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Bibliothek ungelesener Bücher

Eine Bibliothek von Büchern in Wien, deren Besitzer die Bücher nicht gelesen, aber über die Bücher gesprochen haben.

Allgemeines

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Untergebracht ist die Bibliothek ungelesener Bücher im Brick 5, einem Ausstellungsgebäude im 15ten Wiener Bezirk. Hier interviewt Julius Deutschbauer als Bibliothekar der Bibliothek Menschen zu Büchern, die ihnen gehören, die sie aber nicht gelesen haben. In der Bibliothek werden die digital aufgenommenen Gespräche und die nicht gelesenen Bücher aufbewahrt und zugänglich gemacht. Die Bücher sind penibel geordnet und tragen ein Etikett mit der Aufschrift: „Dieses Buch wurde von . . . noch nicht gelesen“. Dazu eine Nummer, unter der das dazugehörige Interview archiviert ist.

In der Bibliothek finden regelmäßige Veranstaltungen zum Thema Lesen und Handarbeiten statt, während derer z. B. gehäkelte Schutzumschläge entstehen.

In Zürich gibt es eine Dependance der Bibliothek, die ein Bewunderer des Projekts eröffnet hat.

Die Bibliothek ungelesener Bücher will als Annäherung an eine Dokumentation von Wunsch, Lust und Gesamtanspruch verstanden werden. Es wird der bildungsbürgerliche "Kanon?" präsentiert, um ihn gleichzeitig ironisch in Frage zu stellen.

Geschichte

Die Bibliothek ungelesener Bücher wurde im Juni 1997 von dem bildenden Künstler Julius Deutschbauer in Wien gegründet. Damals führte er das erste Interview in Basel. Die Idee zu dieser Bibliothek kam Julius Deutschbauer dadurch, dass ihm in der Literatur immer wieder Bibliothekare besonders auffielen, etwa der nicht lesende Bibliothekar aus dem „Mann ohne Eigenschaften?“. Das brachte ihn dazu, über das Verhältnis von gelesenen zu ungelesenen Büchern nachzudenken. Die Vorstellung, dass heute die Zahl der Bücher, die nicht gelesen werden, die Zahl der gelesenen um ein vielfaches übertrifft, faszinierte ihn dabei besonders.

Außerdem wollte er neben den Kunstbibliotheken im Feld der Kunst eine Bibliothek gründen, die keine Kunstbücher führt, sondern sich auf Romane beschränkt.

Details

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Der Künstler und Bibliothekar Julius Deutschbauer? sieht sich als „Beichtvater des schlechten Lesergewissens“. Im Jahr 2007 hatte er schon mehr als 500 Interviews mit Nichtlesern geführt. Mit der Bibliothek der ungelesenen Bücher bietet Julius Deutschbauer Menschen, die ein Buch nicht mehr lesen wollen und auch nicht mehr daran erinnert werden wollen, den Service an, das Buch abgeben und quasi durch das Interview mit ihm für alle Zeiten „erledigen“ zu können. Ein der Absolution in der Beichte vergleichbarer Vorgang, der entlastend wirken soll.

Julius Deutschbauer lehnt jeglichen „Bildungsbürgerquatsch“ ab und interessiert sich nicht für Listen von Büchern, die man angeblich gelesen haben sollte. Was ihn interessiert ist die Antwort auf die Frage, was aus Menschen geworden wäre, wenn sie ein bestimmtes Buch gelesen hätten. In seinen 20-Minuten-Interviews geht er dieser Frage nach. Dabei nimmt er einen standardisierten Fragenkatalog zu Hilfe, der immer mit der Frage nach dem Wetter beginnt, aber auch flexibel gestaltet wird.

Diese Interviews? zeigen das Buch mal als libidinöses Objekt, mal als Gerücht oder Mutmaßung, mal auch als Anhaltspunkt, um über andere Themen sprechen zu können. Penibel und sachlich werden sie geführt und entsprechen damit der Archivlogik.

Im Hintergrund seines Bibliotheksprojekts geht es Julius Deutschbauer natürlich um Kunst. Seine Bibliothek hat ja auch im Wiener Museumsquartier ihren Sitz. Der Künstler hat ein Sendungsbewusstsein und hat sich hin und wieder wie Zeugen Jehovas schon mit einzelnen Romanen vor eine U-Bahn-Station gestellt, was er dann gleichzeitig im Video aufzeichnet. Mit solchen Aktionen will er das Laufpublikum zum Lesen bringen. Es ist ein gleichsam physischer Einsatz für bestimmte Bücher. Vorübergehende sollen wahrnehmen, dass es noch Bücher gibt, sollen angeregt werden, sich Büchern zu nähern. Daneben geht es dem Gegenwartskünstler um Erinnerungen an das Erlebnis des Lesens, die er dadurch erkundet, dass er nach Vorstellungen und Gedanken fragt, die mit Ungelesenem verbunden sind. Diese Erinnerungen und Vorstellungen archiviert er, als ob es sie bald vielleicht nicht mehr gäbe.

Mit der Bibliothek der ungelesenen Bücher tritt Julius Deutschbauer auch in Literaturhäusern? auf, um dort etwa über das Lesen zu sprechen.

Unterstützt wird das Bibliotheksprojekt von der Bundeskuratorin des österreichischen Kulturministeriums, denn oft braucht Julius Deutschbauer Geld, um das jeweilige "ungelesene" Buch für die Bibliothek anzuschaffen und der Bibliothek einzuverleiben, auch wenn es bereits (mehrfach) vorhanden ist.

Anscheinend, so eine Erkenntnis der letzten Jahre, gibt es eine handvoll Bücher, die man "immer schon mal" lesen wollte, deren Lektüre man aber auf später verschiebt.

Das Bild stammt von S. Hofschlaeger / pixelio.de.

Übrigens ...

Das skurrile Bibliotheksprojekt erzeugt nicht selten auch skurrile Interviews?. Etwa das mit H.C. Artmann?, der sagte: "Ätsch, ich hab' den 'Mann ohne Eigenschaften' nicht gelesen, da lese ich ja lieber 'Micky Maus'". Während des gesamten Interviews hat er sich über Leute lustig gemacht, die den "Mann ohne Eigenschaften?" lesen oder gelesen haben.

Literatur

  • Reddeker, Lioba, Galerie Ropac, Thaddaius (Hrsg.): Die Bibliothek ungelesener Bücher in fünfzehn Portraits. Köln 2000. 96 Seiten mit Abbildungen, gebunden. ISBN 3-89770-108-1.

Adresse

brick-5
Fünfhausgasse 5
AT-1150 Wien

Tel. 0043 (0)1 966 96 28
Fax. 0043 (0)1 897 38 46
E-Mail: office(@)brick-5.at

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