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Vignetten

von
A. J. Weigoni

Die Herkunftsdokumentation des Begriffs Novelle ist fragmentarisch, und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt sie oftmals strittig. Dem lateinischen novus ‚neu‘ entspricht italienisch novella ‚Neuigkeit‘, eine kürzere Erzählung in Prosaform. Hinsichtlich des Umfangs bemerkte Hugo Aust, die Novelle habe oft eine mittlere Länge, was sich darin zeige, daß sie in einem Zug zu lesen sei. Als Begründer der Novellentradition gilt der Italiener Giovanni Boccaccio aufgrund des von ihm verfassten Decamerone (‚Zehntagewerk‘). Das deutsche Wort Novelle und das englische Wort novel sind falsche Freunde. Novel bezeichnet einen Roman, keine Novelle. Die im Deutschen als Novelle bezeichnete Prosaform heißt auf Englisch novella oder novelette.

Die Vorgaben der Novellenform sind wesentlich schwerer zu erfüllen als die des Romans, das Ergebnis ist ein literarisches Hochkonzentrat. Die Geschichte der Literatur ist eine Geschichte der Verweigerung, die Verweigerung der Dichtung, sich Erwartungen und Vorgaben unterzuordnen, und die Weigerung, Widerspenstige in die Hallen des literarischen Kanons einzulassen, durch die einsam Johann Wolfgang Goethe west. Als wahrscheinlich letzverblieberner Poet empfindet A.J. Weigoni den enormen Abstand zwischen künstlerischer Wahrheit und der Notwendigkeit, diese Wahrheit fürs Publikum ansprechend zu verpacken, um überhaupt gehört zu werden. Die sukzessive Erkenntnis des Subtextes, der in den Text eingeflochten ist, ist ein erheblicher Lustgewinn für den Leser. Nicht zufällig hat er das Genre der Künstlernovelle ausgesucht, die es erlaubt krisenhafte Konflikte auf engem Raum zu verdichten.

Bedruckte Papierseiten entsprechen dem menschlichen Lesetempo, unserem Rhythmus. Diesem Rhythmus folgen Weigonis Vignetten, (zu überprüfen bei seiner Rezitation auf dem Hörbuch 630) indem sie die Wellenbewegungen des Rheins denen des Nils gegenüberstellen - und setzen sie um in Wellenbewegungen des Flußes, des Lichts und der Gedanken. Weigoni zeigt sich mit dieser Novelle auf der Höhe seiner Kunst. Man weiss nicht, was man mehr bewundern soll: die schlanke Ökonomie dieser Erzählung oder die Stringenz, mit der sich diese Novelle entwickelt. Diese ist eine produktive und heterogene Kunstform, bei der sich über die Zeitläufte ästhetisch-konzeptionelle Veränderungen ergeben haben, aber auch im 21. Jahrhundert gilt das Friedrich Schlegels Sentenz für die gestalterische Innovationen dieser offene Gattung: „die Kunst gut zu erzählen“. Satz für Satz bewähren sich sich diese Vignetten als Sprachkunstwerk.

Der Falkentheorie Paul Heyses wird in der Nekropolen-Vignette eine Referenz erwiesen. Die alten Ägypter glaubten nicht an eine ewige Dauer des Kosmos. Sie sahen eine Zeit kommen, da der Schöpfer seiner Schöpfung müde werden würde und zusammen mit ihr ins Nichts zurücksänke, danach begänne der Schöpfungszyklus von vorn. Für die Ägypter fiel das Ende der Menschheitsgeschichte mit dem Anfang zusammen. Nachdem das Bild der ersten Vignette sich in der letzten Vignette als Sehnsuchtsbild einlöst, wird die Zukunft der Figuren Nataly und Max lediglich angedeutet.

