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Der Duft der Farben

von
Preethi Nair

Der Wecker klingelt. Augen reiben, gähnen, aufstehen, das warme Bett verlassen, schnell unter die warme Dusche springen, dann die Zähne putzen, anziehen und aus dem Haus rennen, damit der Vorortzug nicht ohne sie abfährt.

Das ist der Alltag von Nina, Engländerin mit indischen Wurzeln. Oder sollte man besser sagen: Inderin mit englischen Wurzeln? Ihr Alltag jedenfalls ist grau, wie so viele Alltage, die wir uns jeden Morgen, jeden Wochentag, und manchmal auch am Wochenende überstreifen. Wie einen Anzug. Er sitzt fest, er kneift. Er ist nicht unbedingt hübsch. Er hat eine hässliche Farbe. Wenn man „grau“ überhaupt als Farbe bezeichnen kann.

Und nach Farben dürstet es die junge Frau, die zwischen zwei Kulturen aufwächst. Ihr Leben ist das einer Anwältin, die aufstrebende Künstler vertritt. Darunter sind viele, die es ihren Augen gar nicht verdient hätten und denen sie nichtsdestotrotz tagein und tagaus Honig um den verwöhnten Mund schmiert. Eigentlich weiß sie, dass sie selbst gern auf der anderen Seite des Tisches sitzen würde. Sie will malen. Schon als Kind kleckst sie weißes Papier mit Farbe voll und produziert Bilder, die ihre Eltern achtlos wegwerfen, anstatt sie an die Kühlschranktür zu heften oder an die Wand zu hängen. Ihr Eltern halten nichts von Kunst.

Ihre Mutter ist Hausfrau, die jeden Morgen die rotis für das Abendessen rollt, ihr Vater ist Busfahrer und repariert nebenbei Fernseher. Für ihn ist Kunst bloße Zeitverschwendung. Er war es auch, der Nina von einem Jurastudium überzeugte. Doch wie bei vielen großen Persönlichkeiten (Robert Schumann fügte sich ebenfalls dem Willen seines Vaters und studierte Jura, bevor er ein weltberühmter Komponist wurde) bricht sich irgendwann der Freiheitswille Bahn.

Der Alltag wird zu eng: die Anzugjacke platzt. Nina kündigt ihren Job und verbringt ihre freien Tage in der Tate Gallery, bei einer Ausstellung des Expressionisten Henri Matisse, ohne ihren Eltern davon etwas zu erzählen. Die suchen in der Zwischenzeit nach einem geeigneten Heiratskandidaten für ihre Tochter.

„Es blühen immer Blumen für die, die sie sehen wollen.“ Dieser Satz, den sie in einem Buch über den Maler findet, verändert ihr Leben. Matisses Bilder nehmen sie mit auf eine Reise in das Land ihrer Träume und Vorstellungen, dorthin, wo der Alltag in Regenbogenfarben leuchtet. Sie lernt eine junge Australierin kennen, mietet ihr Atelier und beginnt zu malen. Und erfüllt damit ein Versprechen, das sie ihrer todkranken Freundin Ki auf dem Sterbebett gab: sich selbst zu finden.

Fast ist es Preethi Nairs? eigene Lebensgeschichte, die sie in ihrem Roman „Der Duft der Farben“ niederschreibt. Auch sie stammt aus Indien, auch sie hängt den sicheren Job einer Unternehmensberaterin an den Nagel, um zu schreiben, und als niemand ihr erstes Buch will, gründet sie eben selbst einen Verlag.

Der englische Originaltitel lautet Beyond Indigo – Jenseits von Indigo, wobei das dunkle Indigoblau für die Trauer und den Schmerz steht, die Nina erfährt. Eine Farbe, die sich auch durch Ninas Bilder zieht und die sie Stück für Stück hinter sich lässt. Und ein dunkles, trauriges Blau, das auch Sie hinter sich lassen, nach der Lektüre dieses Romans.

Autorin: Maria Kotzur

Literaturangaben

  • Nair, Preethi: Der Duft der Farben. Roman. Droemer/Knaur Verlag, München, 2007, 384 Seiten, 8,95 €, ISBN: 978-3-426-63668-8


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