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Carpe diem

von
Autumn Cornwell

Dieses Buch ist ein Grund für hervorragende Laune, ein sehr guter Grund! Es ist die Geschichte der ziel- und erfolgsorientierten 16-jährigen Amerikanerin Vassar Spore, die nicht nur nach einem Elitecollege bei Seattle benannt ist, sondern auch bereits genau weiß, wie ihre Karriere in den kommenden Jahren aussehen wird, wen sie heiraten und wie viele Kinder sie haben wird. Das alles zu planen ist eine Kunst, aber mit einem Effizienzspezialisten als Vater und einer Lebensberaterin und Supervisorin als Mutter wird detaillierte Planung zur täglichen Gewohnheit und verschafft das beruhigende Gefühl von Sicherheit und Konstanz.

Kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag bekommt diese Sicherheit allerdings einen Riss, als die künstlerisch tätige Großmutter aus Malaysia Vassar zu einer Reise durch Südostasien einlädt. Weder den Eltern ist das recht noch ihr selbst, gefährdet doch eine mehrwöchige Reise den ausgefeilten Arbeitsplan zur Vorbereitung auf die Collegekarriere. Doch die Großmutter setzt sich durch, wobei es allem Anschein nach zu einer Art Erpressung kommt, der Vassar auf die Spur kommen möchte. Sie macht sich also mit zehn Koffern auf in diese fremde und unberechenbare Weltgegend, fest entschlossen, Ausländern, Bakterien und auch den Irritationen durch die Großmutter zu widerstehen. Bereits bei der Ankunft entstehen aber unvorhersehbare Situationen, die an der mühsam aufrechterhaltenen Selbstsicherheit rütteln. Und ob es um Landessitten, Großmutter Gerds Planlosigkeit oder den Vassar aufgedrängten “Babysitter” Hanks geht - stets zerbröseln Vassars Planungen und Vorsätze wie Sandburgen und lassen sie rat- und hilflos zurück, oft genug in absurden Gefahrensituationen.

Dieses Aufeinanderprallen von Mentalitäten schildert Cornwell? so tempo- und gagreich, so nachvollziehbar und mitfühlend, dass der Leser aus dem Lachen und oft auch aus Rührung und Mitleid kaum herauskommt. Stück für Stück verliert Vassar, von ihrer Großmutter Frangipani genannt, jeden Halt, den sie bisher aus festgefügter Wohlgeordnetheit und “Zivilisiertheit” bezog und muss sich spontan dem Jetzt und den damit verbundenen Unwägbarkeiten stellen. Sie gerät, oft aus eigener Schuld und mangelndem Einfühlungsvermögen, in gefährliche Abenteuer, zu denen auch eine vorsichtige Verliebtheit in den “unmöglichen” Hanks gehört.

Mehr soll nicht verraten werden, denn dieses Buch muss man selbst lesen. Die Geschichte entwickelt sich noch sehr rasant weiter, schlägt immer wieder Haken und macht oft atemlos vor Tempo und Spannung. Dabei wechselt kurzzeitig die Erzählebene, wenn Vassar E-Mails an ihre Freundinnen zu Hause schreibt, ihre Erlebnisse in die Form eines als Prüfungsarbeit angelegten Romans kleidet oder versucht, in bewährter Weise ihre Ziele für den nächsten Tag zu formulieren.

Erstaunlich ist dabei erstens die Glaubwürdigkeit selbst verblüffender Wendungen, hinter der man die eigenen Erfahrungen der Autorin mit den beschriebenen Ländern, Menschen und Situationen spürt. Die zweite Überraschung ist die durchgängig flotte und authentische Sprache, die bei aller Umgangssprachlichkeit dennoch Variabilität und Anspruch in Wortwahl und Satzbau erkennen lässt und niemals den Gedanken aufkommen lässt, dass es sich ja um eine Übersetzung handelt. Großes Kompliment also für die Übersetzerin Martina Tichy?! Zahlreiche lateinische Sentenzen (Vassar besucht immerhin den Latein-Leistungskurs!) erfreuen durch Einfallsreichtum und sprachliche Sicherheit und bezeugen die oft bestrittene Praxistauglichkeit dieser “toten” Sprache. Und wahrscheinlich wäre auch eine Trekkingreise auf Vassars Spuren dank der exakten reiseführerähnlichen? Schilderungen von Orten, Sehenswürdigkeiten und lokalen Gegebenheiten machbar und sehr reizvoll.

Am Ende jedenfalls hat Vassar (und mit ihr die Leser/innen) den Wahrheitsgehalt des Titelzitats “Lebe den Tag” begriffen und verinnerlicht, ohne Wünsche und Pläne für ihr weiteres Leben zu verraten. WANN GIBT ES DIESES BUCH ALS FILM?

Originalbeitrag unter www.alliteratus.com

Literaturangaben

  • CORNWELL, AUTUMN: Carpe diem. Aus dem Englischen von Martina Tichy. Carlsen Verlag, Hamburg 2008. 384 S., 14,90 €, ISBN: 978-3551581679 (ab 15 Jahren)


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