Diese Vignetten sind eine konzentrierte, kluge Erzählung voller Wahrheit, mit glücklichen Einschüssen von Schmerz und Leidenschaft, von Melancholie und Wut. So besteht diese Novelle aus kurzen, keineswegs ausschweifenden Dialogen, in denen das Wesentliche immer ausgespart wird. Das, was Weigoni erzählen will, erzählt er zwischen den Zeilen, durch das Schweigen der Figuren, durch das, was geschieht und was nicht geschieht. Und dennoch leben diese Vignetten von einer immensen Vorstellungskraft und einer sensiblen Beobachtungsgabe. Eine Seite entspricht ungefähr 20 Seiten handelsüblicher handlungsstarker Prosa; der anstrengende, bisweilen fast zermürbende Wagemut, mit dem hier ununterbrochen höchst eigenwillige Schreibweisen entwickelt werden, verlangt nach einer Hornhaut bei der Lektüre. Erst Satz für Satz gelesen, in Lockerung der eigenen Erwartungen, öffnet sich der Blick auf die kantige Schönheit dieser Novelle. Und auch ganz, wie solche Vorfälle, erzählt, dann sein müssen: über allen Zufall hinaus völlig einmalig und individuell und über alles Individuelle hinaus wunderschön musterhaft, wie Goethe das genannt hätte. Kondensieren bedeutet nicht nur komprimieren.

Bei Weigoni sind Selbstironie und aufrichtiger Affekt eben kein Widerspruch, philosophischer Ernst findet sich mit abgründigem Witz verpaart, und Raffinesse und pophistorische Reflektiertheit paaren sich mit der Komplexität eines Gedichts. Roland Barthes hat geschrieben, daß es keine menschliche Stimme auf der Welt gebe, die nicht Objekt des Begehrens wäre - oder eben des Abscheus. Es gibt keine Stimme, zu der wir uns neutral verhalten können: Entweder wir lieben sie oder nicht, entweder wir ertragen sie oder wir reagieren idiosynkratisch. Was fasziniert, ist etwas sehr Konkretes: Wörter, Wortgruppen, bestimmte Zusammenstellungen, in bestimmter Perspektive ausgewählte Sprachkombinationen.

Dieser Romancier buchstabiert ein poetisches Vokabular der rheinischen Landschaft durch, er untersucht die Beschaffenheit des Geländes am Nil. Nicht nur Menschen, auch Landschaften können zu Hinterbliebenen werden, dich im Vergleich mit dem Material der Natur ist der Mensch klein. Das Erzählnetz, das Weigoni in poetischer Naturbeschreibung aufspannt, ist auf eine Weise stabil und gleichzeitig zerbrechlich, wie es wahrscheinlich in dieser kalligrafischen Kunstfertigkeit der Maler Haimo Hieronymus hinbekommt. Diese Vignetten sind ein dichter, bildreicher, mitunter sperriger Prosatext, der für den Leser eine Herausforderung darstellt. Jeder Verlust ist eine Leerstelle, eine nicht erzählte Geschichte, diese Novelle ist ein autonomer Text mit offenen Deutungsräumen.

Die Durchbrechung der Schranke zwischen Kunst und Leben gehören zu den Kernparadigmen der Moderne wie der modernen Kunst.

Wie in seinen anderen Erzählungen führt dieser Abgrund auch in den Vignetten in die triebhaften Tiefen einer von Sprachlosigkeit, existenzieller Not und dumpfen, übermächtigen Zwängen beherrschten Welt. In dieser Prosafolge lebt Weigoni seinen narrativen Reichtum lässig aus. Sein Erzählton macht kein Aufhebens, er betreibt - und das macht den besonderen Charme der Geschichten aus - eine Art von buchhalterischem Understatement. Das Schweigen hat einen weiten Echoraum in Weigonis' Schaffen, die eigentümliche Spannung von Weigonis Novelle ergibt sich kaum aus ihrer Fabel, sondern wesentlich aus der Ökonomie des Erzählens, einer kammermusikalischen Genauigkeit und Diskretion.

