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Tropus

Tropen gibt es nicht nur am Äquator, sondern auch in der Literaturwissenschaft - sie gehören in das Spezialgebiet der Stilistik. Ihre speziellen Formen wie Ironie? oder Metapher sind in Sprache und Dichtung weit verbreitet.

Definition

Der Begriff Tropus ist abgeleitet aus dem Griechischen (von „trópos“ = Wendung). Der Tropus (auch die Trope; im Plural?: die Tropen oder Tropoi) ist ein Fachbegriff der Stilistik. Als solcher meint er Wörter, die nicht im eigentlichen Sinn, sondern in einem übertragenen, bildlichen Sinn benutzt werden. Zwei Beispiele: Man verwendet das Wort "Blüte" für Jugend oder man sagt „Ich fliege“ statt „Ich eile“. Immer gibt es also einen inhaltlichen Unterschied zwischen der ursprünglichen Bedeutung des Gesagten und dem Gemeinten. Vom Autor werden Tropen normalerweise bewusst eingesetzt, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Der Tropus ist eng verwandt mit dem Sprachbild, einen klaren Unterschied zwischen beiden Figuren gibt es nicht. Als Faustregel zur Unterscheidung gilt jedoch: Beim Tropus wird immer ein gemeinter Ausdruck durch einen bildhafteren ersetzt. Das Sprachbild dagegen kann als ein Spiel mit den Wörtern und ihren Bedeutungen bezeichnet werden. Einen besonderen Reiz erhalten viele Sprachbilder durch die überraschende Verknüpfung von Wörtern, die sich im normalen Sprachgebrauch widersprechen, z. B. „fröhlichtraurige“ Kinderaugen oder „schlafwachender“ Golem.

Eine andere Bedeutung hat das Wort in Bezug auf liturgische Gesänge aus dem Mittelalter. Hier bedeutet es eine Erweiterung vorhandener Lied-Strukturen in Form von Text, Melodie oder einer Mischung aus beidem.

Aufbau

Will man einen Tropus analysieren, sind in der Regel drei Elemente zu berücksichtigen:

  • das Substitutum S1: der ursprüngliche Begriff, der ersetzt wurde.
  • das Substituens S2: der konkrete Tropus (der ersetzende Begriff)
  • der Signalkontext K: ein Satz-Zusammenhang, der anzeigt, dass etwas ersetzt wurde.

Beispiel: „Armin tötet Lutz mit seiner Wut“. Hier ist „Wut“ der Tropus (S2). Der Satz zeigt dem Leser allerdings an, dass Armin den Lutz mit einem Gegenstand getötet haben muss. Da „Wut“ kein Gegenstand ist, hat es eine Ersetzung (Substituierung) gegeben. Der Tropus „Wut“ hat den ursprünglich verwendeten Begriff ersetzt. Das merkt man am widersprüchlichen Satz-Zusammenhang, dem Signalkontext K. Welcher Begriff ersetzt wurde, kann nicht aus dem Beispiel hervorgehen. Als Substitutum (S1) kämen zum Beispiel ein Messer oder eine Pistole in Frage.

Formen des Tropus

Darüber hinaus lassen Tropen sich einteilen in Grenzverschiebungstropus? und Sprungtropus?. Die Zuordung ist nicht immer eindeutig. Es geht darum, ob eine inhaltliche Nähe zwischen dem Tropus und dem Ausdruck, den er ersetzt, gegeben ist.

Grenzverschiebungstropus

Ist der Inhalt aus dem gleichen Themenfeld, dann handelt es sich um einen Grenzverschiebungstropus? (Nachbarschaftstropus). Das heißt so, weil beide Ausdrücke durch eine leichte Verschiebung der Grenzen des eigenen Inhaltsbereiches den jeweils anderen ersetzen können. Beispiel aus Vergils? Epos „Aeneis“: Wo es zu Beginn heißt „Ich singe von Waffen und dem Mann“, ist eigentlich gemeint „Ich singe von Kriegstaten und Aeneas“. Da die Inhaltsbereiche von „Kriegstaten“ und „Waffen“ sowie von „Aeneas“ und „Mann“ benachbart sind, liegen hier zwei Grenzverschiebungstropen vor. Dazu zählen in der Regel auch Periphrasen? (Umschreibungen), etwa „Höllenfürst“ als Umschreibung? von „Teufel“.

Sprungtropus

Liegen die Inhaltsbereiche jedoch weit auseinander, ist die Rede von einem Sprungtropus?. So genannt, weil man gedanklich quasi von einem Inhaltsbereich in einen anderen springen muss, um den Inhalt zu verstehen. Sagt jemand „Er hämmerte den Ball ins Tor“, ist gemeint „Er schoss den Ball mit voller Kraft ins Tor“. Das Verb? „hämmern“ entstammt dem Inhaltsbereich Handwerk und ist vom Inhaltsbereich Sport bzw. Fußball weit entfernt. Gleiches gilt etwa für den gängigen Ausdruck „Löwen“ für Fußballspieler des TSV 1860 München.

Unterformen

Grenzverschiebungs- und Sprungtropen lassen sich jeweils in Unterkategorien unterteilen.

Metonymie und Synekdoche

Die beiden wichtigsten Formen der Grenzverschiebungstropen? sind Metonymie? und Synekdoche?.

