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Ein liebender Mann

von
Martin Walser

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Kann das gut gehen, wenn sich ein 73-Jähriger in eine 19-Jährige verliebt? Natürlich nicht! Diese leidvolle Erfahrung machte 1823 unser Dichterfürst Goethe, als er in Marienbad um Ulrike von Levetzow warb. Goethes Romanze, sonst eher bedacht mit Süffisanz, Häme oder Entrüstung, wird in „Ein liebender Mann auf betörende Weise geadelt zu einer leidenschaftlichen, aufrichtigen Liebe, die in den Augen der Welt aber nur eines ist: peinlich, skandalös, unmöglich!

In drei Teilen entfaltet Walser seine anrührende Liebesgeschichte?:

Erster Teil

Das Wiedertreffen mit den Levetzows in Marienbad wirft den alten Goethe vollständig aus der Bahn. Was in den Vorjahren als Sommergeplänkel begann und als kleines Flämmchen sein Herz erwärmte, lodert augenblicklich auf zu einem Feuersturm der Liebe. Das ungleiche Paar macht Furore. Der Dichter und die anmutige Ulrike, die mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern im böhmischen Kurort verweilt, stehen unter Dauerbeobachtung. Ständig sieht man sie beieinander: ob auf der Kurpromenade oder bei der Verlobungsfeier von Dr. Rehbein, der sich eine 30 Jahre jüngere Braut auserkoren hat. Spätestens beim Kostümball des Königs von Württemberg wird offensichtlich, dass die beiden mehr verbindet als bloße Freundschaft: Goethe hat sich als Werther? verkleidet und seine Ulrike als Lotte, unabgesprochen und doch keineswegs zufällig.

Goethe durchlebt eine Hölle von rasender Eifersucht und gnadenloser Selbstkritik. Er quält sich (zu Recht) mit zermürbenden Rechenbeispielen: „Wenn er, 74, sie, 19, heiraten würde, wäre sie, 19, die Stiefmutter seines Sohnes Augusts, 34 und seiner Schwiegertochter Ottilie, 27.“ (S. 25). Alle Versuche, den Altersabstand klein zu rechnen oder anhand anderer Paare zu relativieren, scheitern kläglich. Und doch lässt sich mit bloßem Verstand nichts ausrichten: „Meine Liebe weiß nicht, dass ich über 70 bin. Ich weiß es auch nicht.“ (S. 98) Schließlich geht Goethe aufs Äußerste, riskiert sein Ansehen und den häuslichen Frieden: Er bittet den Großherzog, die Mutter aufzusuchen und für ihn um Ulrike anzuhalten. Dieser kommt der Bitte sofort nach, nicht ohne den Antrag mit „Wirklichkeiten“ (Witwenpension etc.) auszustatten, die Goethe äußerst peinlich sind.

Zweiter Teil

Als die Levetzows nach Karlsbad abreisen, kommt Goethe nach. Obwohl Ulrike einer Heirat grundsätzlich nicht abgeneigt zu sein scheint, dringt Goethe nicht weiter in sie, meidet alles, was aufdringlich erscheinen könnte, schon um sich wohltuend von seinem Nebenbuhler abzusetzen. Sie genießen die gemeinsame Zeit, wandern, dinieren, diskutieren. Goethe lässt die Ovationen zum gefürchteten 74. Geburtstag über sich ergehen und gießt seine Liebesqual in Verse, kaum dass er die Kutsche nach Weimar bestiegen hat: Die berühmte Marienbader Elegie? entsteht. (Sie wird in ganzer Länge abgedruckt?).

Dritter Teil

Wie es Goethe in Weimar ergeht, offenbart der dritte Teil, der wie ein Briefroman? beginnt. Als gelungenes Wagnis muss man die von Walser erfundenen Liebesbriefe? bezeichnen; was der Nachwelt verloren ging, zaubert er wieder hervor, so stilsicher und empfindsam, dass man es gern für authentisch halten möchte. Darin lässt er Goethe vehement seine „zweite Pubertät“ verteidigen: „Das ist kein Künstlerprivileg. Es ist kein Geschenk der Natur. Es will erworben sein durch Arbeit“ (S. 222).

Im Haus am Frauenplan inszeniert Goethe ein groß angelegtes Täuschungsmanöver. Er spielt den Entsagenden, um die argwöhnische und aufgebrachte Ottilie zu versöhnen, die ihn als „Lustgreis“ und Ulrike als „Ehrgeizhure“ beschimpft. Wie sonst soll er dem bösen Klatsch die Grundlage entziehen? Er treibt ein Versteckspiel, besticht seine Diener, schickt heimlich Briefe? zu Ulrike nach Straßburg und entwickelt allerlei Strategien, um seinen Gemütszustand vor den lauernden Augen der Familie zu verbergen. Das zermürbende Warten auf weitere Lebenszeichen von Ulrike treibt ihn in immer tiefere Verzweiflung und wirft ihn schließlich aufs Krankenlager. Die Entscheidung fällt, als die Levetzows plötzlich in Weimar auftauchen.

