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Spannung

Spannung nennt man die Erregung von emotionalen oder körperlichen Reaktionen beim Lesen von Literatur. In der Literaturwissenschaft ist es üblich, zwischen Spannung der Handlung und ästhetischer Spannung zu unterscheiden.

Definition

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Als Spannung bezeichnet man die Erregung von emotionalen oder körperlichen Reaktionen beim Lesen von epischen oder dramatischen Werken?. In der Lyrik spielt der Begriff nur eine untergeordnete Rolle. Spannung äußert sich beim Leser auf ganz unterschiedliche Weise: Charakteristisch sind Gefühle, wie z. B. Angst, Unruhe, Freude, Hoffnung, Erleichterung oder Ungeduld, es können aber auch körperliche Reaktionen auftreten wie z. B. feuchte Hände, Lachen oder Weinen.

Spannung wird häufig als wesentliches Merkmal der Trivial- und Unterhaltungsliteratur definiert. Im Kriminalroman oder in der Abenteuergeschichte ist die Spannung aufs Engste mit dem Schicksal des Protagonisten verknüpft. Die Handlung läuft zumeist auf eine dramatische Entweder-Oder-Entscheidung hinaus, wie z. B. Leben oder Tod, Rettung oder Untergang, Freiheit oder Gefangenschaft. Voraussetzung für das Erlebnis dieser Art von Spannung ist die Identifikation des Lesers mit dem Helden.

Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

Ästhetik vs. Handlung

Daneben gibt es eine weitere Form von Spannung, die hauptsächlich durch ästhetische Reize hervorgerufen wird. Dabei geht es weniger um den Lauf der Handlung und die Frage, ob z. B. der Held am Leben bleibt oder nicht, sondern um die literarischen Mittel, die der Autor verwendet, um Phänomene wie z. B. die Großstadt oder den Krieg darzustellen. Die Spannung geht in diesem Fall von der ästhetischen Form aus (vor allem natürlich dann, wenn diese neu ist) und fesselt dadurch die Neugier des Lesers. Voraussetzung für das Erlebnis dieser Art von Spannung ist die Kenntnis verschiedener literarischer Darstellungstechniken.

In der Literaturwissenschaft gilt die ästhetische Spannung im Allgemeinen als die wertvollere. Diese Einschätzung ist jedoch nicht unproblematisch und schon gar nicht endgültig, wie ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt: Als Fjodor Dostojewski im 19. Jahrhundert seine großen Romane wie z. B. „Schuld und Sühne“ (1866) oder „Die Dämonen“ (1871/1872) veröffentlichte, galten diese bei vielen Zeitgenossen als reine Spannungsschmöker. Heute hingegen fesseln Dostojewskis Romane nicht nur durch die spannende Handlung, sondern auch durch die enormen ästhetischen Reize, die vor allem vom psychologischen Einfühlungsvermögen des Autors inspiriert sind.

Als Klassiker, die spannende Handlung mit ästhetischen Reizen auf kunstvolle Weise verbinden, gelten z. B. „Der Meister des jüngsten Tages“ (1923) von Leo Perutz, „Berlin Alexanderplatz“ (1929) von Alfred Döblin, „Der Baron Bagge“ (1936) von Alexander Lernet-Holenia?, „Der Name der Rose“ (1980) von Umberto Eco und „Die Vermessung der Welt“ (2005) von Daniel Kehlmann.

Kunstgriffe, um Spannung zu erzeugen

Um Spannung zu erzeugen, wenden Schriftsteller verschiedene Kunstgriffe an. Am häufigsten sind:

  • Vorausdeutung

Der Erzähler kündigt kommende Ereignisse, Verwicklungen oder Katastrophen an. Damit wird zwar die zeitliche Abfolge des Erzählten unterbrochen, was nicht immer als Ausdruck guten Stils gilt, gleichzeitig wird aber auch die Spannung erhöht und die Aufmerksamkeit des Lesers geschärft. Eigentümlicherweise deutet der Autor nur selten freudige Ereignisse voraus, meist sind die Vorausdeutungen mit unheilschwangeren Befürchtungen verbunden.

