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Zola, Émile

Émile Zola (geb. 2. April 1840 in Paris; gest. 29. September 1902 ebd.) war ein französischer Schriftsteller.

Leben und Schreiben

Ruhm

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1877 erschien der Roman, der ihn mit einem Schlag über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt machte: „L’assommoir“ (dt. „Der Totschläger“) war ein Skandalerfolg. Émile Zola hatte darin mit einem Tabu gebrochen, das bis heute besteht; er stellte Gewalt und Missbrauch in Familien, Alkoholsucht, Elend und das Desinteresse der Gesellschaft an diesen Problemen schonungslos und ungeschminkt dar. “Der Totschläger“ ist das siebte Buch der zwanzigbändigen? Familiensaga „Les Rougon-Macquart“, insgesamt der elfte Roman, den Zola bis dato veröffentlicht hatte.

Von seinen frühen Werken? erregte vor allem „Thérèse Raquin“ (1867) Aufsehen, die psychoanalytische Studie eines mordenden, von Schuld gequälten Liebespaares und seiner Opfer. Auf die prompte Kritik, er versuche mit allzu grellen Geschichten Geld zu scheffeln, antwortete Zola, den voyeuristischen Vorwurf umdeutend: „Ich schildere, was ich sehe, ich protokolliere es einfach und stelle dem Moralisten anheim, daraus die Lehren zu ziehen … Mein Schaffen dient … der Wahrheit“(19.9.1876).

Karrierestart

Der sich auf diese Weise als Naturalist deklarierende Émile Zola war am 2. April 1840 in Paris geboren worden und zunächst in Aix-en-Provence aufgewachsen, eine Stadt, die ihn durch den frühen Tod des Vaters, eines begabten Wasserbauingenieurs, die Nöte der verwitweten Mutter sowie Schulangst und –versagen zunehmend abstieß und die er als spießbürgerlich empfand. Er entschloss sich daher 1858, nach Paris zu gehen, ganz so wie sein Jugendfreund, der Maler Paul Cézanne.

Zunächst schlug sich Zola mit Schreiberstellen? durch, dann fing er als Lagerist im Verlag Hachette an, ergriff seine Chance und überzeugte den Verlagsleiter, eine Buchreihe? debütierender? Autoren herauszugeben?. Mit Erfolg: Bald schon war er als Marketingchef des Verlags und zugleich als Journalist? tätig.

Die Familiensaga „Rougon-Macquart“ (1871-1893)

Inzwischen hatte sich das politische Gesicht Frankreichs geändert. Die Republik war 1848 zusammengebrochen. Napoleon III. putschte 1851 und begründete das Zweite Kaiserreich. Die Reaktion wirkte sich entsprechend auf Menschenrechte und Pressefreiheit aus. Auch Zola, der Zensur unterworfen, war angewidert von der Bedrückung durch das Regime und seiner macchiavellischen Mentalität. Als das Kaiserreich infolge des Deutsch-Französischen Kriegs (1870/71) niederging, war für den Autor die Zeit der Abrechnung gekommen. Er veröffentlichte den ersten Band? seiner gewaltigen Familiengeschichte („La Fortune des Rougon“, dt. „Das Glück der Familie Rougon“), in der er Napoleonisten und Republikanern, Adel, Bürgertum und Klerus, allen Schichten der Gesellschaft einen Spiegel vorhielt. Er reagierte in der Saga auf die Missstände seiner Zeit, die Machenschaften der Politiker, die verhängnisvolle Macht des Geldes, Konsumterror, Brutalität, Spießbürgertum und soziale Ausbeutung.

