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Die Fremde

von
Magdalena Felixa

Wie viele Menschen mag es in Berlin geben, deren Leben sich in fünf Schachteln packen lässt? Wahrscheinlich mehr, als wir glauben, man sieht es ihnen schließlich nicht an. Auch ihr nicht, der Ich-Erzählerin, der Fremden. „Die Fremde“, geschrieben von Magdalena Felixa?, erschienen im Aufbau Verlag, Berlin 2005.

Sie ist dünn, jung – vielleicht 25 oder 28 Jahre alt - sie ist hungrig und sie friert. Berlin ist kein Ort der Wärme. Wir könnten sie in einem dieser Berliner Cafés treffen, vormittags um 11, wenn wir sie einladen würden zu einem Kaffee. Lange würde sie wahrscheinlich nicht verweilen, nur für einen Moment, um sich aufzuwärmen. Jemand, der einmal angefangen hat, mit dem Koffer durch die Welt zu ziehen, wird damit nicht aufhören, wird immer wieder weiterziehen. Am liebsten fährt sie mit dem Taxi, wenn sie Geld hat! Doch das hat sie selten. Und sie fährt am liebsten nachts. Denn in der Nacht kann man sich noch unauffälliger durch die Stadt bewegen, weil die Konturen extremer sind und das Stadtbild ein anderes ist als tagsüber.

Berliner Nachtgestalten, unbehaust, suchend, treibend – das kennen wir doch, mag man denken. Aber dann sitzt man schon auf der zweiten Seite? neben der Fremden im Taxi und mag sich bis zur letzten nicht mehr von ihr trennen. Bis zum Schluss erfährt man nicht ihren wirklichen Namen, aber man liebt sie dafür, dass sie einen mitnimmt in die Stadt mit ihren glänzenden Salons und schummrigen Bars, mit ihren skurrilen Gestalten und grotesken Situationen und man verzeiht ihr sogar die Russenmafia: erstens, weil sie Tempo in die Geschichte bringt, zweitens, weil sie keine Hauptrolle? spielt. Und weil das auch irgendwie zu Berlin gehört: die Gefahr, das Verbrechen, das Syndikat.

Die Autorin Magdalena Felixa? hat ihre Kindheit in Polen verbracht. Und wie ihre Ich-Erzählerin spricht auch sie mehrere Sprachen, Stiefmuttersprachen? Sie kann erzählen, und wie sie erzählen kann. Von Glück und Tod, braven Trommlern und Gauklern bizarrer Phantastik, mit einer Leichtigkeit, Genauigkeit und einer Lust an Sprache, dass man manche Seite? sogar zweimal liest. Sie holt aus den Ecken, woran wir nur achtlos vorbeilaufen, und gibt den Illusionen ihre Berechtigung.

Auch Dimitri ist ein vorübergehend Gestrandeter und wird ein Freund der Fremden. Dimitri verkörpert die Illusion der osteuropäischen Kultur. Er kann die Menschen verzaubern, er kann ihnen exotische Geschichten erzählen aus diesem Russland, aus dem er stammt. Er ist ein Verführer mit einem Faible für einsame Ehefrauen. Dimitri ist aber auch ein Mensch, der sehr arm ist, der sehr krank ist, von dem man auch nicht weiß, wie er es schafft, sich durchzuschlagen.

Immer wieder gibt es in diesem Buch Freundschaften. Freundschaften sind wichtig. Aber stets passiert etwas und am Ende muss jeder eben doch alleine weitergehen. Manchmal trennt auch der Tod: Die Beziehung der Fremden zu Henry zum Beispiel, einem alten, kranken, reichen Mann und Sammler gestohlener Bilder. Henry ist ein Seelenverwandter. In ihm findet sie einen Gleichgesinnten. Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, aber es ist auf jeden Fall eine Liebe und nach Henry ist sie eine andere. Mit ihm hat sie jemanden gefunden, der sie stärkt, der ihr sehr viel weitergibt. Darunter im Nachlass auch einen Beutel mit Diamanten. Zum Anschauen oder Umtauschen. Henry gab ihr den Namen seiner ersten Liebe, einer alten dürren schwarzen Katze: Selena!

Wir sehen sie in dem kleinen Café am Flughafen, schreibend. Und wir wissen, gleich wird sie den Stift? einstecken, die Tasche ergreifen und gehen, ohne den Ballast der Geschichte. Schön, dass sie sie zurückgelassen hat: Die Geschichte von jemandem, der nicht die besten Voraussetzungen hat, um im Leben zu bestehen, der nicht einmal Schulden hat, keine Familie, keine wirkliche Muttersprache, kein Geld. Die Fremde hat nichts, worauf sie zurückgreifen könnte. Und aus dieser Sicht hat die Autorin versucht, diese Stadt zu beschreiben?. Ein Berlin-Roman – sicherlich. Doch ein spannender, ein zärtlicher, ein erotischer, ein virtuos geschriebener – einer, auf den ich nicht hätte verzichten mögen.

Autorin: Jutta Maria Giani

Literaturangaben

  • Felixa, Magdalena: Die Fremde. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2005. 198 S., ISBN: 978-3351030377


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