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Der Körper meines Bruders

von
Léda Forgó

Budapest, Mitte der 1950er Jahre: Eine verheiratete Arbeiterin in einer Konservenfabrik gebiert Zwillinge, doch sie hat wenig Interesse an der Mutterschaft. Also kümmert sich der Vater um das Mädchen Borká und den Jungen Palkó. Mit dem Ungarnaufstand erreicht die Revolution die kleine Familie, durch einen Zufall stirbt der kleine Junge. Zurück bleibt, kaum dass sie laufen kann, seine Zwillingsschwester Borká. Nun muss sie für zwei leben lernen, für sich und für den Bruder, der ihr so fehlt.

Eindrückliche Personen und absonderliche Alltagsdetails

Als sie über dem Unglück auch den Vater verliert, ist sie allein mit ihrer Mutter, die keine sein will. Eine schmerzhafte Entwicklung beginnt, die Borká und den Leser durch die Institutionen und den pittoresken Alltag des real existierenden Sozialismus Ungarns führt und dabei keine bittere Wahrheit auslässt. Partei und Kirche, Schule und Intelligenzia, Budapests großbürgerliche Vergangenheit und die sowjetische Gegenwart, all diese Kräfte zerren an der Seele Borkás und ihrer Mutter, die verzweifelt nach einem gangbaren Weg suchen, mit dem Leben zurechtzukommen.

Eindrückliche Personen und absonderliche Details aus Alltag und Seelenleben durchkreuzen die Geschichte; so entsteht ein Sog, der den Leser immer tiefer in die trotzige Weltsicht der Hauptheldin Borká zieht. Doch kein illustrierendes Panorama wird gezeichnet; widersprüchliche Charaktere? in schwierigen Umständen werden genau und mit kräftigen Farben glaubhaft gemacht; die Dramen einer längst nicht vergangenen Geschichte bekommen Fleisch und Blut.

Ein hochinteressanter und ungewöhnlicher Roman

Léda Forgó? hat einen hochinteressanten und ungewöhnlichen Roman geschrieben, der die jüngste Geschichte Europas nicht nur aus der Perspektive eines widerspenstigen Kindes, sondern mit Blick auf die unverwechselbaren Details des Alltags kleiner Leute erzählt. Forgó kommt ganz ohne politische Deutelei und ohne die üblichen Klischees über Osteuropa aus, die Weltsicht ihrer Protagonistin bewahrt sie davor. Hinzu kommt eine klare, aber ungewöhnliche Sprache: Forgó, die seit 1994 in Deutschland lebt und hier nach einem Studium des Szenischen Schreibens? ihren ersten Roman vorlegt, hat die deutsche Sprache erst nach ihrem Umzug erlernt. Die Sätze?, die sie formt und die bildhaften Szenen, die sie baut, sind eigenwillig und nicht immer elegant, aber eben deshalb besitzt diese besondere Art des Erzählens eine eigene Würze. Zu Recht erhielt die Autorin dafür den Chamisso-Förderpreis? 2008.

Wenn die Hauptheldin Borká am Ende des Buches beginnt, die Gründe für die Zweifel ihrer Mutter zu erahnen, hat man als Leser Bekanntschaft mit einer Protagonistin und ihren Lebensumständen gemacht, die man nicht vergessen wird.

Literaturangaben

  • Forgó, Léda: Der Körper meines Bruders. Roman. Atrium Verlag, Hamburg 2007. 332 S., 19,90 €, ISBN: 978-3855351329


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