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Der letzte Tag eines Verurteilten

von
Victor Hugo

Diesen schmalen Roman in 49 Kapiteln verfasste der 26-jährige Autor innerhalb von drei Wochen. Unmittelbarer Anlass waren die beobachteten Vorbereitungen, eine Art „Generalprobe“, für eine Hinrichtung am darauffolgenden Tag. Die Drucklegung? erfolgte im Jahr 1829.

Walter Benjamin? bemerkt in einem Aphorismus aus der „Einbahnstraße“: „Die Kraft der Landstraße ist eine andere, ob einer sie geht oder im Aeroplan darüber hinfliegt. So ist auch die Kraft eines Textes eine andere, ob einer ihn liest oder abschreibt.“

Die Kraft eines Textes wird noch verstärkt, wenn dieser mit dem Abschreiben zugleich selbst übersetzt wird. Wahrscheinlich wäre mir bei einer bloßen Lektüre der deutschen Übersetzung die existentielle Eindringlichkeit des ersten Kapitels und auch die Plastizität der Sprache nicht aufgefallen (wörtlich im Original: „Zum Tode verurteilt! ... gekrümmt unter den Fäusten des Gedankens“; in der dt. Übersetzung: „gebeugt unter seinem Gewicht“).

Das Denken des Protagonisten kreist unaufhörlich um seinen bevorstehenden Tod in sechs Wochen. Im zweiten Kapitel erfahren wir vom Verlauf des Prozesses. Die Tat lässt sich nur indirekt erschließen aufgrund des erwähnten Beweismittels der blutbefleckten Kleidungsstücke; sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Eifersuchtsdrama. Die folgenden Kapitel changieren zwischen Beobachtungen aus dem Gefängnisalltag, bruchstückhaften Erinnerungen des Verurteilten an seine Kindheit, Jugend, erste Liebe, Schreckensvisionen, philosophischen Betrachtungen (über den angeblich schmerzfreien Mechanismus der Guillotine, die Floskeln des Gefängnispfarrers, den Zusammenhang von Tätern und Opfern).

Besonders eindringlich erscheint mir die Schilderung der letzten Begegnung mit seiner dreijährigen Tochter, die ihn nicht mehr als „Papa“ erinnert und deren distanziertes „Monsieur“ ihm ins Herz schneidet. Bis zum Schluss hofft der Protagonist vergeblich auf Bewilligung des eingereichten Gnadengesuchs.

Dieser kleine Text hatte nicht nur literaturgeschichtlich eine enorme Wirkung (z. B. im Werk? Dostojewskis und bei Camus), sondern besitzt politische Sprengkraft: Unmittelbar nach Veröffentlichung wurde die Zahl der Hinrichtungen deutlich reduziert, bis im Jahr 1981 in Frankreich die Todesstrafe definitiv abgeschafft wurde. Der damals zuständige Justizminister beruft sich ausdrücklich auf die Ideen und Worte Hugos.

Das zentrale Anliegen im Werk? Victor Hugos und seine bleibende Aktualität besteht ganz allgemein im dem Appell, dass wir Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen dürfen, ohne selbst Gefahr zu laufen, uns in diese zu verstricken.

Autorin: Annette Hund

Literaturangaben

  • Hugo, Victor: Le Dernier Jour d’un condamné’ (Préface de Murielle Szac), Pocket 2006
  • Hugo, Victor: Der letzte Tag eines Verurteilten. Übersetzt von W. Scheu. Diogenes Verlag, Zürich 2006, ISBN: 978-3257212341


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