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Das Dritte Reich, Band 3: Krieg

von
Richard J. Evans

Mit diesem voluminösen Band? kommt das Riesenprojekt des englischen Professors für Moderne Geschichte von der Universität Cambridge, Richard J. Evans?, eine Gesamtgeschichte des "Dritten Reiches" zu verfassen, zum Abschluss. Und man darf ohne Übertreibung feststellen: Diese drei Bände (erster: "Aufstieg", DVA, 752 Seiten, 39.90 Euro; zweiter: "Diktatur", in zwei Unterbänden, DVA, zus. 1084 Seiten, 69,90 Euro – mittlerweile teilweise auch als Taschenbuch bei dtv) mit zusammen rund 3000 Seiten bilden ein Standardwerk? zum Thema.

Ähnlich wie Ian Kershaw? mit seiner zweibändigen Hitler-Biographie ist es also erneut einem Historiker von der Insel gelungen, eine umfassende Studie? vorzulegen, an der die künftige Forschung nicht vorbei kommt und zu der jeder Interessierte bedenkenlos greifen kann, weil es der Autor verstanden hat, seine Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Forschungsarbeit bei aller wissenschaftlichen Ausrichtung in eine allgemeinverständliche Form zu bringen.

Wie in der historischen Wissenschaft üblich, löst ein solches Monumentalwerk zunächst einmal Einwände und Debatten aus: in Bezug auf seine Quellenauswahl?, auf deren Gewichtung und schließlich auf die das Geschehen und dessen Hintergründe deutende Wertung durch den Autor. Evans beschreibt? durchaus auch Aspekte des Krieges, die bisher – trotz sich biegender Regale? voller Literatur? zum Thema – nicht immer oder nur wenigen geläufig waren. Zum Beispiel dürfte es bisher weitgehend unbekannt sein, dass Hitler es bereits in Polen (wie später bei Dünkirchen) geschehen ließ, dass etwa 150.000 polnische Soldaten ins Ausland, vor allem England, entkamen, von wo sie den Kampf gegen die Nazis wieder aufgenommen haben.

Evans hält weitere überraschende Informationen schon zu den ersten Kriegsmonaten bereit – und das setzt sich zum Feldzug im Westen fort, für den Evans vorrechnet, dass die Franzosen den Deutschen in Bezug auf ihre Ausrüstung sogar überlegen waren. Großen Wert legt Evans darauf, welche ungeheuerlichen Folgen die deutschen Siege für die Menschen in den so dem Willen des Diktators und seiner Handlanger unterworfenen Ländern hatten. Es geht in diesem Band also keineswegs nur um Kriegsgeschichte, sondern vielmehr um eine umfassende Darstellung der Zeit und all der Umstände, unter denen dieser Krieg stattgefunden hat.

Die Schilderung der letzten Monate, in denen die Nazis mit aller Brutalität auch gegen Widerstandsgruppen und Einzelkämpfer wie Georg Elser vorgingen, ist Evans mindestens so packend und informativ gelungen, wie das zu fast allen anderen Aspekten seines Themas auf den vielen Seiten zuvor auch schon der Fall ist. Dabei kommen auch die Luftangriffe auf deutsche Städte zur Sprache. Als Engländer bringt Evans hier eine andere Gewichtung zur Sprache als das gerade in den vergangenen Jahren in Deutschland geschehen ist - und man kann seiner Sicht durchaus eine innere Plausibilität zubilligen. Das Elend der deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten schildert Evans mit gleicher Eindringlichkeit wie zuvor das Leiden anderer Völker. Auch für den Hass, den insbesondere russische Soldaten angesichts der Dutzende Millionen russischer Toter - die Hälfte davon Zivilisten - gegen ihre Peiniger der letzten Jahre hatten und zunächst auch ungehemmt austobten, gibt der Autor eindringliche Beispiele. Wie zu vielen anderen Punkten seiner Untersuchungen und deren Darstellung hat er auch hierzu zahlreiche Einzelquellen wie Briefe? versammelt und zitiert.

Das teilweise minutiös beschriebene Geschehen in diesen letzten Wochen des Nazi-Terrors schien auf die Verwirklichung der Sätze hinauszulaufen, die Hitler an seinen Adjutanten Nicolaus von Below nach dem Scheitern der Ardennenoffensive sagte: "Wir kapitulieren nicht, niemals. Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen." Below hat diese Sätze erst lange nach der Rettung der Welt vor den Allmachtsphantasien der Nazis bekannt gemacht, als die Welt Deutschland und die Deutschen längst wieder in ihrer Mitte aufgenommen hatte. Um das richtig würdigen zu können, sollte Evans‘ Trilogie? zum "Dritten Reich" viele Leser finden: auch solche, die glauben, zu diesem Thema schon alles zu wissen – und alle anderen erst recht.

Autor: Andreas Müller

Literaturangaben

  • Evans, Richard J.: Das Dritte Reich, Band 3: Krieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. 1152 S., 49,95 €, ISBN: 978-3421058003


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