„Germinal“ (1885)

Die Arbeiterbewegung erhob Émile Zola zu ihrer Stimme, als nach dem Hurenroman „Nana (1880) der bewegende, die Geschicke von Grubenarbeitern behandelnde Roman „Germinal“ (1885) publiziert wurde. Er erzählt von dem arbeitslosen Maschinisten Étienne Lantier, der aus seiner Not heraus eine Stelle als Bergarbeiter in Montsou antritt. Er wohnt als Schlafbursche bei der Familie des Hauers Maheu, in dessen Tochter Catherine er sich verliebt. Lantier beginnt, die verbrecherische Ausbeutung der Arbeiter zu begreifen, erlebt Elend und Verwahrlosung und bewegt die Grubenarbeiter, sich zu einem Streik zusammenzuschließen. Im Verlauf der Unruhen kommt der aufrechte Maheu ums Leben. Der Streik bricht zusammen. Schließlich verschuldet ein revolutionärer Fanatiker ein Grubenunglück, bei dem auch Étienne, sein Rivale und Catherine im Schacht eingeschlossen werden. Étienne Lantier tötet seinen Gegenspieler, aber auch Catherine stirbt. Nur Lantier wird lebend geborgen. Er wendet Montsou den Rücken, um in Paris in die Politik zu gehen.

Wie alle seine Meisterwerke, angefangen von „Le ventre de Paris“ (dt. „Der Bauch von Paris“) über „Nana“ bis hin zu „La Bête humaine“ (dt. „Das Tier im Menschen“), ist „Germinal“ architektonisch straff gegliedert. Zola arbeitet gerne mit Kontrasten, setzt kontrapunktisch Szenen oder Figuren gegeneinander. Eine große Rolle in seinen Werken spielt die Beleuchtung. Licht? ist für ihn ein bedeutendes dramatisches? Mittel, auffälliges Leitmotiv etwa in „La Bête humaine“. Das nackte, brutale Leiden der Menschen metaphorisiert der Autor oft in den traurigen Schicksalen seiner Tierfiguren, etwa dem gehetzten, gequälten Kaninchen Pologne in „Germinal“. Ein weiteres, wirkungsvolles Stilmittel ist die Karikatur?. Die alte Brule in „Germinal“ beispielsweise wird durch Überzeichnung zur wahren Märchenhexe.

Der Naturalist Zola recherchierte? jedes Buch akribisch, fuhr für „Germinal“ in Gruben ein, stand für „La Bête humain“ mehrmals im Führerhaus einer Lokomotive, bildete seine medizinischen und militärischen Kenntnisse und – böse Zungen wussten es genau – besuchte für „Nana“ Pariser Bordelle.

Kein Parteigänger

Die Arbeiterbewegung, die nach „Germinal“ fest mit Zola gerechnet hatte, musste jedoch bald erkennen, dass er auch sie nicht mit Kritik verschonte. Der Schriftsteller wurde nicht müde, zu betonen, er wolle nur naturalistisch abschildern, was er beobachte, wie ein Wissenschaftler, nicht als Parteigänger. „Einen Schrei nach Erbarmen, einen Schrei nach Gerechtigkeit, das ist alles, was ich will“, sagte er 1885. Daraufhin distanzierte sich ein Teil seiner Anhänger wieder von ihm.

„Ich klage an“ (1898)

Konsequenterweise erhob Zola seine Stimme, als ein Politskandal Frankreich erschütterte. Der Offizier Alfred Dreyfus wurde der Spionage für Deutschland bezichtigt und verurteilt und dies nicht auf Grundlage eindeutiger Beweise, sondern einzig wegen seines jüdischen Glaubens und seiner elsässischen Wurzeln. Im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurden Antijudaismus und Chauvinismus unverhohlen gelebt. Zola ergriff Partei für den Angeklagten. Er verfasste 1898 einen offenen Brief? an den Präsidenten, „J’accuse“ betitelt, „Ich klage an“, in dem er seinen Protest gegen militärische und judikatorische Willkür aussprach.

