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Der Schneeleopard

von
Tschingis Aitmatow

Die Erzählung „Dshamilja“ (1958) brachte ihm den Durchbruch, Louis Aragon? bezeichnete sie gar als „die schönste Liebesgeschichte? der Welt“: Tschingis Aitmatow?, 1928 im Dorf Scheker im Talas-Tal in Kirgisien geboren, zunächst tätig als Viehzuchtexperte, dann als Journalist?, begründete mit ihr seinen literarischen Ruhm. „Dshamilja“ ist sein meistgelesenes Werk?, wurde vielfach übersetzt und zur Pflichtlektüre? in Schulen.

Der inzwischen international gefeierte Schriftsteller mit Wohnsitz in Brüssel, Verfasser zahlreicher Erzähl- und Romanbände, war kulturpolitischer Berater Michail Gorbatschows und ist seit 1995 Botschafter der Republik Kirgisistan für die NATO und die EU. 13 Jahre nach seinem bislang letztveröffentlichten Roman „Das Kassandramal“ ist jetzt in Züricher Unionsverlag sein neuestes Werk erschienen: „Der Schneeleopard“. Original übersetzt aus dem Russischen lautet der Titel „Wenn Berge einstürzen. Die Ewige Braut“.

Der alte Dschaa-Bars

Auf über dreihundert Romanseiten? greift der fast 80-jährige Autor große Themen auf: Macht und Leid der Liebe, die Naturverbundenheit seines Volkes und die zunehmende Zerstörung aller Lebensgrundlagen durch Gier und Profitsucht. Aitmatows „Schneeleopard“ ist Bilanz und Warnung zugleich. In der Verflechtung alter kirgisischer Legenden mit gegenwärtigen Auswüchsen der Globalisierung entwirft er ein Epos voll dramatischer? Spannung, zutiefst berührend und beklemmend zugleich.

Der in die Jahre gekommene Schneeleopard Dschaa-Bars, ehemals unbezwingbarer Herrscher der Berge, spürt, dass seine Kräfte schwinden. Ausgestoßen vom Rudel und verjagt von einem jüngeren Rivalen, zieht es ihn durch den meterhohen Schnee in die Einsamkeit der Gebirgshöhen. Am Pass des Usengilesch-Bügels steckt er fest, er sucht ihn zu überwinden, um auf dem Hochplateau zwischen den Gebirgskämmen für immer zu verschwinden.

Unten im Tal, in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, erlebt der unabhängige Journalist Arsen Samantschin derweil die größte Schmach seines Lebens: Angegriffen von einer längst gezügelten Presse und verlassen von seiner Geliebten, der Sopranistin Aidana, wird er rüde des Restaurants „Eurasia“ verwiesen und auf dem Heimweg von den Bodyguards ihres neureichen Gönners zusammengeschlagen. Es schwört Rache, ergeht sich sogar in Mordphantasien.

Onkel Bekturs „Jagd-Bisnes“

Ein Anruf seines Onkels Bektur kommt da gerade recht. Der ehemalige Kolchosvorsitzende erwartet zahlungskräftige Kunden aus den Arabischen Emiraten. Die Jagd auf Schneeleoparden verspricht ein einträgliches „Bisnes“ – für Bektur-Aga samt seiner Firma und ihren vielen Helfern aus dem Gebirgsdorf Tujuk-Dschar. Arsen soll übersetzen, die ausländischen Gäste standesgemäß empfangen und begleiten.

Deren Öldollars sind heiß begehrt in der abgelegenen Bergregion. Arbeit ist knapp, die Verdienstmöglichkeiten gering. Arsens Bruder, früher Arzt und Therapeut, züchtet jetzt Wolfshunde für den europäischen Markt. Sagsan, der ehemalige Lehrer, schlägt sich als Pferdehirt durch, nachdem er mehrere Jahre als fliegender Händler unterwegs war. So wie jetzt Elesa, ehemals Bibliothekarin, sich im Reisegeschäft mit Kramwaren aller Art abmüht.

Was zählt da der alte Schneeleopard, der Großkopf-Schweifige, der sagenumwobene Herrscher der Berge? Seit Tagen wird er von Bekturs Helfern am Pass des Usengilesch-Bügels beobachtet. Er scheint zu warten. Worauf? Der „Plan Dschaa-Bars“ ist perfekt organisiert, der Einsatz genau kalkuliert, das Geld sicher ...

Drama am Usengilesch

Doch auch Taschafghan, Arsens Schulfreund und einer der Jagdtreiber, möchte den großen Reibach machen. Der langjährige Afghanistankämpfer zieht Arsen mit hinein in den Komplott: Die dollarschweren Araber sollen hoch oben im Gebirge, kurz vor dem Abschuss Dschaa-Bars’, als Geiseln für ein Lösegeld in Millionenhöhe genommen werden. Arsen wird Teil einen mörderischen Plans ...

