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Und das ist Kunst? Eine Qualitätsprüfung

von
Hanno Rauterberg

Dem „Zeit“-Redakteur Hanno Rauterberg gelingt in diesem Buch eine klare Darstellung all dessen, was keine Kunst ist. Er zeigt am Beispiel von zehn Irrtümern, wie sich heutige Kunst feinsäuberlich und mit allen Marketingtricks verkleidet, um sich als Kunst, die eigentlich keine ist, zelebrieren zu können. „Irrtum Nr. 1“ sei, dass „gute“ Kunst keine Kriterien kenne und „Nr. 2“ behaupte, Kunst müsse immer Neues bieten oder, so Irrtum „Nr. 7“, alles könne Kunst sein.

Wortgewandt und unterhaltsam zeigt der Autor für jedes dieser Irrtümer an konkreten Beispielen, wie negativ diese Irrtümer auf Werk und Künstler wirken. „Selbst bei manchen jungen Malern aus Leipzig,“ schreibt er als Beweis für Irrtum „Nr.5“, demzufolge Kunst kein Handwerk brauche, „zeigen sich binnen kurzer Frist erste Risse im Öl, die Grundierung stimmt nicht, die Farbe ist zu dünn aufgetragen. Viele Kunstwerke sind so schludrig gemacht, so unausgereift, als sollten sie nur einen Biennalesommer durchhalten.“ Auch die Hintergründe für diese Verflachung der heutigen Kunst benennt der Autor klar beim Namen. „Mag die Kunst auch noch so abstrakt und unverständlich sein, verstanden wird sie dennoch, spätestens sobald ihr Tauschwert festgelegt ist.“

Im Zeitalter der Sozialdividende

Es geht also um Geld. Alles beginne mit dem Markt. Im Gegensatz zu einem teureren Schmuckstück besitze die Kunst sogar einen doppelten Mehrwert für ihre Käufer, nämlich „die Aussicht darauf, sie eines Tages mit Gewinn weiterverkaufen zu können, und die Sozialdividende. Wer Geld für Kunst ausgibt, der kann sich nachsagen lassen, er habe etwas für die Bildung und ganz allgemein für die Menschlichkeit getan.“ Wie diese „Sozialdividende“ kontinuierlich dazu geführt hat, dass im Zeitalter des Neoliberalismus nicht mehr die Museen bestimmen was Kunst ist, sondern eben jene Damen, Herren und Stiftungen, die sich andernorts, global und legitim an handfest produziertem Mehrwert bereichern konnten, entwickelt der Autor an Beispielen aus Berlin oder Köln sehr genau.

Die Nutznießer dieser „Sozialdividende“, also die Käufer moderner Kunst, stopfen mit ihren Sammlungen, deren einzelne Objekte ein an Geldmangel notorisch leidendes, öffentliches Museum gar nicht mehr ankaufen könnte, die Museen zu. Sie diktieren auf diese Weise die Bedingungen, zu denen diese Sammlungen gezeigt werden dürfen. So wie dem Autor dieser enthüllende erste Teil seines Buches gelungen ist, so zögerlich, schüchtern und, berauscht von Kants und Schellings? ästhetischen Theorien, bleibt er im zweiten Teil subjektiv idealistisch.

Er folgt seinen eigenst verwendeten Begriffen, wie „Mehrwert“ oder „Dividende“ nicht ernsthaft, denn dann wäre er automatisch auf ihre gesellschaftliche Genesis gestoßen, die eben nicht im „Metabereich“ von Kunst, sondern in der Produktion und den Börsen ihren Ursprung haben. Ihm misslingt das Versprechen eine Qualitätsprüfung mit positiven Kriterien einzulösen, denn er, ganz kantisch, entwurzelt die Kunst, deren Quelle ja immer das konkrete menschliche Leben ist, wozu auch Mehrwert, Dividende, Krieg, Liebe, Trauer gehören.

Revolutionärer Aufbruch

Was ist also nun Kunst? Sie will, so der Autor, „niemanden zur Wahrheit bekehren“. Sie soll dem Betrachter eine „Lust der Reflexion“ bereiten, seine „Erkenntniskräfte stärken“, ihn „ästhetisch weiterbilden“. Alles könne sich dementsprechend in den Museen um „das Verfeinern der Sinne drehen“. Auf diese Weise würde aus dem individuellen Betrachten im Museum ein „kollektives“, das der Autor „Wir-Kategorie“ nennt. So präzise der erste Teil des Buches die konkrete Wirklichkeit von heutiger Kunst dargelegt hat, so unpräzis verfährt der Autor mit der Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Kunst im zweiten Teil.

Es ist eben nicht nur die „Sozialdividende“, also die selbstsüchtige Eitelkeit, die sich hinter den Machern der heutigen Kunst versteckt, sondern dahinter verbirgt sich ein Programm, das durchgesetzt wird von Juroren, die zumeist die Gunst der Kunstsponsoren und Sammler suchen. Dies Programm lautet: Kunst hat nichts mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Hut! Kunst ist lediglich Intuition! Kunst ist nicht Ideologie oder Philosophie!

