg wird er später wieder in seinen alten Stand zurückversetzt. Varianten des Stoffes, dessen Ursprünge wahrscheinlich in der arabischen Literatur zu finden sind, tauchen bis heute immer wieder in der Literatur auf.

Träumen zwischen Eichendorff und Freud

Die Romantiker nahmen sich im 19. Jahrhundert des Traum-Motivs mit Eifer an. Ludwig Tieck?, Clemens Brentano? oder Joseph von Eichendorff entwickelten neue Variationsmöglichkeiten. Vor allem das Dahindämmern – ein weicher, seelisch anheimelnder Zustand zwischen Wachen und Schlafen – rückte nun ins Blickfeld der Schriftsteller. Es entstanden beeindruckende und hoch assoziative Traumbilder, die ein hinreißendes Spiel mit Farben, Stimmungen, Gefühlen, Sehsüchten und – natürlich, dem krisenbewussten Geist der Epoche folgend – auch mit Ängsten, Ressentiments und Todesahnungen entfachten.

Angeregt durch die psychoanalytischen Schriften Sigmund Freuds, befassten sich um die Jahrhundertwende viele Schriftsteller mit dem Traum und seiner Beziehung zum Unbewussten. Freuds bedeutendstes Werk? im Hinblick auf die Literatur ist die „Traumdeutung“ (1899). Die Dramen und Erzählungen Arthur Schnitzlers? gelten heute als mustergültig für die Behandlung des Traum-Motivs im frühen 20. Jahrhundert. Zu nennen ist vor allem Schnitzlers? „Traumnovelle“ (1925) – sie zeigt, in welch starkem Maße die menschlichen Gedanken und Handlungen von Unbewusstem und Verdrängtem beeinflusst werden. Sexualität und Erotik erscheinen dabei als elementare Antriebskräfte.

Auf dem Weg zur traumhaften Überwirklichkeit

Expressionismus und Surrealismus entlockten dem Traum-Motiv im 20. Jahrhundert noch einmal die ganze Bandbreite seiner literarischen Strahlkraft. Neben der Literatur inspirierten sie übrigens die gesamte moderne Kunst: Bis in die Gegenwart sind die Gedanken und Techniken des Expressionismus und Surrealismus in der Malerei, der bildenden Kunst, der Fotografie und dem Film produktiv. Häufig in Verbindung mit dem Traum-Motiv.

Im Expressionismus ging es dabei nicht selten um Alpträume, häufig gesteigert bis zur rauschhaften zerstörerischen Ekstase und Untergangs-Vision, die vom Zerfall des Individuums und dem Ende der Welt kündeten. Als exemplarisch gelten die Gedichte von Gottfried Benn? (z. B. „Kokain“) und Johannes R. Becher? (z. B. „Verfall“).

Inspiriert von der Traumdeutung Freuds und den Werken? der Expressionisten, drangen die Surrealisten weiter ins Unbewusste vor, das sie als wichtigste Quelle der Kunst betrachteten. Die surrealistischen Dichter suchten die Wahrheit in Träumen, Visionen und Rauschzuständen – mit ihrer Hilfe wollten sie die rational zugängliche Wirklichkeit durchstoßen. Ziel war die Synthese von traditionellen Widersprüchen (z. B. Leben und Tod, Tag und Nacht) und die Erschaffung einer traumartigen Überwirklichkeit, die den Menschen aus inneren und äußeren Zwängen befreien sollte.

Alte Vorbilder und alte Virtuosität

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten u. a. die Existenzialisten? verstärkt mit dem Traum-Motiv, um die Identitätskrisen des modernen Menschen in einer entfremdeten und überzivilisierten Welt darzustellen. Ihre Vorbilder fanden sie dabei hauptsächlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, z. B. im Symbolismus, Expressionismus, Surrealismus.

Aber auch die alptraumhaften und anonym-bedrohlichen Werke? Franz Kafkas rückten nun mehr und mehr ins Blickfeld der Schriftsteller. Insgesamt liegen die Leistungen der Existenzialisten? im Hinblick auf das Traum-Motiv weniger in der eigenständigen Innovation. Ihre Verdienste sind vor allem darin zu sehen, dass sie den Umgang mit dem Traum-Motiv nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Höhen alter Virtuosität und Kunstfertigkeit zurückgeführt haben.

Literatur

  • Der Traum in der Literatur
  • Benn, Gottfried: Gedichte. Reclam Verlag, Ditzingen 2000, ISBN: 978-3150084809
  • Freud, Sigmund: Traumdeutung. Studienausgabe. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN: 978-3108227227
  • Mann, Thomas: Joseph und seine Brüder. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN: 978-3100483911


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