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Champagner und Kartoffelchips

von
Horst Bosetzky

Ende der 1950er? Jahre in Berlin. Manfred Matuschewski hat das Abitur bestanden und beneidet seine Mitschüler. Diejenigen, die sitzengeblieben sind und noch ein Jahr zur Schule gehen dürfen, und diejenigen, die nahtlos ins Studium gewechselt haben. Für ihn, mit dem ungeliebten und bedeutungslosen Namen Matuschewski, hat das Schicksal nichts Vergleichbares bereit. Wie sein bisheriges Leben wird auch die Zukunft verlaufen, denkt er: unspektakulär, ohne Höhepunkte.

Aber es kommt schlimmer. Die Lehre bei Siemens erweist sich als ein Alptraum, aus dem es scheinbar kein Erwachen gibt. Geregeltes Gleichmaß, einer von den Unteren, die sich Zeit ihres Lebens ducken werden. Dazu kein wirklicher Freund und immer noch keine Freundin in Sicht, die wenigstens teilweise den Frust kompensieren könnte. Überzeugend hat Horst Bosetzky? auch diesen Roman über Manfred erzählt und an dessen persönlichem Schicksal ein Stück deutscher Zeitgeschichte? sichtbar gemacht, und zwar einer Zeit, die wie keine andere für Land und Leute bedeutsam war und Deutschland prägte.

Absolut stimmig fängt Bosetzky das Berlin der Nachkriegszeit ein, in der Deutschland wieder anfing, “wer zu sein”. Bei aller Durchschnittlichkeit fühlt Manfred (wie Bosetzky) aber deutlich das Hohle der Zeit, legt die Schwächen der Gesellschaft bloß, diskutiert die Fragwürdigkeiten des politischen Tagesgeschehens. Es ist eine bedeutsame Zeit, nicht nur – aber in starkem Maße – für Berlin, das für den nunmehr erwachsenen Manfred und seine Generation ein aufregendes Pflaster geworden ist: Der Mauerbau vollzieht sich, teilt die Familie in Ost und West, lässt das Geschehen noch politischer werden als in dem Band davor. Wie immer ist es nicht der Autor oder ein fiktiver Erzähler, der beschreibt oder kommentiert, sondern Manfred, und die verschiedenen Standpunkte und Blickwinkel ergeben sich weitgehend in den Diskussionen der Einzelnen: der Studenten untereinander oder mit ihren Professoren, der Familienmitglieder, der Kollegen, der Vorgesetzten, der Nachbarn. Das fängt geradezu ideal die Strömungen und Denkweisen der Zeit ein: die Zeit des Mauerbaus, den Zerfall der Welt in einen Ost- und einen Westblock, die Kuba-Krise mit der nie zuvor gekannten Gefahr eines atomaren Krieges, die Studentenrevolte, die aufräumen würde mit der Gesellschaft, die nach dem Krieg nahtlos da weitermachte, wo sie vorher geendet hatte.

Ein lebendiges ideengeschichtliches, politisches Bild einer Zeit, die wie keine zweite unser Land geprägt hat – als Einzelband? oder viel besser als Teil der sechsteiligen Folge dringlichst als Lektüre in der Schule empfohlen, um lebendig werden zu lassen, was längst in den Büchern zur Geschichte erstarrt ist.

Originalbeitrag unter www.alliteratus.com

Literaturangaben

  • BOSETZKY, HORST: Champagner und Kartoffelchips. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 502 S., 9,95 €, ISBN: 978-3423210386 (ab 15 Jahren)


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