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Empfindsamkeit

Empfindsamkeit ist eine stark gefühlsbetonte Literaturströmung des 18. Jahrhunderts. Sie steht vor allem mit der Aufklärung?, aber auch mit dem Sturm und Drang in enger Verbindung.

Definition

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Als Empfindsamkeit bezeichnet man eine stark gefühlsbetonte Literaturströmung innerhalb der Aufklärung?, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Die Empfindsamkeit ist nicht als Gegenbewegung zur Aufklärung? zu verstehen, sondern als deren Ergänzung: Sie sollte ein Gleichgewicht zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Kopf und Herz herbeiführen.

Die empfindsame Literatur war einerseits fest im rationalistischen Gedankengut der Aufklärung? verankert, ging aber andererseits auch weit darüber hinaus und entwickelte eine vom Gefühl getragene, oft schwärmerische und enthusiastische Weltsicht. Im Mittelpunkt standen subjektive Erfahrungen wie Ergriffenheit, Entzückung und Überschwang der Seele, häufig im Zusammenhang mit Moral, Tugend, menschlicher und künstlerischer Anmut.

Foto: Jdsteakley / Wikipedia.org

Eine besondere Mischung aus Gefühl und Vernunft

Eine Modeerscheinung im Zeitalter der Empfindsamkeit war der Zusammenschluss von Dichtern in Freundschaftsbünden, wie z. B. Darmstädter Kreis? und Göttinger Hain?. Gemeinsam entdeckten die meist jugendlichen Dichter die Natur, wobei allerdings nicht das naive Naturerlebnis im Vordergrund stand, sondern die Verbindung von gesteigertem Gefühlsleben und intellektueller Reflexion. Diese charakteristische Mischung bezeichneten die Zeitgenossen als typisch „empfindsam“ oder „sentimentalisch“.

Die Empfindsamkeit steht nicht nur mit der Aufklärung? in einem fruchtbaren Verhältnis, auch mit dem Sturm und Drang gibt es literarhistorische Gemeinsamkeiten, die vor allem im Bereich der Betonung des Gefühls und der Individualität liegen. Als wichtige Autoren der Empfindsamkeit gelten Matthias Claudius? („Der Wandsbecker Bote“, 1771-1775), Friedrich Gottlieb Klopstock? („Der Messias“, 1748-1773) und Johann Heinrich Voß? („Der siebzigste Geburtstag“, 1781).

Entstehung

Die literarischen Vorbilder kamen vor allem aus England und Schottland, aber auch aus Frankreich. Lange bevor in Deutschland das Wort „empfindsam“ populär wurde, sprach man dort schon von „sensibilité“ und „sensibility“. Als besonders anregend gelten James Thomsons? Naturdichtungen („The Seasons“, 1730; dt. „Die Jahreszeiten“, 1745), Edward Youngs? düstere Nachtgedanken („The Complaint, or night thoughts on life, death and immortality“, 1742-1745; dt. „Die Klage oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit“, 1752) und Laurence Sternes’ idyllischer Roman „A Sentimental Journey Through France and Italy“, 1768; dt. „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“, 1768). Übrigens kam das Adjektiv „empfindsam“ erst durch die Übersetzung von Sternes’ Roman in die deutsche Sprache.

Eine weitere wichtige Grundlage für die Empfindsamkeit in Deutschland war die religions- und geistesgeschichtliche Strömung des Pietismus, die seit dem frühen 18. Jahrhundert ihren Einfluss entfaltete. Der Pietismus unterstützte die Aufklärung? in ihrem Kampf gegen den Dogmatismus, trat zugleich aber gegen die intellektuelle Einseitigkeit der Aufklärung auf und forderte die Möglichkeit zur freien Entfaltung von tugendhaften Gefühlen. Zentrale Begriffe des Pietismus waren „innere Heilserfahrung“ und „innere Wiedergeburt“. An diesen Subjektivismus in Glaubens- und Gemütsangelegenheiten knüpfte die Empfindsamkeit an.

