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Reimann, Brigitte

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Brigitte Reimann (geb. 21. Juli 1933 in Burg; gest. 20. Februar 1973 in Berlin-Buch) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihre Erzählung "Ankunft im Alltag", die 1961 erschien, begründete eine eigene Gattung in der DDR-Literatur: die Ankunftsliteratur?. In ihren späteren Werken verarbeitete sie ihre politische Desillusionierung durch die DDR.

Brigitte Reimanns Bücher, Tagebücher und Briefwechsel? sind von Angela Drescher? im Aufbau Verlag herausgegeben worden.

Leben und Schreiben

Brigitte Reimann wurde 1933 als ältestes von vier Geschwistern in Burg bei Magdeburg geboren. Im Oktober 1947, als 14-Jährige, erkrankte sie an Kinderlähmung und verbrachte sechs Wochen auf der Isolierstation. Am 25. Dezember desselben Jahres beschloss sie, Schriftstellerin zu werden.

Erste Schritte als Autorin

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1950 errang sie den ersten Preis beim Ideenwettbewerb für Laienspiele an der Volksbühne der DDR, 1951 wurden die ersten Laienspiele der Abiturientin in Berlin gedruckt. Statt im Weimar Theaterwissenschaften zu studieren wie ursprünglich geplant, wurde Brigitte Reimann dann jedoch Lehrerin und schrieb gleichzeitig weiter. Im Februar 1953 verfasste sie die Erzählung "Die Denunziantin". Sie wurde in die Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren des Schriftstellerverbandes Magdeburg aufgenommen und entschied sich im September 1953, als freie Autorin zu arbeiten. Ebenfalls im Jahr 1953 heiratete sie den Maschinenschlosser Günter Domnik.

1954 erlitt Brigitte Reimann eine Fehlgeburt, ein anschließender Selbstmordversuch scheiterte. Ein Jahr später erschien ihre Erzählung "Der Tod der schönen Helena". Bekannt wurde sie mit der Erzählung "Die Frau am Pranger", die 1956 im Verlag Neues Leben, Berlin, erschien und 1962 als Fernsehspiel neubearbeitet wurde. Reimann schildert darin die Liebesbeziehung einer jungen Bäuerin zu einem russischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkriegs. Das Buch gehörte zu den meistbesprochenen Neuerscheinungen? der damaligen Zeit, und seine Autorin wurde noch im selben Jahr in den Deutschen Schriftstellerverband? aufgenommen.

"Ankunft im Alltag"

1958 ließ sich Brigitte Reimann von Günter Domnik scheiden, ein Jahr später heiratete sie den Schriftsteller Siegfried Pitschmann?. 1960 ging das Ehepaar nach Hoyerswerda. Hier arbeiteten sie im Braunkohle-Kombinat "Schwarze Pumpe" und leiteten nebenbei einen Zirkel Schreibender Arbeiter?. In Hoyerswerda entstand auch die 1961 erschienene Erzählung "Ankunft im Alltag". Sie handelt von drei jungen Abiturienten, die für ein Jahr in die "Schwarze Pumpe" gehen. Jeder der drei reagiert anders auf die Schwierigkeiten, mit denen sie in der ungewohnten Arbeitswelt konfrontiert werden. Zwei der Charaktere verkörpern Ruhe und Zielstrebigkeit, auch Begeisterungsfähigkeit. Der dritte wehrt sich zunächst mit Zynismus gegen die Anforderungen dieser fremden Umgebung. Welchen Weg er zuletzt einschlagen wird, bleibt offen.

Das Buch galt als Musterbeispiel des Sozialistischen Realismus?. Es wurde mit Begeisterung aufgenommen, vor allem bei den Jugendlichen, die darin ihre eigenen Fragen und Probleme wiedererkannten. Man sah darin ein besonders gelungenes Zeugnis für die Verwirklichung des Bitterfelder Wegs? - eines Ende der 1950er-Jahre beschlossenen Programms, das unter dem Motto "Greif zur Feder, Kumpel" die Arbeiter in der DDR der Kunst und Kultur näherzubringen suchte und mit diesem Ziel viele Schriftsteller in die Fabriken führte. Brigitte Reimann erhielt für das Buch 1962 den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sein Titel stand Pate für eine ganze Gattung der DDR-Literatur: die Ankunftsliteratur?.

