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Bildhafte Figur

Bildhafte Figuren sind ein wichtiger Bestandteil der Sprache und gehören in das literaturwissenschaftliche Spezialgebiet der Stilistik. Sie dienen der Verlebendigung, Veranschaulichung oder Ausschmückung von literarischen Texten.

Definition

Bildhafte Figuren sind ein wichtiger Bestandteil der Sprache und nehmen auch in der Welt der Literatur eine herausragende Stellung ein. Jeden Tag haben wir mit bildhaften Figuren zu tun, z. B. beim Lesen eines Buches oder einer Zeitung?. Auch in der Politik und der Werbung sind bildhafte Figuren sehr populär – jedoch mit einem kleinen aber feinen Unterschied zur Literatur: Während sie in Werbung und Politik der Manipulation von Menschen dienen, ermöglichen sie in der Literatur durch ihre starke Bildhaftigkeit ein besseres Verständnis von mehr oder minder komplexen Texten.

In der Literaturwissenschaft gehören die bildhaften Figuren zum Spezialgebiet der Stilistik. Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen zwei verschiedenen Arten von bildhaften Figuren:

  • Sprachbilder - hier wird häufig mit Wörtern und ihren Bedeutungen gespielt
  • Tropen - hier wird immer ein gemeinter Ausdruck durch einen bildhafteren ersetzt

Leider ist es den Literaturwissenschaftlern bisher noch nicht gelungen, beide Untergruppen deutlich von einander abzugrenzen. Diese Schwierigkeit rührt wohl auch daher, dass die einzelnen Sprachbilder und Tropen sehr alt sind. Die Mehrzahl hat ihren Ursprung in der antiken Dichtung, Rhetorik und Philosophie – was man an ihren zumeist griechischen und lateinischen Namen erkennt, z. B. Oxymoron?, Pleonasmus?, Hyperbel?. Seit ihrem Bestehen sind die einzelnen Sprachbilder und Tropen einem ständigen Bedeutungs- und Definitionswandel unterworfen, der bis in die Gegenwart andauert. Das erklärt vielleicht, weshalb die Literaturwissenschaftler? bis heute an einer wasserdichten Abgrenzung zwischen den beiden Untergruppen „basteln“. Für denjenigen, der sich in Schule, Universität oder Freizeit mit bildhaften Figuren beschäftigt, bedeutet das vor allem: Gelassenheit, Geduld und viel Verständnis für die Tücken der (nicht nur deutschen) Sprache!

„Ich bin geflogen“

Ungeachtet aller bestehenden Unklarheiten gibt es dennoch ein wesentliches Merkmal, das Tropen und Sprachbilder unterscheidet. Beim Tropus wird immer ein gemeinter Ausdruck durch einen bildhafteren ersetzt. Wenn z. B. die Mutter zu dem Kind sagt: „Du bist aber schnell“ und das Kind darauf antwortet: „Ich bin geflogen“, dann hat das Kind unbewusst den gemeinten Ausdruck durch einen bildhaften ersetzt. Denn das Kind ist natürlich nicht geflogen, es hat vielleicht nur besonders schnell in die Pedalen seines Fahrrads getreten oder es hat, was neuerdings auch manchmal vorkommt, das Auto vom neuen Mathelehrer „geborgt“ (Tropus!). Eine berühmte Spielart des Tropus sind die Metaphern.

Beim Sprachbild findet diese Ersetzung von Ausdrücken im Allgemeinen nicht statt. Das Sprachbild lässt sich dagegen als ein Spiel mit den Wörtern und ihren Bedeutungen bezeichnen. Ihren besonderen Reiz erhalten viele Sprachbilder durch die unerwartete Verknüpfung von Wörtern, die sich im Grunde widersprechen, z. B. „helldunkler“ Wintermorgen oder „süßsaurer“ Zungenkuss.

Veranschaulichung und Verlebendigung

Wie bereits angedeutet, haben die meisten bildhaften Figuren ihren Ursprung in der Antike. Nachdem sie sich in der Sprache spontan gebildet hatten, wurden sie von den Gelehrten nach und nach gesammelt und klassifiziert. Antike Dichter wie Homer und Sophokles?, aber auch Philosophen wie Aristoteles? und Platon? griffen in ihren Werken immer wieder auf bildhafte Figuren zurück. Würde man z. B. aus Homers „Ilias“ alle bildhaften Figuren entfernen, dann ginge nicht nur sehr viel Text verloren, auch der einzigartige Reiz des gewaltigen Schlachtenepos bliebe auf der Strecke.

Bildhafte Figuren dienen der Verlebendigung, Veranschaulichung oder Ausschmückung von literarischen Texten. Seit der Antike hat sich daran nichts geändert. Auch moderne Autoren wie Heinrich von Kleist oder Alfred Döblin griffen – ob bewusst oder unbewusst, das mag dahingestellt bleiben – in ihren Werken immer wieder auf bildhafte Figuren zurück. In der modernen Literaturwissenschaft gibt es sogar eine Fachrichtung, die sich speziell mit der Analyse von Stilfiguren und ihrer Popularität im Wandel der literarischen Epochen beschäftigt (Stilanalyse?). Wer mit den Methoden der Stilanalyse? vertraut ist, der könnte mit Bestimmtheit sagen, welche bildhaften Figuren z. B. in den späten Gedichten von Gottfried Benn? besonders häufig auftauchen.

Von der Tautologie zum Pleonasmus

Bildhafte Figuren sind nicht in allen literarischen Gattungen mit der gleichen Häufigkeit anzutreffen. Besonders häufig vertreten sind sie in der Lyrik – wobei es mit Blick auf die Literaturepochen große Schwankungen hinsichtlich der Popularität einzelner Figuren gibt. So war z. B. die Lyrik des Expressionismus besonders reich an Tautologien?, wohingegen die Nonsens-Lyrik? der 1980er Jahre einen extremen Hang zum Pleonasmus? hatte. Textarten, in denen gar keine bildhaften Figuren vertreten sind, sind z. B. Bedienungsanleitungen und Gebrauchsanweisungen.

Literatur

  • Benn, Gottfried: Gedichte. Reclam Verlag, Ditzingen 1988, ISBN: 978-3150084809
  • Döblin, Alfred: Die Ermordung einer Butterblume. Dtv, München 2004, ISBN: 978-3423131995
  • Kleist, Heinrich von: Michael Kohlhaas. Reclam Verlag, Ditzingen 2003, ISBN: 978-3150002186

Sekundärliteratur

  • Erzgräber, Willi / Goetsch, Paul (Hg.): Mündliches Erzählen im Alltag, fingiertes mündliches Erzählen in der Literatur. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1987, ISBN: 978-3878087410
  • Jeßing, Benedikt / Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Metzler Verlag, Stuttgart 2007, ISBN: 978-3476021427
  • Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. Metzler Verlag, Stuttgart 2004, ISBN: 978-3476000972

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