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Ungar, Hermann

Hermann Ungar (geb. 20. April 1893 in Boskovice/Mähren; gest. 28. Oktober 1929 in Prag) war ein deutsch-jüdischer Romancier? und Dramatiker?. Sein 1923 erschienener Roman „Die Verstümmelten“ gilt als eins der formal strengsten und thematisch? radikalsten Prosawerke der deutschen Literatur?.

Leben

Hermann Ungar wurde am 20. April 1893 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie im Judengetto von Boskovice in Mähren geboren. Im Getto von Boskovice, das erst nach dem Ersten Weltkrieg mit der übrigen Stadt vereinigt wurde und dessen alteingesessene jüdische Gemeinde deutschsprachig war, wuchs er auch auf. Sein Vater war Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Die Boskovicer Judenstadt war im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum des Talmud-Studiums in Mähren geworden. Außerhalb des Gettos wurde ausschließlich tschechisch gesprochen. Hermann Ungar sprach beide Sprachen.

Da es in Boskovice kein Gymnasium gab, besuchte Hermann Ungar das 2. deutsche Gymnasium in Brünn. Dort war er Klassenprimus. Er schrieb erste literarische Texte, meist Theaterstücke, in denen es, wie er später sagte, sehr viel Leidenschaft, Liebe und Leichen gegeben habe. Das gesamte Frühwerk? Hermann Ungars ist verschollen. In Brünn machte er das Abitur, spielte Fußball und Klavier, nahm Turnstunden und lernte Fechten. Unter dem Einfluss der kulturphilosophischen Schriften von Professor Alfred Jeremias? aus Leipzig begann er 1911 sein Studium der Orientalistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin.

In Berlin machte Hermann Ungar die Bekanntschaft des Verlegers und Zionisten Alfred Krojanker?, der später den Welt-Verlag? leitete und unter anderem Bücher von Arnold Zweig?, Ilja Ehrenburg und Else Lasker-Schüler herausgab. In der Erinnerung Alfred Krojankers erscheint Hermann Ungar als ein Mensch, der sich stets in einem sonderbaren Zustand zwischen Rebellion und Konvention befunden habe. Zu dieser Zeit trug Hermann Ungar mit Vorliebe dunkle Gewänder, die in einem merkwürdigen Gegensatz zu den weichen und rosigen Zügen seines Gesichtes standen.

Nach einem Jahr brach Hermann Ungar sein Studium in Berlin ab. Ab 1912 studierte er Jura, erst in München, dann in Prag, wo er bereits im Oktober 1913 seine erste juristische Staatsprüfung mit Auszeichnung ablegte. In Prag übernahm er den Vorsitz der Barissia – einer schlagenden Verbindung, die nach dem Vorbild deutscher Burschenschaften organisiert war und einer zionistischen Lebensauffassung den Weg bereiten wollte.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 meldete sich Hermann Ungar als Einjährig-Freiwilliger. Er diente beim 5. k.u.k. Artillerieregiment, kämpfte an der russischen Front und erhielt die Silberne Tapferkeitsmedaille II. Klasse. In Galizien wurde er verwundet und nach einem längeren Lazarettaufenthalt als untauglich entlassen. Als Folge der Verwundung hinkte Hermann Ungar.

Die Literaturkritik weist darauf hin, dass Hermann Ungar – wie viele Schriftsteller seiner Generation – durch das Kriegserlebnis verwandelt wurde. Insbesondere sein Blick für das Zerstörerische im Menschen hat sich so geschärft.

Hermann Ungar ging zwar zurück an die Universität in Prag, wandte sich aber vom Zionismus und dem Korporationswesen ab. Im April 1918 wurde er zum Doktor der Rechte promoviert. Er schlug die juristische Laufbahn jedoch aus, ging stattdessen als Dramaturg? und Schauspieler? an das Stadttheater in Eger und war bis 1920 als Bankangestellter bei der Escompte Gesellschaft für Industrie und Handel in Prag tätig. 1920 debütierte? Hermann Ungar mit dem Erzählband „Knaben und Mörder“, der im Wiener erschien. Die Helden der Erzählungen sind besessen von selbstzerstörerischen Trieben und Psychosen, die in sadistischen Gewaltexzessen zur Entladung kommen. Thomas Mann, der das Buch am 29. Mai 1921 in der „Vossischen Zeitung“ besprach, sah in dem Autor ein Talent, das in der Zukunft noch von sich reden machen werde.

Noch im selben Jahr wechselte Hermann Ungar in die Handelsabteilung der tschechoslowakischen Botschaft in Berlin, wo er bis 1928 tätig war. Anschließend war er Ministerialkommissar auf dem Hradschin in Prag. In Berlin machte er die Bekanntschaft des Lyrikers und Diplomaten Camill Hoffmann?. Dessen Tochter Edith Yapou beschrieb Herman Ungar 1921 als einen bleichen Hypochonder und exzessiven Plauderer, der seinen Hang zu unanständigen Witzen nur schwer kontrollieren könne. 1921 diagnostizierten Ärzte ein Nervenleiden bei Hermann Ungar, das ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen sollte.

