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Benehmt euch! Ein Pamphlet

von
Stefan Gärtner und Jürgen Roth

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Stefan Gärtner? (geb. 1973) und Jürgen Roth? (geb. 1968) sind in den 1970ern und 80ern aufgewachsen; einer Zeit, in der noch jede Menge konservativer Mief aus der NS-Zeit nachwehte, und allerhand falsche Autoritäten (man erinnere sich nur an Franz Josef Strauß oder den TV-Pfarrer Adolf Sommerauer) konservative Tugenden wie Ehrerbietung und Höflichkeit einforderten. Gegen derlei galt es aufzubegehren, und Gärtner und Roth waren später als Titanic-Autoren tunlich dabei, wenn es galt, überkommene Moral und Spießertum zu demaskieren und der Lächerlichkeit anheimzustellen.

Was ist in den letzten Jahrzehnten passiert, was die Autoren bewogen hat, nun ein „Pamphlet“ für besseres Benehmen zu schreiben? In den 1990ern lockerte sich der Umgangston im Lande, Ironie? wurde selbstverständlicher Bestandteil des allgemeinen Sprachgebrauchs, und gesellschaftliche Distanz wich dem schnellen Du.

Gärtner und Roth beginnen ihre Analyse im Heute mit dem Kapitel „Verrohung“. Sie zeichnen auf, was jeder kennen dürfte, der öffentlichen Raum betritt: rabiate Verkehrsteilnehmer, Anzugträger, die telefonierenderweise ganze Zugabteile von ihrem hedonistischen Privatleben und dem sadistischen Umgang mit ihren Mitarbeitern in Kenntnis setzen, allenthalben Schamverlust und Impertinenz: „Es ist der permanente monadenhafte, egozentrische Aufruhr, der sinn- wie ziellose Krawall, das unentwegte Affekt- und Affektiergehabe.“ Da lässt sich das zu Spießerzeiten für Gärtner und Roth sicher nervtötende „Glockengeläute“ gar „wohltuend“ an. Weil dahinter ein, wenn auch religiöses, Gemeinschaftsansinnen steckt? Heute dominiere jedenfalls das „Ideal des in erster Linie sich selbst verpflichteten Hochleistungsegoisten“.

Auf die „Verrohung“ folgt im Buch die „Verblödung“. Die Bologna-Reformer werden als Totengräber des freien Studiums bezichtigt – und damit zugleich jener werdenden Persönlichkeit, die allein aufgrund ihres geschulten Verstandes begreife, was um sie herum passiert. Beispielhaft der Student, der sich Kants kategorischen Imperativ (wonach das eigene Handeln geeignet sein solle, allgemeingültiges Gesetz zu werden) einpaukt, nur um seine Mitstudenten in Credits auszustechen. Bildung sei schlicht zu Ausbildung degradiert und zwar unter dem Diktat des gar von FAZ-Herausgeber? Frank Schirrmacher? als „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“ bezeichneten Phänomens.

Wo es nur mehr darauf ankomme, stumpf zu funktionieren und zu konsumieren, erreiche dann der Unflat im TV immer neue Untiefen der moralisch-geistigen Verwesung – nicht nur, wenn das Prekariat aufeinander losgelassen werde, auch und schlimmer, wenn Egomanen in Jurys unter gellendem Applaus des Publikums verbal auf junge Menschen defäkierten, kurzum: „widerwärtigster Voyeurismus mit dem eisernen Willen zur Herabwürdigung amalgamiert“ wird. Womit die Autoren zur „Verkindung“ gelangen: Der Mensch wachse heute mit dem Lernziel auf, dass das Leben ein grenzenloser Schokoladenladen bzw. Media-Markt sei; es gebe immer alles, aber keine Grenzen zwischen sich selbst und dem Rest der Welt. Narzissmus gedeihe, wo in der Kindheit Förderterror und kaufbarer Firlefanz Zuwendung und Ruhe zum Reflektieren ersetzten, damit auch später das Balg im Erwachsenenkörper instinktgesteuert nachahme, sprich: wie in der Werbung vorgemacht konsumiere.

In „Verderben“ schließlich reflektieren Gärtner und Roth über bereits eingetretene und drohende „Konsequenzen der stillschweigenden Aufkündigung des gesellschaftlichen Konsensus über ein moderates und moderierendes Miteinander“ und landen u.a. bei Hobbes’? „Krieg aller gegen alle“.

Das euphemistisch „Pamphlet?“ genannte Kurzbuch von 110 Seiten? bietet neben sprachlich ausgefeilter Polemik? viele Gedanken und Argumente, die sich um die zahlreicher Vordenker Gärtners und Roths knüpfen. Die umfassend schriftgelehrten Autoren zitieren u.a. Platon?, Freud, Nietzsche, Knigge? und Adorno und viele neue Literatur, um die Phänomene von Benimm- und Empathieverlust einzukreisen und intellektuell festzumachen. Dass Gärtner und Roth am Ende keine weitgedachten Interventionsmöglichkeiten aufzeigen, ist ihnen kaum anzulasten, da sie die Ursachen im längst außer Kontrolle geratenen und kaum mehr einzufangenden Kapitalismus finden (mögliche Alternativen würden viel dickere Bücher füllen). Am Ende der Lektüre kommt die Einsicht, dass die überkommene Moral von früher offenbar einem bedenklichen Moralvakuum gewichen ist.

Eine lange nachklingende Erkenntnis ist die nach Markus Metz? und Georg Seeßlen? „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ (Suhrkamp, 2011) zitierte: „Stupidität als gesellschaftlich nutzbares Gut, das Regierung möglich macht, Profit erzeugt und den Widerspruch zwischen beidem aufhebt“. Der Verlust der konservativen Tugenden von gutem Benehmen und Rücksichtnahme, so mag man ergänzen, ist da nur ein Baustein. Was aber bezeichnenderweise dem konservativen Gut der Ökonomie dient.

Autor: Michael Höfler

Literaturangaben

  • Gärtner, Stefan/Roth, Jürgen: Benehmt euch! Ein Pamphlet. Dumont Buchverlag, Köln 2013, ISBN: 978-3832197261, 109 S., 10,00 €

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