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Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?

von
Meinhard Miegel

Nachdem sich Meinhard Miegel? 2002 in einem Bestseller mit den Deutschen und ihrer Wirklichkeitsverdrängung beschäftigte („Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen“), spannt der Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in seinem 2005 erschienenen Folge-Werk „Epochenwende“ den Bogen weiter: Hier analysiert Miegel, wie es um den Westen insgesamt bestellt ist.

Dass der Klient therapiebedürftig ist, ahnen wohl viele. Daher besticht Meinhard Miegels „Epochenwende“ zunächst vor allem durch eine ziemlich vollständige Listung der wichtigsten Herausforderungen, mit denen sich „der Westen“ (hier sind die frühindustrialisierten Länder insgesamt gemeint) gegenwärtig konfrontiert sieht: im Inneren der Nationen z. B. nachlassender sozialer Zusammenhalt oder neue Volkskrankheiten wie Übergewicht und psychische Probleme; im globalen Kontext unter anderem die Internationalisierung des Terrorismus sowie der weltweit ausgetragene Konkurrenzkampf um Ressourcen (Energie, Rohstoffe) bzw. Standortvorteile (Arbeitsplätze). Wer dies alles gebündelt sucht, ist mit dem vorliegenden Kompendium bestens bedient. Hingegen lesen regelmäßige Konsumenten meinungsführender politischer Wochenmagazine und -zeitungen in diesen deskriptiven Teilen des Buches? wenig epochal Neues.

Es gelingt dem Autor, eine Fülle von Statistiken in eingängige Sätze? zu gießen: Sprachlich trocken ist dieses Sachbuch? selten. Richtig anregend im Hinblick auf neue Denkanstöße aber auch nicht. Eine leichte Spannungshebung schafft einzig der teils psychologisierende Zugang zum Klienten „Westen“, den Miegel wählt, und der die Analyse von Fakten um eine der Gemüter ergänzt: So etwa, indem er Angst (z. B. vor terroristischen Anschlägen) als ein neues Leitgefühl von Wohlstandsgesellschaften identifiziert und damit nicht nur den interessanten Komplex der „German Angst“ streift, sondern auch das supranationale, eben „westliche“ Unwohlsein eines Lebens in stetig komplexer werdenden Risikogesellschaften.

Oder aber, indem er – nun im Hinblick auf wirtschaftliches Handeln – die Frage stellt, ob eine Politik, die weiter gebetsmühlenartig die Heilslehre steter Expansion predigt (Motto: "Nur Wachstum schafft Wohlstand" bzw. "Glückes Maßstab ist allein das traditionell definierte Bruttosozialprodukt"), ihre Zuhörer noch erreicht: nicht zuletzt wenn einem sich ändernden Lebensgefühl folgend Wohlstand zunehmend als „Wohlstand an Zeit“ bzw. „an Spaß“, nicht jedoch über Materielles definiert wird – in einer zunehmend individualisierten „Jeder für sich“-Gesellschaft. Laufen Staatswesen, die eine Ökonomisierung ihrer zentralen Lebensbereiche „Arbeit“ und „Ausbildung“ billigend in Kauf nehmen (Bsp. Arbeitsverdichtung) oder sogar forcieren (Bsp. Bologna-Prozess), am Ende die eigenen Kinder davon? Solche vertiefenden gedanklichen Vernetzungen wünscht man sich angesichts Miegels Präsentation von überwiegend Bekanntem mehr als einmal.

In gewohnt klarem, konkretem Sprachstil räumt Miegel, wie schon in „Die deformierte Gesellschaft“, auch in „Epochenwende“ mit den gerade hierzulande beliebten, gewollten Realitätsverlusten auf. Sich etwa weiterhin damit zu trösten, dass es ja vor allem weniger qualifizierte Arbeiten seien, die in einer vernetzten Weltwirtschaft in Niedriglohnländer ausgelagert würden, sei Selbstbetrug: Die Zeiten, in denen etwa China für Bastmatten und der Westen für High-Tech-Produkte zuständig gewesen sei, gehörten einer zweifarbig gezeichneten Vergangenheit an. Und wer scheuklappenartig an jeder Errungenschaft des Sozialstaates festhalte, verkenne, dass sich längst ein globaler Preis für Arbeit herausgebildet habe. So etwas tut weh, und das ist in diesem Zusammenhang gut so.

Vor dem Hintergrund der Erfahrung und Einsichtsmöglichkeiten des Autors bleibt das Schlusskapitel, welches Lösungsvorschläge verheißt, auffällig schwammig. Dies mag teils in vorausgegangener Analyse wurzeln: So kann der hier u. a. enthaltende Aufruf an jeden Einzelnen, den Wettbewerb wieder lieben zu lernen, vor dem Hintergrund des oben angerissenen Mentalitätswandels kaum zum Selbstläufer werden: „Viele der Enkel denken nicht daran, zu malochen wie die Großeltern. Sie wollen (...) Spaß haben. Wer will, wer kann ihnen das verdenken?“

„Die Zukunft gewinnen“ nennt Miegel diesen dritten Teil seines Werkes, und präsentiert doch überwiegend Bilanz statt Ausblick: „Maß halten“ – sein Rat an Großverdiener und im Hinblick auf sich spreizende Arm-Reich-Scheren. „Konsum einschränken bzw. nachhaltig gestalten“ (wider die Ressourcenvergeudung). „Haushalte sanieren und Schulden abbauen“, „Gesetzesvorschriften und Bürokratie entschlacken“ – alles Tipps für den Westen, um den erreichten Wohlstand angesichts globalisierter Konkurrenz wenigstens zu halten. Aber eben auch: Alles schon mal da gewesen. Chronistenpflicht erfüllt, Vordenkbeitrag verfehlt. Im Westen wenig Neues.

Autor: Till Kammerer

Literaturangaben:

  • Miegel, Meinhard: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? List Taschenbuch Verlag, Berlin 2007, 8,95 €, ISBN: 978-3548607054,


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