Das Mäandern ist eine Form zwischen Polen suchender Schreibart, die dialogisch von Assoziation zu Assoziation Erkenntnisse produziert. Worin die "unerhörte Begebenheit" liegt, welche diese Novelle nach Goethes Definition zu einer solchen macht, erfährt man erst auf den letzten Seiten. Mit dem Wünschelruten-Blick des Schatzsuchers laufen Nataly und Max über den Wüstensand und nehmen die Erschütterungen und Blessuren auf, die die Verheerungen der Geschichte diesen alten Landstrichen zugefügt haben. Weigoni verwehrt sich gegen jede touristische Bilderbeschönigung, aber auch gegen die elitistische Verachtung für den Massentourismus. Er begegnet der Fremde illusionslos, dafür mit allen Sinnen - und feinem Humor. Dabei schlägt er in Sprachbildern und Wortfiguren manche Brücke zu seiner kulturellen Heimat. Im Rhythmus der Schritte erschließt sich ihnen der Geist dieser Landschaft, gleichsam das Versmaß der sie umgebenden Dinge. Es sind die im Wortsinne elementaren Gewalten, die das Leben bestimmen - aber erzählerisch zurückgenommen ins Kleinformat des Alltäglichen. Daß jedes Ding in dieser erzählten Welt über sich hinausweisen kann, verdankt sich gerade der Sorgfalt, mit der sie alle dem Realitätseffekt dienen.

Weigoni hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die nicht durch einen Kuß besiegelt werden muß. Unauffällig und früh sind die Signale gesetzt, diese novellistische Flußfahrt umsegelt die Scylla des Pathetischen ebenso sicher wie die Charybdis der Sentimentalität; diese verdankt sich der Sparsamkeit der erzählerischen Mittel und dem weiten Horizont, in den hinein dieses Erzählen sich öffnet. Meisterhaft ist sie in einem ganz handwerklichen Sinne. Und eben deshalb erreicht sie so sicher jenen Punkt, an dem die stupende Präzision der pièce bien faite umschlagen kann in die Magie des Geschichtenerzählens. Mit Ossip Mandelstam gesagt: Poesie ist Ausbruch von Energie und ein Luxus, aber ein notwendiger. Weigoni ist in diesem Sinne ein luxurierender Schriftsteller, er schafft bleibende Erzählkunst.

Das Projekt Vignetten ist eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen, es schafft ein Gefühl für individuelle Tragödien, die nicht durchs Visuelle geprägt sind, sondern durch Verhältnisse, Spannungen, Energieverschiebungen und Differenzen, durch die Domänen der Sprache, der Kunst und der Dichtung als intransitive sprachliche Kundgabe, die sich zuletzt nur noch als beredtes Schweigen manifestiert und nichts anderes mehr zu bedeuten hat, als daß da einer noch atmet. Ähnlich wie Gilgamesch wollte Weigoni nicht einsehen, daß Unsterblichkeit nur den Göttern gegeben, Leben und Sterben aber Teil der menschlichen Natur ist - Rainer Maria Rilke nannte es: das „Epos der Todesfurcht“. Diese Offenheit und dieses geradezu Schwebende ausgehalten zu haben und über die Strecke einer Novelle tragen zu können - auch das ist Erzählkunst. Weigoni beschwört den linguistic turn in der Poesie, er zeigt, daß Novellen erheblich mehr sein können als Erzählungen mittlerer Länge, es geht ihm nicht nur darum die Gattung der Novelle neu zudefinieren, sondern letztlich zu transzendieren. Hier kann man nachvollziehen, daß das Gedicht von der Rose nicht mehr gilt: Der Rhein ist nicht der Nil ist kein Rinnsal. Die Dingwelt lebt - und zwar gerade in ihrer höchst vergänglichen Einmaligkeit.

Literaturangaben

  • Weigoni, A. J.: Vignetten. Novelle. Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover
  • Die akustische Umsetzung ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info (at) tonstudio-an-der-ruhr.de

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