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In Hoyerswerda entstand unter anderem auch die 1963 erschienene und später mit dem Heinrich-Mann-Preis? ausgezeichnete Erzählung "Die Geschwister". Gemeinsam mit Siegfried Pitschmann verfasste Brigitte Reimann zudem mehrere Hörspiele. 1963 wurde sie in den Vorstand des Deutschen Schriftstellerverbandes gewählt. Im selben Jahr begann sie mit der Arbeit an ihrem großen, unvollendeten Roman "Franziska Linkerhand". Zu dieser Zeit war die Ehe mit Siegfried Pitschmann bereits zerrüttet, Brigitte Reimann hatte Jon K. kennengelernt, der 1964 ihr dritter Ehemann werden sollte. Heute, nach der Wende, glauben Freunde und Vertraute von Brigitte Reimann in Jon K. den "IM Ewald" aus ihren Stasi-Opferakten wiederzuerkennen. In "Franziska Linkerhand" begegnet er in der Figur des "Ben" wieder, des Geliebten der Titelheldin.

In das Jahr 1964 fiel eine Sibirienreise. Brigitte Reimann nahm als Delegierte des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend daran teil. Zur Reisegruppe gehörte auch die Schriftstellerin Christa Wolf. Die beiden Frauen freundeten sich an und schrieben sich danach regelmäßig.

"Franziska Linkerhand"

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Brigitte Reimanns letzter und größter Roman blieb unvollendet?. Als die Schriftstellerin 1973 an Krebs starb, hatte sie bereits zehn Jahre lang an diesem Buch gearbeitet und es nicht beenden können. Der Grund dafür liegt nicht nur im Scheitern auch der dritten Ehe, die 1970 geschieden wurde, wenngleich dadurch die zunächst positive Besetzung des Geliebten "Ben" völlig in Frage gestellt wurde. Stärker wiegen die wachsende Ernüchterung und Desillusionierung durch die DDR, die sich die Autorin mit der Zeit immer mehr eingestehen musste.

In den inneren Kämpfen ihrer Titelheldin Franziska Linkerhand spiegelt sich dieser Prozess wider. Als junge, idealistische Architektin kommt Franziska in das Braunkohle-Kombinat Neustadt (Hoyerswerda). Sie möchte mithelfen, eine menschenwürdige Stadt für die Arbeiter des Kombinats zu bauen. Doch die triste Neubausiedlung, die da auf dem sandigen Boden hochgezogen wird, spricht diesen Idealen Hohn. Am eigenen Leib und der eigenen Seele spürt Franziska, wie dieses ehrgeizige Projekt in Wahrheit den sozialen Zerfall begünstigt. Reimann hat das Dilemma der Heldin, das - über die Architektur hinaus - auch ihr eigenes war, in Form langer Debatten über den sozialistischen Städtebau in das Buch eingearbeitet. Doch auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Buch während des Schreibens von einer Hymne auf die DDR zu einer Kritik an diesem Staat gewandelt hatte. Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" 1968 markiert einen wichtigen Meilenstein auf diesem Weg.

Im Jahr des Überfalls auf die CSSR erkrankte Brigitte Reimann an Krebs. Sie zog von Hoyerswerda nach Neubrandenburg. Hier hoffte sie nach ihrer Scheidung von Jon K. in der Ehe mit Dr. Rudolf B. die langgesuchte Geborgenheit zu finden. 1973 starb die Schriftstellerin, erst 39-jährig, an ihrer Erkrankung in Berlin-Buch. Bis kurz zuvor hatte sie unter großen Mühen an ihrem Roman gearbeitet. Der letzte geschriebene Satz lautet: "Fr. hatte den Zweikampf verloren, noch ehe sie ihn antrat."

Ein Jahr später erschien "Franziska Linkerhand" als unvollendeter Roman aus dem Nachlass. Heute weiß man, dass der Lektor des Berliner Aufbau-Verlages mit rund hundert Änderungen am Text zahlreiche Kompromisse eingegangen ist, damit das Buch überhaupt herauskommen konnte. Die Zensoren trugen das Ihre dazu bei: Anspielungen auf Suizide (wegen der hohen Rate in der DDR ein Tabu) wurden unkenntlich gemacht, sexuelle Schilderungen abgeschwächt und kritische Äußerungen zur Berliner Mauer gestrichen. Die Autorin hatte diese Äußerungen vorsichtshalber schon Nebenfiguren in den Mund gelegt. Auch ein Monolog "Bens" über seine vierjährigen Bautzen-Haft wurde gestrichen. Brigitte Reimann hatte zuletzt überhaupt nicht mehr mit einem Erscheinen des Buches in der DDR gerechnet und einem Freund einen Durchschlag des Typoskripts? anvertraut, damit es eventuell im Westen herausgebracht werden konnte.