Hätte Kunst gar nichts mit Philosophie oder Ideologie zu tun, warum bezieht sich Rauterberg in seinem Buch dann ständig auf Kant und Schelling?? Offensichtlich weiß er von der Bedeutung, die Philosophie auf die Künstler hat. Da er in der heutigen Geisteswelt aber offensichtlich niemanden findet, auf dessen Philosophie er seine Kunsttheorie stützen könnte, muss er sich auf die großen Geister der frühbürgerlichen Zeit des revolutionären deutschen Aufbruchs stützen.

„Selbstbewusstheit der Menschen“

Das geistige „Material“ für die französischen Maler, wie Courbet, lieferten unter anderem die französischen Philosophen Diderot?, Helvétius? und Holbach?. Delacroix schöpfte besonders aus den Werken von Shakespeare, Alighieri? und Goethe. Rauterberg, der im ersten Teil seines Buches, deutlich den Dünger schilderte, auf dem die modernen Künstler ihre Werke wuchern lassen, grenzt sich von deren vielfältigen „Lebensphilosophien“ deutlich ab, allerdings vermag er nicht, die Wurzeln für die Kunst offen zu legen. Dazu gehört nicht nur der Alltag, sondern auch die Philosophie, ohne die ein Künstler, der ja stets etwas, wie Rauterberg mit Kant sagen würde, „ohne Zweck“ schafft, also keine Werkzeuge oder nützliche Alltagsgegenstände produziert, nicht kreativ sein kann. Denn, ähnlich wie die Philosophie, muss die Kunst verallgemeinern. Sie wird, im Gegensatz zur Philosophie, jedoch dadurch stets konkret, dass sie die Besonderheiten des Dargestellten zu zeigen versucht und dadurch eine ganz eigene Welt der Kunst entstehen lässt.

Dieses Weltschaffende der Kunst entsteht dort, wo sie, wie Lukács? sagte, zur „Selbstbewusstheit der Menschen“ beiträgt. Aber genau diese Selbstbewusstheit, dieser Blick auf die Menschheit, soll durch die sorgsame Pflege der zehn Irrtümer, forciert von den Nutzern der Kunstsozialdividende, verhindert werden. Ein Blick in die jüngere Geschichte, Rauterberg versäumt das, hätte dies schnell gezeigt, denn im zwanzigsten Jahrhundert wurde unter den Künstlern noch heftig um die menschlich-geistige Orientierung ihrer Kunst gestritten. Sie bezogen sich, so oder so, auf die gesellschaftliche Wirklichkeit von Industrialisierung, Weltkrieg, Vaterlandsverherrlichung. George Grosz? griff die kubistischen Maler mit den Worten an: „Was seid ihr anders als klägliche Trabanten der Bourgeoisie?“ Oder, etwas weiter zurück, Courbet, er wollte alle Klassen ohne Ansehen der Person zum Thema der Kunst machen. Sein Bild „Steineklopfer“, das 1855 anlässlich der Pariser Weltausstellung der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stieß auf enorme Ablehnung des Adels. Der Schriftsteller und Freund Courbets, Champfleury?, kommentierte diesen Protest mit den Worten: „Man will nicht zugeben, dass ein Steinklopfer ebensoviel wert ist wie ein Prinz. Der Adel entrüstet sich, dass so viel Meter Leinwand Leuten aus dem Volk zuteil wurden. Nur die Herrscher haben das Recht, in ganzer Figur dargestellt zu werden…“.

Leid, Hunger, Not und Krieg

Diese aristokratischen Protestler beschimpften die Malerei Courbets als flachen „Realismus“. Courbet nahm diesen Begriff auf und machte ihn zu seinem Programm. Der „Realismus“, ein Begriff der den meisten Kunstkritikern Schmerzen bereitet, ist keine Vorschrift an die Malweise der Künstler, sondern ein wichtiger Schritt, um von der Verdrängung, Verkleisterung oder Verherrlichung des menschlichen Miteinanders zur konkreten, vielfältigen und wirklichen Betrachtung des gesellschaftlichen Seins zu kommen. Denn worin sonst soll die Aufgabe von Kunst bestehen, wenn nicht in der Katharsis die zur Selbstbewusstheit führt? Der Autor hätte aus dem ersten Teil seines Buches nur die konsequenten Schlussfolgerungen ziehen müssen, dann wäre sein Buch für Studenten der Hamburger Akademie der Künste, wo er Mitglied ist, sicher ein nützlicher Fingerzeig gewesen, der in die Richtung Picassos hätten weisen können. Der zu sagen pflegte: „Es gibt keine abstrakte Kunst“. Picasso nahm Stellung zu der konkreten gesellschaftlichen Wirklichkeit, die von Leid, Hunger, Not und Krieg („Guernica“ 1937; „Massaker in Korea“ 1954) geprägt war.

Literaturangaben

  • Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst?! Eine Qualitätsprüfung. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 256 S., 16,90 €, ISBN: 978-3100628107


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