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Darwisch, Mahmoud

Mahmoud Darwisch (geb. 13. März 1941 in al-Barwa bei Akko; gest. 9. August 2008 in Houston/Texas) war ein palästinensischer Schriftsteller.

Leben

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Mahmoud Darwisch (andere Schreibweise: Darwish) wurde am 13. März 1941 in al-Barwa, einem galiläischen Dorf nahe der Stadt Akko, geboren. Im Jahr 1948 war seine Familie aufgrund des israelischen Unabhängigkeitskrieges gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen. Sie flohen in den Libanon, den sie 1949 wieder verließen, um trotz des israelischen Rückkehrverbots wieder in die Heimat zurückzukehren. Allerdings existierte al-Barwa zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Mahmoud Darwisch besuchte in Nazareth die Sekundarschule und lernte dort auch Hebräisch. Nach der Schulzeit begann sein politisches Engagement. Er zog 1960 nach Haifa und wurde Herausgeber? einer Parteizeitschrift der Rakah. 1970/1971 erhielt er von der kommunistischen Partei ein Stipendium, um in Moskau zu studieren. Das Studium brach er nach einigen Monaten, aus Enttäuschung über die dortigen Bedingungen, wieder ab. Wegen der in Israel erfahrenen Diskriminierungen sah er jedoch von einer Rückkehr ab und wählte den Weg ins Exil.

Foto: Amer Shomali / www.wikipedia.org

„Ein Gedächtnis für das Vergessen“

Nach einigen Monaten in Kairo ließ sich Darwisch 1981 in Beirut nieder, wo er das Literaturmagazin? „al–Karmil“ gründete und Direktor des PLO-Forschungszentrums wurde. 1982, zu Beginn des Libanonkrieges, musste er die Stadt infolge der israelischen Offensive verlassen. Jene Ereignisse verarbeitete er im 1987 publizierten Band „Ein Gedächtnis für das Vergessen“.

Einige Zeit später fand er Zuflucht auf Zypern, danach in Tunis sowie Paris. 1986 wurde Darwisch Mitglied des palästinensischen Parlaments, 1987 wurde er in das Exekutivkomitee der PLO berufen, aus welchem er 1993, nur einen Tag nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Oslo, aus Protest gegen die Verhandlungsführung sowie die Zugeständnisse seitens der PLO, wieder austrat.

Ab 1995 wohnte er in Ramallah und Amman, weil die israelischen Behörden ihm die Rückkehr in seine Heimat (bei Akko) noch immer verwehrten. Am 9. August 2008 starb Mahmoud Darwisch in Houston / Texas.

Literarische Arbeiten

Darwischs Werk? kann in vier Schaffensphasen gegliedert werden, welche aufeinander aufbauen und eine Entwicklung von einer stark politisierten Dichtung hin zu einer eher kunstvollen, poetisch gereiften, zum Teil gar hermetischen? bezeugen.

Experimente mit Genres, Gattungen und Formen

Die erste Phase ist die der revolutionären Widerstandsdichtung?. Beeinflusst wird sie vom internationalen kommunistischen Kampf gegen den Imperialismus. Darwisch kreierte eine Symbolik?, in der die Frau, entweder als Geliebte oder Mutter, zur Metapher für die Heimat Palästina wird und der Geliebte bzw. Sohn - der Dichter - die Vereinigung mit ihr durch den Märtyrertod sucht. Dazu inspirierte ihn auch die Literatur Abu Salmans?. Es entstehen unter anderem die Gedichtbände „Vögel ohne Flügel“ (1960), „Ölbaumblätter“ (1964) sowie „Meine Geliebte erwacht aus ihrem Schlaf“ (1970). Der Letztere bildet den Übergang zur Phase der neuen Ästhetik.

Darwisch hinterfragte zusehends seine eigene Märtyrerpoesie aus der ersten Schaffensphase und versuchte, seine Widerstandsdichtung? zu überwinden. Der Autor experimentiert mit Genres, Gattungen und Formen. So entstehen zum Beispiel Gedichte, die Dramen oder Rollenspielen ähneln. Der Gedichtband „Die Vögel sterben in Galiläa“ (1970) leitet jene neue Phase ein und steht zusammen mit der Prosasammlung „Tagebuch der alltäglichen Traurigkeit. Prosa aus Palästina“ (1973) beispielhaft für sie.

Motive der Hoffnung, der Liebe und des Friedens

Die dritte Phase ist die lyrisch-epische. Sie beginnt in den 1980er Jahren und setzt vor allem, neben dem Spiel mit ästhetischen Formen, musikalische Kompositionen um. Der Gedichtband „Es ist ein Lied, es ist ein Lied“ (1984) ist hier beispielgebend. Die Sehnsucht nach dem Frieden ist ein bestimmendes Moment. Darüber hinaus fließen Mythen vergangener Kulturen zunehmend in das Werk? Darwischs ein. Weiterhin wendet sich der Dichter vom Objekt, Palästina, mehr und mehr dem Subjekt, den Palästinensern, zu.