Tschingis Aitmatow, der große Kirgise, der in den Traditionen seines Volkes aufwuchs und seine Stilistik an der russisch-realistischen? Schule eines Dostojewski, Tolstoj und Gorki erprobte, hat ein Alterswerk geschaffen, das den Leser unweigerlich in seinen Bann zieht. Vor der majestätischen Kulisse des Tienschan-Gebirges entfaltet er ein Drama um Liebe und Tod, um Sinn und Würde der menschlichen Bestimmung in Natur und Schöpfung.

Sein suggestiver? Duktus? treibt das schicksalhafte Geschehen unausweichlich voran. Mythos Mythologisch anmutende? Zitate verflechten sich mit präzise beobachtetem Alltag und allgemein menschlichen, universellen Fragen der Ethik? und Philosophie?. Der Sog der Sprache, die Engführung der Handlung und Themen und Motive? entfalten einen Zauber, der den Leser gefangen hält – bis zum dramatischen Finale? hoch oben am Pass.

Ausverkauf der Natur

„Der Hauptgrund für die Übel unserer Zeit“, so Aitmatow in einem Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, „ist Armut. Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildung, ungelöste soziale Probleme.“ „Der Schneeleopard“ bilanziert die Konflikte der in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit (1991) gepriesenen „Insel der Demokratie“ Kirgisistan. Die Ausbildung korrupter Oligarchien, das Abrutschen großer Bevölkerungsteile unter die Armutsgrenze fördern Kriminalität, Schwarzmarkt und den Ausverkauf der Natur.

Illegale Jagd, die Zerstörung ihres Lebensraumes und der Klimawandel gefährden die einzigartige Tierwelt der Region. Nach jüngsten Schätzungen leben in Kirgisistan noch 260 Schneeleoparden. In nur wenigen Jahren fielen 50 bis 80 Prozent des Bestandes der Wilderei und dem illegalen Handel zum Opfer. Tschingis Aitmatow selbst ist Schirmherr eines seit Ende der 1990er Jahre bestehenden Schutzprogramms, das der Naturschutzbund Deutschland (NABU) initiierte.

Zusätzlich zur Arbeit der Wildhütertruppe „Gruppa Bars“ werden in Zusammenarbeit mit der kirgisischen Regierung Umweltbildungsmaßnahmen im gesamten Land durchgeführt. Seit 1998 ist inmitten der Hochgebirgsregion Tienschan das „Issyk-Kul-Biosphärenreservat“ ausgewiesen, mit einer Fläche von 43.000 km2 das größte Schutzgebiet der Nordhalbkugel. Diesen ehrgeizigen Vorhaben stehen jedoch eine Reihe kurzfristiger ökonomischer Interessen entgegen.

Vergessen scheint, dass erst 1998 ein mit hochgiftigem Zyanid beladener Lastwagen in einen Fluss stürzte, der in den Issyk-Kul-See mündet, das größte Wasserreservoir Kirgisistans und der Region. Vergiftungen und Krankheiten in den Dörfern des Gebietes waren die Folge.

Im Roman lässt Aitmatow im Restaurant „Eurasia“ seine Aidana, den neuen Showbiz-Star, trällern: „Liebst du mich? Liebst du mich? Schenkst du mir die Limousine?“ Kanadische Global Player verhandeln indes um weitere Abbaurechte an einer Goldmine hoch oben im Tienschan. Ausländisches Kapital ist willkommen, die Goldmine lukratives Geschäft für Investoren und begehrter Arbeitgeber in der Region.

Wenn Berge einstürzen

„Ich bin bestimmt kein Globalisierungsgegner“, so Aitmatow in dem oben zitierten Interview. „Es ist eine logische geschichtliche Entwicklung. Aber ich möchte zeigen, wie sich die Globalisierung sogar auf die Bewohner eines kleinen Bergdorfes in Kirgisistan auswirkt ... bis in die persönlichen Verhältnisse hinein, sogar bis in die Tierwelt.“

Die Warnungen des Schamanen jedenfalls, den Aitmatow in „Der Schneeleopard“ im Dorf Tujuk-Dschar ansiedelt, verhallen ungehört: „Seht ihr nicht / Die Berge stürzen ein / Seht ihr nicht / Die Bäume liegen herum / Sehr ihr nicht / Der Fluss strömt zurück / ...“ Onkel Bekturs Männer lachen.

Literaturangaben:

  • AITMATOW, TSCHINGIS: Der Schneeleopard. Roman. Aus dem Russischen von Friedrich Hitzer. Unionsverlag, Zürich 2007, ISBN: 978-3293003705, 313 S., 19,90 Euro.


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