  • Irreführung

Der Autor verschleiert den Fortgang der Handlung oder gesteht dem Leser, dass er bisher nicht die Wahrheit erzählt hat. Dadurch befindet sich der Leser in einer reizvollen Sackgasse: Er ist einerseits verwirrt, möchte andererseits jedoch auch wissen, wie die Geschichte sich in Wahrheit zugetragen hat. Dieses Mittel gilt heute als obsolet und ist kennzeichnend für die Kolportageromane? des 19. Jahrhunderts, hat in diesem Umfeld aber durchaus seinen eigentümlichen Reiz.

  • Anspielung

Hier setzt der Autor beim Leser bestimmte Begebenheiten, Personen, Charaktereigenschaften, Verhältnisse als bekannt voraus. Indem der Autor z. B. auf eine Person aus der deutschen Geschichte (z. B. Kaiser Wilhelm II.) anspielt, löst er beim Leser eine Reihe von Assoziationen und Hypothesen aus, die mit dieser Person verknüpft sind. Da der Autor Kaiser Wilhelm II. jedoch nicht ausdrücklich erwähnt, tappt der Leser mit seinen Vermutungen zunächst im Dunkeln – und die Spannung steigt. Die meisten Anspielungen setzen einen kompetenten und gebildeten Leser voraus.

  • Verzögerung

Die Verzögerung bremst den Fortgang der Handlung. Häufig schaltet der Autor an dieser Stelle Rückblenden ein oder bringt eine neue Figur ins Spiel, die möglicherweise das bisher Erzählte aus einer neuen Perspektive beleuchtet. In der Dramentheorie? spricht man von einem retardierenden Moment, das den Höhepunkt des Stückes hinauszögert und dadurch die Spannung noch einmal ansteigen lässt.

  • Cliffhanger

„Klippenhänger“ sind typisch für Fortsetzungsromane? (z. B. in Zeitungen und Zeitschriften): Ein Kapitel bricht auf seinem Höhepunkt ab, erst das nächste Kapitel liefert dann nachträglich den Höhepunkt und bringt meist auch neue dramatische Entwicklungen ins Spiel. Cliffhanger gelten als schematisch, und oft ist ein hohes Maß an Effekthascherei nötig, um am Ende eines Kapitels immer wieder einen neuen Höhepunkt zu konstruieren.

Ob ein Kunstgriff in der Praxis tatsächlich Spannung erzeugt, ist hauptsächlich vom Leser abhängig. Es kann sein, dass der eine Leser die Lektüre gespannt und mit feuchten Händen fortsetzt, während der andere Leser das Buch gelangweilt und enttäuscht aus den Händen legt, weil ihm der Ablauf der Handlung als zu konstruiert erscheint. Für den Autor ist jeder Kunstgriff ein kleines Wagnis, denn eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht. Auch diese Ungewissheit kann Spannung erzeugen, diesmal jedoch auf der Seite des Autors

Literatur

  • Eco, Umberto: Der Name der Rose. Dtv, München 1986, ISBN: 978-3423105514
  • Lernet-Holenia, Alexander: Der Baron Bagge. Zsolnay, München / Wien 1998, ISBN: 978-3552048324
  • Perutz, Leo: Der Meister des jüngsten Tages. Dtv, München 2003, ISBN: 978-3423131124

Sekundärliteratur

  • Beinhart, Larry: Crime, Krimi und Thriller schreiben. Autorenhaus Verlag, Berlin 2010, ISBN: 978-3932909504
  • Clark, Roy Peter: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. Handbuch für Autoren, Journalisten, Texter. Autorenhaus Verlag, Berlin 2008, ISBN: 978-3866710313
  • Highsmith, Patricia: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt. Diogenes, Zürich 1990, ISBN: 978-3257219241


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