Der Mensch

Hatten schon seine Bücher die französische Nation bestürzt, sein „J’accuse“ empörte und spaltete die Öffentlichkeit erst recht. Zola sah sich richterlicher Verfolgung, und scharfen persönlichen Angriffen ausgesetzt. Und Angriffsflächen bot seine widersprüchliche Person zu Genüge: ein Dichter, der über das Elend der Straße schrieb, aber Soireen gab, bei denen Künstlerfreunde in Champagner, Austern und Trüffeln schwelgte, der die Kapitalisten abkanzelte, aber selber eine Villa in Médan sowie eine ansehnliche Kunstsammlung besaß, ein Schriftsteller, der Moral und Tugend feierte, aber ein ehemaliges Künstlermodell geheiratet hatte (damals ein Skandal) und zugleich mit einer Mätresse lebte, die ihm zwei uneheliche Kinder gebar.

Letzte Werke

1898 floh Zola vor der empörten Öffentlichkeit und einer drohenden Gefängnisstrafe nach England. Im Exil schrieb er an einem neuen, mehrbändigen Werk?. „Les Rougon-Macquart“ hatte er 1893 abgeschlossen. Sodann hatte er die Trilogie? „Les trois villes“ (dt. “Die drei Städte“) verfasst, eine Abrechnung mit der katholischen Kirche. Postwendend wurden seine Bücher auf den vatikanischen Index? gesetzt. Der erste, lesenswerte Band der Trilogie, „Lourdes“, schloss sich an die Reihe seiner Meisterwerke an. Im Exil nun begann er die Arbeit an einem weiteren Zyklus, von dem er nur die ersten Bände vollenden konnte, Entwürfe einer besseren Welt und eine Reaktion auf die Dreyfus-Affäre, „Les quatre évangiles“ (dt. „Die vier Evangelien“).

Tod und Nachruhm

1902 verstarb Émile Zola gemeinsam mit seiner Frau Alexandrine an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Bis heute sind die Todesumstände nicht ganz geklärt, Überlegungen, der Autor wäre aus politischen Motiven ermordet worden, stehen nach wie vor im Raum. 1908 wurden seine sterblichen Überreste mit großem Staatspomp vom Friedhof Montmartre ins Panthéon überführt.

Zola hat mit seinen Romanen enormen Einfluss auf nachfolgende Dichtergenerationen genommen, auf Anatole France? oder Thomas Mann, um nur zwei der bedeutendsten Namen zu nennen. Einige seiner Werke wurden für die Bühne bearbeitet und in Musik gesetzt. Der naturalistische Komponist Alfred Bruneau schrieb mehrere Schauspielmusiken und Suiten auf Texte Zolas. Regisseure nahmen sich seiner hochdramatischen? Stoffe gerne an; zu verweisen ist hier auf die Filme „La Bête humaine“ von 1938 mit Jean Gabin und „Germinal“ von 1993 mit Renaud und Gérard Depardieu in den Hauptrollen.

Zolas Erzählung „Nais Micoulin“ gehört in Deutschland zur Pflichtlektüre? im Französischunterricht.

Ausgaben

  • Correspondance, 10 vol., Montreal 1978-1993
  • Die Rougon Macquart, hg. v. Rita Schober, München 1974-78. (Einzelne Bände des Zyklus liegen in deutschen Übersetzungen, auch als Taschenbuchausgaben vor.)
  • Die vier Evangelien, Berlin 1940
  • Für eine Liebesnacht. Erzählungen, München 1998
  • Les oeuvres complètes, éd. Maurice Le Blond?, 50 vol., Paris 1927-29
  • Liebes- und andere Geschichten, Stuttgart s.t.
  • Lourde“, Leipzig 1966
  • Paris, Leipzig 1991
  • Rom, Leipzig 1970

Literatur

  • Bücher von Émile Zola bei Jokers
  • Album Zola, zusammengestellt von Henri Mitterand u. Jean Vidal, Paris 1963
  • Beci, Veronika: Émile Zola, Düsseldorf 2002
  • Bernard, Marc: Émile Zola, Hamburg 1997 (mit weiterführender Bibliographie)
  • Bloch-Dano, Evelyne: Madame Zola, Düsseldorf/Zürich 1999
  • Gumbrecht, Hans Ulrich: Zola im historischen Kontext. Für eine neue Lektüre des Rougon-Macquart-Zyklus, München 1978


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