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Die Stadt der Wunder

von
Eduardo Mendoza
übersetzt von Peter Schwaar

Sein 1986 erschienener und seitdem vom Suhrkamp Verlag regelmäßig wieder aufgelegte Roman „Die Stadt der Wunder“ („La ciudad de los prodigios“) war Eduardo Mendozas? bisher größter Erfolg.

Der 1943 in Barcelona geborene Schriftsteller studierte zunächst Rechtswissenschaften und arbeitete von 1973 bis 1982 in New York als Dolmetscher bei der UNO. 1975 erschien sein erster Roman „Die Wahrheit über den Fall Savolta“ („La verdad sobre el caso Savolta“). Mendoza? erhielt zahlreiche Preise, drei seiner Werke? wurden verfilmt. Er veröffentlichte außerdem Essais? und ein Theaterstück.

Heimliche Hauptperson des Romans ist die katalanische Hauptstadt selbst. Die Handlung spielt im Barcelona des 19ten und angehenden 20ten Jahrhunderts, genau zwischen den beiden Weltausstellungen 1888 und 1929. Geschickt flicht der Autor jedoch auch die Vorgeschichte der Stadt zu Zeiten der Erbfolgekriege 1701 mit der Errichtung der menschenverachtenden Festung „Ciutadella“ und der Unterdrückung der Katalanen ein, so dass die Leser ganz nebenbei die Geschichte der Region im Nordosten Spaniens kennenlernen. Mendoza? hat seinen Protagonisten Onofre Bouvila als exemplarisch geschaffen für eine Zeit, die geprägt ist von wirtschaftlicher Umstrukturierung einerseits und der Entstehung neuer Gesellschaftsformen andererseits.

Barcelona scheint aus seiner Schockstarre hochzuschrecken, es hat die erste große Chance, anerkannte Weltstadt zu werden – nach 150 Jahren kastilischer Unterdrückung. Die Stadt kommt einem tosenden, unberechenbaren Meer gleich, in dem es für jemanden wie Bouvila, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, unzählige Gelegenheiten gibt, Staub in Gold zu verwandeln. So ruft er euphorisch aus: „Herrliche Zeiten für jemand, der ein wenig Fantasie, genug Geld und viel Wagemut hat!“

Mendozas? Romanheld kommt 1887 als dreizehnjähriger Bauernsohn mit großen Erwartungen in Barcelona an. In einer schäbigen Pension macht er die Bekanntschaft mit skurrilen Figuren, angefangen mit dem sich nachts zum Transvestiten verwandelnden Besitzer und seiner heimlich auf die Anarchie wartende Tochter Delfina bis hin zur gealterten Wahrsagerin.

Anfangs fühlt er sich zu einer Gruppe von Anarchisten hingezogen, wird aber schon bald von den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des Kapitalismus verführt. Er bietet zunächst Haarwuchsmittel in Marktschreiermanier an und kommt dann über kleinere „Deals“ zu den ganz großen Gangstern. Bouvila entwickelt sich vom schüchternen Bauernjungen zum Ausbeuter und Hedonisten. Er lässt sich keinen Trend entgehen, profitiert auf Kosten anderer vom Fortschritt, amüsiert sich in der Nachtszene.

Eduardo Mendoza? arbeitet gern mit Superlativen: Der kleinkriminelle Grünschnabel Onofre Bouvila avanciert schließlich zum reichsten Mann der Welt. Dennoch belastet ihn, dass er es nie zu sozialem Ansehen bringt, und er will sich zumindest selbst unbedingt beweisen, dass er immer noch einen Schritt weitergehen kann, dass er immer neue Marktlücken entdeckt, die er ausfüllen kann.

Dem Außenseiter und Eigenbrötler gelingt es nicht, wahre Freunde und Vertrauenspersonen zu erkennen, er versteht seine Umwelt nicht – insbesondere die Frauen. Erst kurz vor Schluss erlebt er ein Gefühl, das er für Liebe hält - mit einer jungen Frau, die ihm Jahre zuvor als Kind aufgefallen war.

Da der Protagonist Barcelona auf ebenso mysteriöse Weise verlässt, wie er es betreten hat, wirkt sein Dasein wie bloßes Blendwerk. Er hat sich ein Leben fabriziert, das ihn, wie er glaubt, von den traumatischen Erlebnissen seiner Kindheit befreit. Er betrügt sich selber mit der Vorstellung, seinen Vater, der im Leben „nichts erreicht hat“, zu hassen. Somit beschuldigt er ihn einerseits für seine Rückschläge, andererseits versucht er nie, sich mit ihm auszusprechen. Als sein Vater Hilfe braucht, verweist er schroff auf seinen Bruder und entzieht sich damit der Verantwortung. Der Zwang, schon in frühen Jahren ganz auf sich allein gestellt zu sein, ließ ihm keine Zeit, ein empathisches Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln.

Wie das Leben des Helden, so erscheint auch die Stadt an sich als Fata Morgana, der ungehindert anhaltende Fortschritt der Industrialisierung und das Anhäufen von Besitztümern als ephemere Phase, die mit dem Börsenkrach an der Wall Street 1929 vorerst ein abruptes Ende findet.

Mit viel Wortwitz? und don-quijotesken Figuren des städtischen Kosmos hat Mendoza? einen zeitlosen Schmöker? geschaffen - für Barcelona-Fans und solche, die es werden wollen.

Autorin: Kathrin Schubert

Literaturangaben:

  • Eduardo Mendoza, übersetzt von Peter Schwaar: Die Stadt der Wunder. Suhrkamp Verlag, Berlin 1992, ISBN: 978-3518386422


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