Ab Mitte der 1990er rücken die eigenen Erfahrungen in den Vordergrund seiner Texte. In der poetologisch?-autobiographischen Phase stellt er der Gewalt, welche in dieser Zeit das Geschehen in Israel und den palästinensischen Gebieten bestimmt, eine rein literarische Revolte entgegen, die sich mit Motiven der Hoffnung, Liebe und des Friedens dem Tod und der Unterdrückung widersetzt. Poetische Kraft schöpft er auch aus seinen Erlebnissen des Exils. Die beiden Anthologien? „Warum hast du das Pferd allein gelassen“ (1995) und „Belagerungszustand“ (2002) sind für diesen Schaffensabschnitt beispielhaft.

Bedeutung Darwischs

Zum Einfluss von Darwischs Werk? auf die Gesellschaft merkt H. Mosbahi an: „Überall in der arabischen Welt - an den Universitäten, in den literarischen Clubs und selbst in den Gefängnissen - werden seine Gedichte rezitiert?. In den besetzten Gebieten kann jedes Kind seine Verse auswendig, und die Alten sagen sie mit Tränen in den Augen auf.“

Diese Wertschätzung wird ihm nicht nur in arabischen Ländern zuteil, sondern auch in Ländern mit einem großen Anteil arabischstämmiger Bürger. Das zeigt das Beispiel der Buers in Frankreich. Während ihrer Aufstände Mitte der 1980er Jahre in den französischen Vorstädten provozierten sie die Polizei, indem sie ihnen zuriefen: „Dass ihr es wisst, ich bin Araber!“ - eine aus den 1970er Jahren bekannte Parole Darwischs. Vor allem die jungen palästinensischen Kämpfer wappneten sich während der Intifada auch mit Versen von Darwisch. Seine Texte bewegen die Araber heute noch - junge wie alte. Er ist in allen Bevölkerungsschichten populär, und besonders Jugendliche schöpfen im Kampf gegen die Unterdrückung - gleich ob in Palästina respektive Israel oder Frankreich - Kraft aus den Worten Darwischs. So wird er „zum Symbol und zur moralischen und politischen Instanz seines gequälten Volkes.“ (Mosbahi)

Überdies hat die Dichtung in der arabischen Welt traditionell eine große Bedeutung. Besonders schwere Zeiten, wie sie die Palästinenser nach 1948 erlebten, erheben „die nationale Dichtung zu einem einigenden und die bedrohte Gemeinschaft stärkenden Band.“ (Embaló; Neuwirth; Pannewick 2001: 72, 73)

Übrigens ...

Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Mahmoud Darwisch bei Jokers
  • Vögel ohne Flügel (Gedichte). 1960
  • Ölbaumblätter (Gedichte). 1964
  • Ein Liebender aus Palästina (Gedichte). 1966
  • Palästina als Metapher. Gespräche über Literatur und Politik. Palmyra Verlag Heidelberg: 1998. ISBN 3-930378-16-7
  • Ein Gedächtnis für das Vergessen. Beirut, August 1982 (Prosa). Lenos Verlag Basel: 2001. ISBN 3-85787-316-7
  • Weniger Rosen (Gedichte). Verlag Hans Schiler Berlin: 2002. ISBN 3-89930-101-3
  • Wir haben ein Land aus Worten. Ausgewählte Gedichte 1986–2002. Ammann Verlag Zürich: 2002. ISBN 3-250-30013-6
  • Wo du warst und wo du bist (Gedichte). A1 Verlag München: 2004. ISBN 3-927743-71-2
  • Warum hast du das Pferd allein gelassen? (Gedichte). Verlag Hans Schiler Berlin: 2004. ISBN 3-89930-244-3
  • Belagerungszustand (Gedichte). Verlag Hans Schiler Berlin: 2006. ISBN 3-89930-106-4
  • Der Würfelspieler (Gedichte). Aus d. Arab. u. m. e. Vorw. v. Adel Karasholi. A1 Verlag München: 2009. ISBN 978-3-940666-08-6

Sekundärliteratur

  • Embaló, Birgit; Neuwirth, Angelika; Pannewick, Friederike. Kulturelle Selbstbehauptung der Palästinenser. Survey der Modernen Palästinensischen Dichtung. Würzburg: Ergon-Verlag. 2001, 1. Auflage.
  • Hassouna Mosbahi. Der Dichter als Gewissen seines Volkes. In: Darwisch, Mahmoud (Hg.) 1998. Palästina als Metapher. Gespräche über Literatur und Politik. Heidelberg: Palmyra Verlag. 1. Auflage. S. 7-15.
  • Milich, Stephan. Fremd meinem Namen und fremd meiner Zeit. Identität und Exil in der Dichtung von Mahmoud Darwisch. Berlin: Verlag Hans Schiler. 2005, 1. Auflage.

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