Um Metonymie? handelt es sich, wenn der Tropus aus dem gleichen Inhaltsbereich des zu ersetzenden Wortes stammt. Im Beispiel „Napoleon schlug die Preußen vernichtend“ geht es natürlich um das französische Heer, das durch den Namen seines Heerführers ersetzt worden ist. Metonymien? sind häufig Vereinfachungen. Hier steht der Befehlshaber für seine kämpfenden Soldaten. Weitere Varianten von Metonymien?: Ursache steht für Wirkung („Ich habe Schiller gelesen“), Rohstoff für ein Erzeugnis („Eisen“ für „Schwert“), Gefäß für Inhalt („Ich trinke ein Glas“) oder der Regierungssitz für die Regierenden (im Falle der Bundesregierung „Berlin hat entschieden ...“).

Eine Synekdoche? liegt vor, wenn entweder ein Teil für sein Ganzes oder umgekehrt das Kollektiv für das einzelne Individuum steht: „Der Engländer hat einen schwarzen britischen Humor“ oder „Der Deutsche liebt die Ordnung“ sind zwei Beispiele, in denen einem ganzen Kollektiv bzw. einer Bevölkerungsgruppe mit Hilfe eines für alle stehenden Individuums (der Engländer, der Deutsche) eine bestimmte Vorliebe oder Abneigung im Sinne eines allgemeinen Vorurteiles unterstellt wird. Der umgekehrte Fall liegt in dem Satz „Ganz Deutschland hat Angst vor einem Terroranschlag“ vor.

Metapher und Ironie

Zwei bekannte Formen der Sprungtropen? sind hingegen Metapher und Ironie?. Das heißt, in ihrem Fall werden einander nicht zugehörige Inhaltsbereiche miteinander verknüpft. Der ersetzte und der ersetzende Begriff beinhalten verschiedene Assoziationen (Konnotationen), die als Metapher oder Ironie? in Beziehung zueinander gesetzt werden.

Die Metapher nimmt einen Teil der Assoziationen des von ihr ersetzten Begriffs an, insofern dies in einem bestimmten Satz-Zusammenhang logisch erscheint. Beispiel: „Schutzgeld“ als Metapher für Geld, das die Mafia illegal durch die Androhung von Gewalt von Händlern erpresst. Geld-Eintreiben ohne echte Gegenleistung und unter Zwang ist eigentlich Raub bzw. Erpressung. Die gemeinsame Assoziation von Handel und Diebstahl ist, dass in beiden Fällen Geld den Besitzer wechselt. Der Unterschied ist allerdings, dass das nur im ersteren Fall freiwillig passiert. Die Metapher „Schutzgeld“ enthält zum einen die Assoziation eines Handels (Geld gegen Schutz), zum anderen die eines Aufpassers (beschützende Macht). Die Metapher verschleiert den kriminellen Hintergrund.

Wendet man Ironie? an, so wird bewusst ein Widerspruch zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten erzeugt. Dabei behauptet man häufig scheinheilig das Gegenteil von dem, was man eigentlich meint. Versteht der Zuhörer oder Leser das Behauptete als Ironie?, wird er zum Komplizen dessen, der sie äußert. Das erschwert eine ernsthafte Kritik an ironischen? Äußerungen. Wenn diese nicht als ironisch verstanden wird, kann der Nicht-Verstehende bei einer Reaktion als dumm gelten, weil er den Widerspruch zwischen Aussage und Sachverhalt nicht erkannt hat. Ironische? Aussagen können den Adressaten also in ausweglose kommunikative Situationen bringen. Ein leicht verständliches Beispiel: „Hansa Rostock wird noch Deutscher Meister“, wenn der Klub drei Spieltage vor Saisonende auf dem 15. Platz steht. Ironie? ist immer nur in einem bestimmten Kontext verständlich.

In der Literatur prägte besonders Friedrich Schlegel? den Begriff der romantischen Ironie?. Hierbei geht es um eine ästhetische Theorie im Zusammenhang mit Kunst. Die romantische Ironie? ist als solche ein Bestandteil romantischen Lebensgefühls. In ihr offenbart sich die Freiheit des Menschen und des Künstlers. Dieser beobachtet sein eigenes Schaffen. Den Schaffensprozess führt er in dem Bewusstsein durch, sich zu jeder Zeit über sich und über sein Werk? erheben zu können – und so in genialer Weise über den Dingen zu schweben.

Eigentlich ist die romantische Theorie aber eine Fluchtbewegung des Künstlers: Er leidet an einer existenzbedrohlichen Spannung zwischen erlebter und nicht zu überwindender Unzulänglichkeit und einer ersehnten Vollkommenheit, die er nicht erreicht. Um diese missliche Lage und das Zurückbleiben hinter dem eigenen Anspruch auf Vollkommenheit aushalten zu können, bedient er sich der romantischen Ironie?.

Weitere Anwendungen in der Literatur sind die tragische Ironie? (der Protagonist scheint ahnungslos, obwohl eine Katastrophe erkennbar bevorsteht) und die Selbstironie, in der sich auf spielerische Weise eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Standpunkt widerspiegelt. Schließlich gibt es die sokratische Ironie?: Ein von Sokrates? eingeführtes rhetorisches Mittel? der didaktischen Kommunikation?. Wer sie im Gespräch anwendet, will seinen Gegenüber durch extra „dumme“ Fragen und Fehlschlüsse zu mehr Erkenntnis und Reflexion anregen.

Weitere Unterformen


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