1923 erschien im Berliner Ernst Rowohlt Verlag? Hermann Ungars Roman „Die Verstümmelten“, in dem er die bürgerliche Moral als Farce entlarvt. In „Die Verstümmelten“ schildert er Menschen, die von Geld- und Sexualgier getrieben werden und sich gegenseitig zugrunde richten. 1927 folgte der Roman „Die Klasse“, 1930 erschien der Nachlassband? „Colberts Reise“, zu dem Thomas Mann das Vorwort? verfasst hat. Merkmale von Hermann Ungars Prosa sind: Kühle und Sachlichkeit. Er erzählt ohne Abschweifungen und verzichtet auf schmückendes Beiwerk. In seinen Büchern existiert keine Natur, keine Landschaft. Orte der Handlung sind Klassenzimmer, Büros, Gefängniszellen, Bordellgassen und Kleinbürgerwohnungen. Geschildert werden Menschen, die unter dem Einfluss übermächtiger Zwänge, Neurosen und Fetische stehen. Stefan Zweig hat Hermann Ungar eine Vorliebe für schlechten Geruch und unreinliche Situationen vorgeworfen, zudem, so ein weiterer Vorwurf Zweigs, grenze Ungars Mitleidlosigkeit an Perversion.

Am 28. Oktober 1929 starb Hermann Ungar in Prag an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Sechs Wochen später wurde sein Schauspiel? „Die Gartenlaube“ im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. 1933 wurden Hermann Ungars Bücher verboten. Erst Jahrzehnte später wurden Teile seines Werks dem Publikum? wieder zugänglich gemacht. Der Literaturwissenschaftler? Dieter Sudhoff? hat 1990 Hermann Ungars Drama „Krieg“ aus dem Nachlass? herausgegeben.

Literarische Arbeiten

Die Verstümmelten, Roman (1923)

Hermann Ungars Roman „Die Verstümmelten“ erschien 1923 im Berliner Ernst Rowohlt Verlag?. Der Roman gilt als Hauptwerk des Autors, dessen schmales Œuvre? zwei Romane, drei Schauspiele?, einige Erzählungen und Essays umfasst. Nach seinem Erscheinen rief der Roman sofort höchstes Lob, aber auch entschiedene Ablehnung hervor. Neuere Einschätzungen weisen dem Roman den Rang eines der formal strengsten und thematisch radikalsten Prosawerke der deutschen Literatur zu. Zudem wird die Nähe zum Werk Franz Kafkas betont.

Ein Held dieses in Prag spielenden Romans ist der Bankbeamte Franz Polzer, der aus niederen Verhältnissen stammt und zwanghaft bemüht ist, seinen Alltag von Störungen frei zu halten. Ein weiterer Held ist der durch eine progressive Gliederfäulnis physisch und psychisch verstümmelte Karl Fanta, der früher ein Mitglied der hohen Gesellschaft war und heute, wie er bekennt, nur noch aus Bosheit am Leben bleibt. Franz Polzer und Karl Fanta sind seit ihrer Jugend befreundet. Franz Polzer holt Karl Fanta in seine Wohnung, um dem sterbenden Freund beizustehen. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Zu den Nebenfiguren gehören Polzers Vermieterin, eine lustige Witwe, deren sexuelles Verlangen bei Polzer Ekel hervorruft; Fantas Frau, die von Fanta mit sadistischer Grausamkeit gedemütigt wird; der Pfleger Sonntag, ein ehemaliger Schlächter, der unter religiösen Wahnvorstellungen leidet. Franz Polzer wird in Verzweiflung getrieben. Am Ende geschieht ein Mord. Der Täter bleibt jedoch unbekannt.

Übrigens …

Die Uraufführung? von Hermann Ungars Schauspiel? „Die Gartenlaube“ fand am 12. Dezember 1929 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm statt. Da war der Autor bereits seit sechs Wochen tot. Als Bertolt Brecht 1943 im amerikanischen Exil an seinem Drama „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ (erschienen 1965) arbeitete, hat er sich bei Hermann Ungars „Die Gartenlaube“ bedient und wörtliche Zitate übernommen.

Werke (Auswahl)

  • Bücher von Hermann Ungar bei Jokers
  • Ungar, Hermann: Die Klasse. Berlin, Maas Verlag 2001, ISBN-13: 978-3929010619
  • Ungar, Hermann: Die Verstümmelten. Berlin, Maas Verlag 2002, ISBN-13: 978-3929010626
  • Ungar, Hermann: Knaben und Mörder. Leipzig, Faber & Faber 2001, ISBN-13: 978-3932545504
  • Ungar, Hermann: Sämtliche Werke in 3 Bänden. Band 1: Romane (ISBN-13: 978-3896211248) , Band 2: Erzählungen (ISBN-13: 978-3896211255), Band 3: Gedichte, Dramen, Feuilletons, Briefe (ISBN-13: 978-3896211262). Oldenburg, Igel Verlag 2001-2002

Sekundärliteratur

  • Lehnen, Carina: Krüppel, Mörder und Psychopathen. Zu Hermann Ungars „Die Verstümmelten“. Oldenburg, Igel Verlag 1990, ISBN-13: 978-3927104099
  • Linke, Manfred: Hermann Ungar. Eine Einführung in sein Werk und eine Auswahl. Stuttgart, Franz Steiner Verlag 1998, ISBN-13: 978-3515011402
  • Sudhoff, Dieter: Hermann Ungar. Leben - Werk - Wirkung. Würzburg, Koenigshausen + Neumann G 1997, ISBN-13: 978-3884794937
  • Suhr, Sabine: Neusachliche Blicke auf die Rolle der Frau als Verbrecherin. Außenseiter der Gesellschaft. Tönning, Der Andere Verlag 2005, ISBN-13: 978-3899593686

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