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Das finstere Tal

von
Thomas Willmann

Thomas Willmann?, Kulturjournalist und Filmkritiker, wurde 1969 in München geboren und studierte nach seinem Schulabschluss Musikwissenschaft. Seit seinem Abschluss der Hospitanz beim Radiosender „Bayern4 Klassik“ ist er als freier Kulturjournalist tätig, daneben hat er Lehraufträge der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (hauptsächlich zum Thema Filmmusik) und arbeitet seit 2007 auch als Übersetzer. Mit „Das finstere Tal“ schrieb er seinen Debütroman?. Seine, wie Willmann selbst sagt – etwas seltsamen – Schutzheiligen zu diesem Werk sind Ludwig Ganghofer? und Sergio Leone.

Mit einem vollbepackten Maultier wandert ein Mann über einen schmalen Bergpfad in ein von der übrigen Menschheit vergessenes Hochtal. Die Bewohner des im Tal gelegenen Dorfes – mitsamt den umliegenden Höfen zählt man gut zwei Dutzend Häuser – empfangen den Fremden mürrisch und voller Misstrauen. Der Fremde will eine Bleibe über den Winter, um zu malen, und erst nachdem er dem anscheinenden Führer des Dorfes zeigt, dass er in der Lage ist, gut dafür zu bezahlen, gewährt man ihm gönnerhaft das Bleiben. Als bald darauf zwei schwere Unfälle passieren, scheint´s, als habe das Böse Einzug ins Tal gehalten …

Ein Debütroman von Thomas Willmann. Ein historischer Roman – oder doch eher ein Heimatroman? in Westernmanier? Ein Buch mit gerade mal gut 300 Seiten. Was darf man von einem Buch erwarten, dessen Schauplatz ein abgelegenes Bergdorf mit feindseligen Bewohnern ohne Lachen, ohne Humor, ohne Freude und ohne Zukunft ist? Man muss sich überraschen lassen und zweifelsohne – man wird überrascht!

Der Autor versteht es, aus der Fülle seines brillanten sprachlichen Kosmos gezielt und pointiert Sätze zu kreieren, die ohne Schnörkel eine geballt dichte und bedrängte Atmosphäre schaffen. Der Leser gerät schon nach wenigen Zeilen in einen unerbittlichen Sog, der ihn stets weiter in die Geschichte zieht und ihn nicht mehr loslässt.

Greider, der Fremde, wird nur von der Gaderin, einer Witwe, die ihm Unterkunft gewährt, und ihrer Tochter Luzi richtig wahrgenommen und akzeptiert, und so meidet er möglichst alle anderen Bewohner des Tals, um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Thomas Willmann zeichnet das ganze Geschehen, die tägliche schwere Arbeit, die Aufgabe jedes Einzelnen und auch die grausig schweren Unfälle, die passieren, beinhart realistisch, aber niemals reißerisch oder effektheischend.

Es scheint, als bediene sich der Autor einer unerkennbaren Macht, sich im Kopf des Lesers zu platzieren und ihm die Gedanken und Gefühle der Figuren zuzuflüstern. Seine Protagonisten und Darsteller lässt er ohne viele Worte agieren. Man meint, einer Begegnung zweier unterschiedlicher Welten zuzusehen, die sich zögernd aufeinander zubewegen, sich umkreisen, aber niemals treffen. Detailverliebt, akribisch und in impressionistischem Kolorit malt Willmann den Vorspann zum Hauptfilm.

Mit dem einsamen Hochtal als Bühne spürt der Leser beinah körperlich die Beklemmung, die Einsamkeit und das Lauern der unbegreiflichen Gefahr im Hintergrund. Wirkt zuerst alles gemächlich träge und auch auf eine düstere Art idyllisch impressionistisch, so weiß man dennoch, dass dieser stille Friede nicht von Dauer sein kann.

Auf einmal wechseln Schauplatz und Zeit. Abrupt und ohne jede Vorwarnung und Einführung wohnt man plötzlich einer schier unglaublichen Handlung bei, die einem nicht nur den Atem stocken, sondern direkt das Blut in den Adern gefrieren lässt. Mit einem kräftigen Ruck zieht der Autor plötzlich das Tempo an und der Leser wird förmlich hineinkatapultiert in eine unfassbare und unbegreifliche Welt menschlicher Abgründe. Wie in einem Film spulen sich plötzlich die Ereignisse ab und man weiß, man müsste nur den Knopf der Fernbedienung drücken, um dem unglaublich brutalen und sadistischen Treiben zu entkommen – aber man tut es nicht. Kann es nicht.

Willmann hat eine Falle gestellt, aus der es kein Entrinnen gibt. Intelligent, raffiniert und doch so still, hat er auf äußerst subtile Weise die Augen des Lesers in sein Buch gebannt, in dem der unglaubliche Film nun immer schneller abläuft. Und obwohl man ahnt, dass es für das eigene Gemüt schwer wird dies zu ertragen und sich dies einbrennen wird in das Gedächtnis, ertappt man sich dabei, wie man sich selbst belügt. Noch eine Seite, nur noch eine Seite, dieses Kapitel noch, diesen Absatz …

Und ganz plötzlich beginnt man zu verstehen, setzen sich all die kleinen Puzzleteile zusammen, begreift man Greiders Handeln, und mit einem Geistesblitz offenbart sich, was man eigentlich schon zu Beginn hätte ahnen müssen – wer Greider eigentlich ist. Und bevor es zum Showdown kommt, begreift der Leser die ganze Inszenierung, und die Grausamkeit des folgenden Geschehens erscheint einem nur mehr als notwendig und gerecht.

Eine perfekte Komposition sozialer Machtspiele, beleuchtet aus einer psychologischen Position, die beim Autor emotionale Intelligenz und immense Empathie voraussetzt. Willmann wird seinen Schutzheiligen mit jeder Szene gerecht. Ein Buch, so ungewöhnlich, so wuchtig und so sprach- und bildgewaltig in kaleidoskopischer Farbbrillanz, das seinesgleichen sucht. Ein Roman, dessen Geschichte noch lange nachwirkt und zweifelsfrei beim Leser das Bedürfnis wachruft, mehr von dem Autor lesen zu wollen.

Autorin: Daniela Loisl

Literaturangaben

  • Willmann, Thomas: Das finstere Tal. Roman. Verlag Liebeskind, München 2010. 314 S., 19,80 €, ISBN: 978-3935890717


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