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Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

von
Daniel Paul Schreber

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Als im Jahr 1903 das Buch „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ erschien, hatte sein Autor Daniel Paul Schreber die Heilanstalt Sonnenstein in Pirna bei Dresden gerade als freier Mann verlassen. Schreber, 1842 in Leipzig als Sohn von Moritz Schreber, dem Namensgeber der bekannten Kleingartenbewegung geboren, hatte Jura studiert und eine steile Karriere in der sächsischen Justiz gemacht. 1893 musste er sich jedoch, unter Schlaflosigkeit und hypochondrischen Beschwerden leidend, in die Obhut des Direktors der Leipziger Irrenklinik Prof. Flechsig begeben.

Den „Denkwürdigkeiten“ vorangestellt ist ein Offener Brief an eben jenen Flechsig, in dem Schreber dem Arzt vorwirft, auf sein Nervensystem eingewirkt und dabei eine unrechtmäßige Verbindung seiner Nerven zu Gott hergestellt zu haben. Diese Manipulation sieht Schreber als Ausgangspunkt für eine Nervenkrankheit, deren Auswirkungen er in seinem Buch ausführlich beschreibt. Schreber berichtet von göttlichen Wundern, denen er sich ausgesetzt fühlte, und von dem Wunsch Gottes, mit ihm neue Menschen zu zeugen, weshalb er sich in ein Weib zu verwandeln glaubte.

Zunächst mögen Schrebers Schilderungen Abwehr und Ablehnung hervorrufen. Warum sich auf die Hirngespinste eines Geisteskranken einlassen? Auch der manierierte? Stil des Textes und die tollkühnen Satzkonstruktionen wirken befremdlich. Doch wem es gelingt, die Scheu vor dem Irrationalen zu überwinden, der kann sich der suggestiven Kraft dieses Buches nur schwer entziehen. Dazu trägt bei, dass der Autor als Jurist rhetorisch versiert ist. Aber die Klarheit seiner Argumentation steht im Kontrast zu dem Inhalt seiner Ausführungen. Denn Schreber schildert eine Welt, die von „flüchtig hingemachten Männern“ bevölkert ist, in der Vögel mit ihm sprechen und er sich der Bedrohung durch eine „Kopfzusammenschnürungsmaschine“, durch „Lungenwürmer“, „Schreckwunder“ und „Wollustnerven“ zu erwehren hat.

Man kann die „Denkwürdigkeiten“ als das Zeugnis eines irritierenden und gleichzeitig faszinierenden Wahnsystems verstehen, aber auch als einen grandiosen Fantasyroman? lesen.

Für den Autor hatte das Buch eine existentielle Bedeutung. So verrückt es auch erscheinen mag: Das Manuskript der „Denkwürdigkeiten“ legte Schreber den Richtern am Dresdner Oberlandesgericht in der Berufungsverhandlung gegen seine Entmündigung vor. Zwar beurteilten die ehemaligen Kollegen seine Ausführungen als Ausdruck einer Geisteskrankheit, doch gleichzeitig billigten sie ihm ein logisches Denkvermögen zu und entließen ihn in die Freiheit, gegen den Willen der Ärzte und Angehörigen. Schrebers Familie soll schließlich auch einen Gutteil der Erstauflage? der „Denkwürdigkeiten“ aufgekauft und die Verbreitung der ihren Autor offensichtlich kompromittierenden Memoiren? verhindert haben. Schreber lebte danach einige Jahre mit Frau und Adoptivkind in Dresden, bis er sich wieder in eine Anstalt begeben musste, wo er 1911 in geistiger Umnachtung verstarb.

Dass das Buch heute als die wichtigste und meistzitierte Darstellung eines Psychiatriepatienten gilt, ist Sigmund Freud zuzuschreiben. Freud widmete Schreber eine seiner großen Fallgeschichten. Auch nach Freud haben sich Schriftsteller und Philosophen wie Walter Benjamin?, Arnold Zweig? und Elias Canetti? mit dem Buch auseinandergesetzt, das aufgrund seiner Vielschichtigkeit bis heute Psychoanalytiker und Psychiatriehistoriker zu immer neuen Interpretationen herausfordert.

Wenn 2011 der hundertste Todestag von Daniel Paul Schreber begangen wird, ist zu wünschen, dass seine „Denkwürdigkeiten“ von einem großen Publikum entdeckt und als eindrucksvolles literarisches Werk? und denkwürdiges Zeugnis einer tragischen Lebensgeschichte gelesen werden. Unbedingt empfehlenswert ist die im Psychosozial-Verlag erschienene faksimilierte Neuauflage der Originalausgabe mit einem informativen Nachwort? von Gerd Busse? und einem umfangreichen Personen- und Sachregister?.

Autor: Thomas R. Müller

Literaturangaben

  • Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage: „Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden?“ Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN: 978-3898062626


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