1998, neun Jahre nach der Wende, veröffentlichte der Aufbau-Verlag "Franziska Linkerhand" in unzensierter Fassung, zeitgleich mit dem zweiten Band von Brigitte Reimanns Tagebüchern. Bereits 1997 war der erste Band erschienen. In diesen privaten Aufzeichnungen, die ab 1955 erhalten sind, zeigt sich die Schriftstellerin als scharfblickende und ironische Betrachterin ihrer Umwelt. Ob sie die DDR vor deren Zusammenbruch verlassen hätte, diese Frage bleibt durch ihren frühen Tod unbeantwortet.

Übrigens ...

hat Brigitte Reimanns Leben und Werk zahlreiche Künstler inspiriert:

  • Im Jahr 2004 wurde ihr Leben unter dem Titel "Hunger auf Leben" verfilmt. Die Hauptrolle spielte Martina Gedeck, Regie führte Markus Imboden.
  • 2006 verfasste die Berliner Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Inés Burdow unter dem Titel „Die Unvollendete“ eine künstlerische Annäherung an Brigitte Reimann - einen Inneren Monolog mit Variationen einer heutigen Sicht auf die Protagonistin als Schriftstellerin und als Frau. Burdow stellte das Stück erstmals im Rahmen der 11. Literaturtage Schwerin vor, bevor die Inszenierung dann ab 2007 in die Theater kam. 2008 war „Die Unvollendete“ im Rahmen der Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag Brigitte Reimanns in Hoyerswerda zu sehen.
  • 2009 bildete die Uraufführung der Oper „Linkerhand“ des Münchener Komponisten Moritz Eggert nach Brigitte Reimanns Roman “Franziska Linkerhand” den Abschluss der 44. Musikfesttage in Hoyerswerda. Das Libretto stammt von der Münchener Autorin Andrea Heuser?, der zweiten Preisträgerin beim Jokers Lyrik-Preis 2009.

Auszeichnungen

  • 1961 Literaturpreis des Freien deutschen Gewerkschaftsbundes für "Ankunft im Alltag"
  • 1965 Heinrich-Mann-Preis? der Deutschen Akademie der Künste für "Die Geschwister"

Werke (Auswahl)

  • Bücher von und über Brigitte Reimann bei Jokers
  • Der Tod der schönen Helena, Verlag des Ministeriums des Innern, Berlin 1954
  • Die Frau am Pranger, Verlag Neues Leben, Berlin 1956
  • Das Geständnis, Aufbau-Verlag, Berlin 1960
  • Ankunft im Alltag, Verlag Neues Leben, Berlin 1961, Aufbau Tb, Berlin, 2. Aufl. 2001, ISBN-13: 978-3746615387
  • Die Geschwister, Aufbau-Verlag, Berlin 1963; Aufbau Tb, Berlin, 4. Aufl. 1998, ISBN-13: 978-3746615301
  • Das grüne Licht der Steppen, Tagebuch einer Sibirienreise, Verlag Neues Leben, Berlin 1965; Aufbau Tb, 2. Aufl. 2000, ISBN-13: 978-3746615349
  • Franziska Linkerhand, Verlag Neues Leben, Berlin 1974; Aufbau Tb, 7. Aufl. 2000, ISBN-13: 978-3746615356
  • Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963, Aufbau Tb, Berlin, 4. Aufl. 2000, ISBN-13: 978-3746615363
  • Alles schmeckt nach Abschied, Tagebücher 1964-1970, Aufbau Tb, Berlin , 3. Aufl. 2001, ISBN-13: 978-3746615370
  • (gemeinsam mit Christa Wolf) Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973, Aufbau Tb, Berlin, 4. Aufl. 1999, ISBN-13: 978-3746615325
  • Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern, Aufbau Verlag, Berlin 2008, ISBN: 978-3351032470
  • Wär schön gewesen! Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann. Aisthesis Verlag, Bielefeld, 2. Aufl. 2013, ISBN: 978-3895289750

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