Entwicklung

Angeregt von diesen Einflüssen, entwickelte sich die Empfindsamkeit zu einer bestimmenden Literaturströmung des 18. Jahrhunderts, die in sämtlichen Gattungen bedeutende Werke? hervorbrachte.

Prosa: Enthusiasmus und Visionen

Als wichtigstes Werk? der empfindsamen Literatur gilt Klopstocks? monumentales biblisches Epos „Der Messias“ (1748-1773), das aufgrund seiner Sprachgewalt auf viele Zeitgenossen wie eine literarische Offenbarung wirkte. Klopstock? schildert darin das Martyrium Jesu in einer enthusiastischen, nahezu visionären Sprache. Zu nennen sind aber auch Christian Fürchtegott Gellerts? Roman „Das Leben der Schwedischen Gräfin von G***“ (1747/1748), Sophie von La Roches? Frauenroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771) und Heinrich Jung-Stillings? Autobiographie „Heinrich Stillings Jugend“ (1777). Gellerts? Gräfinnen-Roman war übrigens der erste deutsche Roman, der mehrfach ins Englische, Französische und Holländische und sogar ins Ungarische und Italienische übersetzt wurde.

Lyrik: Natursehnsucht und Schlichtheit

Von hervorstechender Bedeutung im Bereich der Lyrik sind Salomon Geßners? „Idyllen“ (1756), die von den lyrischen Passagen in Klopstocks? „Messias“ inspiriert waren. Geßner?, der auch als Landschaftsmaler und Kupferstecher zu Bekanntheit gelangte, fasste auch seine Idyllen als Bilder auf: Sie enthalten detailreiche Landschaften, die von Einfachheit der Lebensauffassung und Natursehnsucht zeugen, verbunden mit Tugendhaftigkeit. Von Bedeutung sind zudem die schlichten, liedhaften Verse von Mattias Claudius?, die im „Wandsbecker Boten“ (1771-1775) veröffentlicht wurden. Am populärsten sind wohl folgende Claudius?-Gedichte: „Der Mond ist aufgegangen“, „Das Abendlied“ und „An den Frühling im ersten Maimorgen“. Siehe auch Anakreontik?.

Drama: Moralpädagogik und Familiengemälde

Eine typische Schöpfung der Empfindsamkeit ist das rührselige Lustspiel?, das moralpädagogische Absichten mit komischen und sentimentalen Elementen mischte. Vorbild war vor allem Voltaire?, der mit „L’Enfant prodigue“ (1736; dt. „Der verlorene Sohn“) und „Nanine“ (1749; dt. „Nanine“) das Theaterpublikum begeisterte. Die deutschen Nachbildungen erreichten jedoch nur selten die Qualität der französischen Originale. Als gelungen gelten vor allem Gellerts? Lustspiele? „Die Betschwester“ (1745) und „Die zärtlichen Schwestern“ (1745), die in der Fachliteratur auch als „bürgerliche Familiengemälde“ bezeichnet werden. Die Stärken der Gellert-Stücke? liegen vor allem in der gekonnten Ausleuchtung der psychologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge sowie in der feinen Seelenschilderung. Die Moral der Stücke: Tugend siegt über Untreue und Raffgier.

Überwindung der Empfindsamkeit

Als Höhepunkt und zugleich auch als Überwindung der Empfindsamkeit gilt Johann Wolfgang von Goethes Briefroman? „Die Leiden des jungen Werther“ (1774), der im Ton zwar noch empfindsam und sentimental ist, thematisch jedoch durch das Leiden des Genies an der Wirklichkeit in die Zukunft wies.

Literatur

  • Werke der und über die Empfindsamkeit bei Jokers
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Reclam, Ditzingen 2001, ISBN: 978-3150000670
  • Klopstock, Friedrich Gottlieb: Der Messias. Gesang I - III. Text des Erstdrucks von 1748. Reclam, Ditzingen 1986, ISBN: 978-3150007211
  • Sterne, Laurence: Yoricks empfindsame Reise. S. Fischer Verlag, Franfurt am Main 2008, ISBN: 978-3596900794

Sekundärliteratur

  • Kaiser, Gerhard: Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang. UTB, Stuttgart 2007, ISBN: 978-3825204846


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