Die Figuren

Tiefschichtig und fesselnd sind Walsers Hauptfiguren angelegt:

Goethe

Goethe Gemütszustand als Liebeskranker korrespondiert mit dem des jungen Werther?, mit dem er als Autor berühmt geworden ist: Auch Goethe ist am Ende nahe daran, sich umzubringen. Was rasender Liebesschmerz bedeutet, beschreibt Walser in grandiosen Sprachbildern. Er nimmt Goethes letzte Liebe ernst, verharmlost sie nicht zu bloßer Verliebtheit oder Altersgeilheit. Er reißt den Leser mit in einen Gefühlsstrudel ohnegleichen. Höhenflüge und Abstürze liegen stets nah beieinander.

Wie ein Seismograph reagiert Goethe auf alles, was mit Alter, Aussehen und Gesundheit zu tun hat. Komplimente über den „jugendlichen Greis“ verletzen ihn. Ein „Verjüngungsdiener“ müsste her! Mühsam sucht er altersbedingte Schwächen und Ticks zu verbergen. Als Liebender ist Goethe natürlich noch weniger frei von Eitelkeiten als sonst: Alles, was ihn in Ulrikes Augen begehrenswerter erscheinen lässt, wird ihm zum Balsam auf der Seele. Selbst die Begegnungen mit Napoleon müssen dafür herhalten.

Walsers Roman handelt? nicht nur vom liebenden Mann, sondern mindestens ebenso von Goethe, dem Dichterfürsten?! Man schaut ihm über die Schulter, wie er Einfälle und Erlebtes sogleich in Literatur umsetzt und wie er durch Schreiben versucht, seine Lebenskrisen zu bewältigen. Doch es geht auch um die Tragik eines Geistesheroen, der schon fast zum lebenden Denkmal geworden ist.

Chancenlos kämpft Goethe um die Anerkennung der Jugend, die seinen „Lehrjahren?“ nichts mehr abgewinnen kann. Auch seine naturwissenschaftlichen Forschungen, allen voran die Farbenlehre, muss Goethe gegen neue Zeitströmungen verteidigen. Überhaupt ist der Zeitgeschmack ein anderer geworden: Schubert statt Zelter! Sein „Sehnsuchtslied“ wird zur „Schmerzraserei“, die einem die Seele aus dem Leib reißt. (S. 62).

Ulrike und die anderen

Ulrike kreiert der Autor als unverdorbenes Naturkind, zugleich als aufmüpfige, von Goethes Weltruhm uneingeschüchterte „Contress“, deren Widerspruch und frische Weltsicht den alten Dichter anrührt und beflügelt. Die besitzergreifende Ottilie dagegen rückt die Vorstellung eines beschaulichen Lebens am Weimarer Frauenplan scharf zurecht. Goethes Männerfreundschaften, seine Verehrerinnen, seine früheren Liebschaften – alles das bringt frische Farbe in ein womöglich angestaubtes Goethebild?.

Der Roman, geschrieben von einem Goetheverehrer für Goetheverehrer, ist gespickt mit amüsanten, geistreichen Dialogen?. Über allem liegt ein melancholisch-ironischer Grundton. In vielen Wortspielen?, Sprachbildern und Bonmots? sitzt bitterer, nicht mehr zu übertreffender Sarkasmus?. Der Lesegenuss entspringt dem Jonglieren mit unterschiedlichen Stilen: die Weimarer Hofsprache, Goethes altväterlich belehrender Sprachton, das kesse unschuldsvolle Parlieren einer Ulrike. Wer der stilistischen Meisterschaft Walsers nichts abgewinnen kann, für den ist dieses Buch verloren.

Die Spaltung der Leserschaft? lässt sich sicher voraussagen: Die einen werden das Buch schnell beiseite legen, gelangweilt, überfordert, vielleicht sogar angewidert von der Liebestrunkenheit eines Greises. Die anderen werden Seite? für Seite verkosten, langsam und genüsslich wie die handgemachten Pralinen eines preisgekrönten Konditormeisters. Fazit: Ein mitreißendes, höchst anrührendes und emotionales Buch! Ein Muss für Goethe-Liebhaber?! Den Roman gibt es mittlerweile auch als Ohrenschmaus: Der Autor selbst hat 2008 den leicht gekürzten Text für das Hörbuch gesprochen.

Autorin: Claudia Renninger Hufgard

Literaturangaben

  • Walser, Martin: Ein liebender Mann. Roman. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2008. 288 S., 19,90 €, ISBN: 978-3498073633
  • Hörbuch-Ausgabe, gesprochen von Martin Walser: Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN: 978-3455305845

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